Zentis zahlte München-Besuch AZ exklusiv: Wulffs Gratis-Trip zum Filmball

Neue Vorwürfe gegen Bundespräsident Christian Wulff: Im Jahr 2010 besuchte der damalige niedersächsische Ministerpräsident mit seiner Frau Bettina den Filmball in München. Die Übernachtung im Bayerischen Hof zahlte der Marmeladen-Hersteller Zentis.

München - „It’s a real good Feeling“, rockte Sänger Bernie Paul um Mitternacht im holzgetäfelten Nebenzimmer des Weißwurstkellers im Bayerischen Hof für die kleine feine Gesellschaft. Da sprang Bettina Wulff in ihrem engen, roten Abendkleid auf die Bank, zog ihren leicht zögernden Christian hinterher und tanzte ausgelassen mit ihm. An diesem Abend konnte sich das Paar wirklich gut fühlen. Der Ausflug des damaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten zum 37. Deutschen Filmball 2010 in München wurde vom Marmeladen-Konzern Zentis finanziert.

Die Firma hatte einen guten Grund, sich bei Wulff zu bedanken: Zuvor hatte er einen Vortrag für sie gehalten. Die AZ deckt einen weiteren Fall auf, wie sich Christian Wulff von Unternehmern sponsern ließ. Der Anwalt der Wulffs hat die AZ-Recherchen jetzt bestätigt.

Der Konzern („Viel Frucht – Feel Good“) aus Aachen zahlte für Wulff, seine Gattin und die beiden Bodyguards die standesgemäße Übernachtung im Hotel Bayerischer Hof. Die Sicherheitsbeamten mussten Zimmer an Zimmer mit den Wulffs untergebracht werden. Eine durchschnittliche Junior-Suite in dem Fünf-Sterne-Hotel kostet 890 Euro. Es gibt aber auch noch luxuriösere Suiten. Die teuerste kostet 3600 Euro.

Gebucht wurde die Übernachtung von der Staatskanzlei Hannover. Die Rechnung ging dann an Zentis. Wulff-Anwalt Gernot Lehr zur AZ: „Herr Wulff hat mit Ehefrau am 16.1.2010 auf Einladung der Firma Zentis am Filmball in München teilgenommen. Auf Grundlage der neuen Durchführungsregeln zum niedersächsischen Ministergesetz konnten die Gastgeber Reise- und Übernachtungskosten für Regierungsmitglieder übernehmen, sofern ausgeschlossen war, dass die Annahme einer unentgeltlichen Leistung das betreffende Regierungsmitglied in der Erfüllung seiner Amtsaufgaben beeinflusst oder behindert.“

„Meine Frau wollte schon immer mal zum Filmball“

Dabei hatte ein paar Wochen davor Wulff durchaus etwas mit Zentis zu tun. Anwalt Lehr bestätigt der AZ: „Herr Wulff hat am 10.12.2009 in einem in den Niederlanden gelegenen Hotel Valkenburg aan de Geul vor der Jahresabschlusskonferenz einen Vortrag gehalten zu Fragen der Lebensmittelwirtschaft.“ Nach AZ-Informationen tagten die Mitarbeiter im eleganten Château St.Gerlach im Ort Valkenburg aan de Geul vor den Toren Maastrichts.

Den Vortrag rechtfertigt der Anwalt so: Wulff habe „die Führung der Zentis-Gruppe anlässlich dieses Termins überzeugen können, die zentrale Führungstagung des folgenden Jahres in Wolfsburg durchzuführen“. Ein Teilnehmer allerdings berichtete der AZ, bei dem Treffen in den Niederlanden habe es sich nach seinem Eindruck weniger um Führungskräfte gehandelt: „Ich hatte das Gefühl, das waren lauter Handelsvertreter.“

Da ging’s beim Filmball schon prominenter zu. Für die Wulffs war es eine Premiere. „Meine Frau wollte schon immer mal zum Filmball“, sagte Christian Wulff damals. Dabei hatte Bettina Wulff am Nachmittag noch richtig Stress. Sie musste sich erst ein passendes Kleid organisieren und wurde dann im Münchner Salon Marion Kleinert fündig. Er selber wolle Ideen sammeln und Kontakte mit Filmleuten knüpfen, ließ der damalige Ministerpräsident wissen: „Ich bin ja viel in der Filmförderung tätig.“

Doch dazu kam es nicht wirklich. Stattdessen lernte Wulff das Who is Who der deutschen Lebensmittelbranche kennen. Zentis-Vorstand Karl-Heinz Johnen, der den Filmball seit Jahren sponsert, hatte für den Abend seine Großkunden eingeladen. So waren Christian Wulff und seine Bettina im großen Ballsaal am Zentis-Tisch umrahmt von Johnens Lebensgefährtin Sandrine Molenda und Rewe-Vorstand Josef Sanktjohanser.

Diplomatische Verwicklungen im Weißwurstkeller

Im Weißwurstkeller lernte Wulff dann auch noch Joghurt-König Alois Ehrmann kennen, den Senior-Chef von Deutschlands größtem Milchverarbeitungs-Konzern. Zentis liefert für die Joghurts Früchte und Schoko-Splits.

Dabei sorgte die feine, geschlossene Gesellschaft der Lebensmittelbranche im Weißwurstkeller noch für diplomatische Verwicklungen: Denn Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer fühlte sich bei seinem niedersächsischen Kollegen sichtlich wohler als am Tisch von Filmball-Gastgeber Steffen Kuchenreuther und seinen VIPs. Ausgelassen rockte Seehofer mit. Sichtlich genervt versuchte Kuchenreuther, Seehofer aus dem Zentis-Kammerl wegzulocken.

Schließlich trat auch noch Kabarettist Christian Springer als „Fonsi“ auf. Doch er kam bei den Zentis-Gastgebern gar nicht gut an. Johnens Lebensgefährtin Sandrine Molenda giftete: Da müsse man sich ja schämen.

Die Wulffs jedenfalls haben sich für diese Einladung nicht geschämt. Dabei hatte doch Bernie Paul in der Runde auch seinen größten Hit zum Besten gegeben. Und der heißt: „No, no!“

 

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