Zehn Monate nach Einsturz Reste der Unglücksbrücke von Genua gesprengt

In einer gigantischen Staubwolke sacken die restlichen Pfeiler der Morandi-Brücke in Genua bei einer geplanten Explosion in sich zusammen. Foto: Luca Zennaro/ANSA/dpa

Für ganz Italien ist es ein wichtiges Symbol. Die Reste des eingestürzten Bauwerks in Genua sind weg. Doch so glatt die spektakuläre Sprengung auch verlaufen sein mag, bei der Aufarbeitung des Unglücks hakt es.

 

Genua - Erst Sirenengeheul, dann Knallgeräusche - und ein Mahnmal Italiens sackt in sechs Sekunden in sich zusammen. Zehntausende Kubikmeter Stahl und Beton stürzen zu Boden. Staubwolken hüllen die umstehenden Häuser in Nebel. Aber nur kurz. Die Unglücksbrücke von Genua ist Vergangenheit.

Zumindest der Rest, der davon übrig geblieben ist. Mit einer kontrollierten Explosion sind am Freitag die beiden riesigen Pfeiler gesprengt worden, die nach dem Unglück im letzten Sommer stets an die Tragödie erinnerten.

43 Menschen starben hier am 14. August 2018, als die Morandi-Autobahnbrücke in sich zusammenbrach und Autos samt Insassen in die Tiefe stürzten. Ein Unwetter zog damals über die italienische Hafenstadt hinweg. An diesem Freitag strahlt die Sonne - und auch die Verantwortlichen und die aus Rom angereisten Politiker strahlen, als die Brückenreste in weißen Staubwolken verschwinden und Wasserkanonen giftige Staubpartikel wegjagen.

"Die Morandi-Brücke ist ab heute Erinnerung", sagt der Regionalpräsident von Ligurien, Giovanni Toti. Mit der Sprengung könne nun wirklich der Bau einer neuen Brücke beginnen. "Der Abriss (...) hat einen symbolischen Wert: Es bedeutet, dass ein weiteres Versprechen eingehalten wurde, dass die Zeiten respektiert werden und dass diese Skyline, die uns jeden Tag an die Tragödie vom 14. August erinnert, nicht mehr da ist und Genua seine Zukunft einläuten kann."

Auch Genuas Bürgermeister Marco Bucci ist zufrieden. "Es ist alles planmäßig verlaufen", sagt er. "Um 9.37 Uhr ist die Brücke heruntergekommen." Es war eine Maxi-Operation. Rund 3500 Menschen mussten aus den umliegenden Häusern gebracht werden. Etwa 400 Sicherheitskräfte waren im Einsatz. Die Brücke stand schließlich mitten in einer bewohnten Umgebung. Straßen und Autobahnen wurden gesperrt. Lastwagen durften nicht zum Hafen, Flugzeuge nicht über Stadt fliegen.

Doch so glatt die komplizierte Sprengung verlief, so holprig gestaltet sich der gesamte Wiederaufbau. Die neue Brücke soll Stararchitekt Renzo Piano, der aus Genua stammt, entwerfen. Dass sie 1000 Jahre halten soll, hat Piano bereits versprochen. Nur wann die neue Lebensader der Stadt stehen soll, das ist die große Frage. Schon gleich nach dem Einsturz folgten vollmundige Versprechen.

Innerhalb von fünf Monaten, von acht Monate, innerhalb eines Jahres, bis November 2019, bis Weihnachten 2019 und so weiter und so fort. Kaum zählbar sind die verschiedenen Ankündigungen des Autobahnbetreibers, der Regierung, der Stadtverwaltung, der beteiligten Unternehmen. Zuletzt hatte Verkehrsminister Danilo Toninelli die Frist bis Frühjahr 2020 gesetzt.

Und dann ist da noch die nicht minder wichtige juristische Aufarbeitung. Warum konnte die Brücke überhaupt einstürzen? War es mangelnde Instandhaltung? Schon früh soll es darauf Hinweise gegeben haben. Ermittelt wird gegen 20 Personen sowie gegen den Autobahnbetreiber Autostrade per l'Italia, der über den Konzern Atlantia von der Familie Benetton kontrolliert wird.

"Wir müssen vor allem Gerechtigkeit schaffen", versprach Vize-Premier Luigi Di Maio am Freitag erneut. Seine Partei, die Fünf-Sterne-Bewegung, hatte gleich nach dem Einsturz gefordert, dass dem Unternehmen die Konzession entzogen wird. "Wir dürfen nie vergessen, dass die Menschen gestorben sind, weil jemand die Brücke nicht in Stand gehalten hat. Und dieser jemand war Autostrade per l'Italia der Familie Benetton." Geschehen ist aber trotz aller Beschuldigungen und Ankündigungen in dieser Hinsicht noch nichts.

 

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