Yara Linss Die Worte diktieren die Musik

Vor fünf Jahren kam die Tochter einer Brasilianerin und eines Deutschen nach Nürnberg Foto: Kretschmann

 NÜRNBERG Wenn man ein Album in den Händen hält, das mit „Poems“ betitelt ist, neigt man dazu, gleich zur Lesebrille zu greifen, um mit analytisch-scharfem Blick erst einmal die Texte zu sezieren, bevor man sich der Musik hingibt. Was bei den Kunstliedern von Franz Schubert, Johannes Brahms oder Hugo Wolf gar nicht mal verkehrt ist, ist im Falle von Yara Linss’ zweitem Album „Poems“ nicht nötig.

 

Gleich die ersten Takte der Vertonung von Dorothy Parkers Gedicht „Little Words“ sorgen dafür, dass man das Booklet zur Seite legt und sich der Musik widmet. Das mag vielleicht ein Affront sein gegen die zitierten Dichter James Joyce, Heinrich Heine oder Else Lasker-Schüler, doch Yara Linss hat die Songs nicht intellektuell Wort für Wort vertont, sondern hat vielmehr den grundsätzlichen Tonfall der Gedichte in Musik umgesetzt. „Poems“ ist auch der Start einer CD-Reihe des Metropolmusik-Vereins. Den hat Peter Fulda zusammen mit Yara Linns und anderen Musikern gegründet, um der kreativen Musikszene der Region ein Forum zu schaffen.

Bevor Yara Linss am Freitag um 20 Uhr in der Tafelhalle ihre neue CD vorstellt, sprach die AZ mit der Jazzsängerin.

AZ: Frau Linss, wie viele Gedichtbände haben Sie eigentlich zu Hause?

YARA LINSS: Oh, das ist eine gute Frage. Erst durch dieses Projekt habe ich eigentlich so richtig angefangen, mich mit Gedichtbänden einzudecken. Grob geschätzt werden es wohl so um die dreißig Bände sein.

Hatten Sie eigentlich Berührungsängste, als Sie die Gedichte von Literaten als Fundament für Ihre Songs herangezogen? Normalerweise entstehen Text und Musik – die Klassik mal ausgeklammert – ja Hand in Hand.

Nö, Berührungsängste hatte ich da keine. Also, ich hab jetzt nicht gedacht: „Oh, ich singe ein Gedicht“. Ich ziele auch nicht darauf ab, dass die Musik nach einem vertonten Gedicht klingt, sondern dass beide Elemente in meinen Songs eine Einheit bilden. Das war für mich auch der Reiz: Texte zu nehmen, die an sich schon meisterlich sind, und die dann weiterzuentwickeln.

Und das ganze dann gleich in drei Sprachen…

Für mich ist es so, dass ich gerne in verschiedenen Sprachen singe. Vielleicht hat das damit zu tun, dass ich mit zwei Kulturen aufgewachsen bin. Und da ich halb Brasilianerin bin, sind eben auch portugiesische Lieder dabei.

Was natürlich gemein ist uns gegenüber, die des Portugiesischen nicht mächtig sind...

Ehrlich gesagt: Wenn wir englische Texte hören – verstehen wir die dann wirklich? Und trotzdem hören wir sie uns begeistert an. In erster Linie geht's ja auch erst einmal um das klangliche Gesamtbild. Dazu gehört auch der spezielle Klang der jeweiligen Sprache – ganz unabhängig davon, was jetzt die einzelnen Wörter genau bedeuten.

Sind Sie dann bei den deutschsprachigen Texten anders vorgegangen als bei den englischen oder portugiesischen?

Nein, der Kompositionsprozess ist nicht immer gleich, aber ähnlich. Dabei geht es mir tatsächlich erst einmal um den Sprachklang. Man kann auch sagen, dass die einzelnen Worte mir die Musik diktieren. In erster Linie geht es also darum, was diese Textzeile mit mir macht – ganz unabhängig von der Sprache und von dem, was der Text im Tieferen bedeutet.

Interview: Maximilian Theiss

 

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