Wohnungsnot in München 75-Jährige gibt ihre große Wohnung für Großfamilie frei

Die Münchnerin Romi Lochner (75, links) hat ihre 104-Quadratmeter-Wohnung in Ramersdorf aufgegeben. Ein Glück für die Familie der Krankenschwester Luisa H. - die fand dort endlich ein neues Zuhause. Foto: Petra Schramek

18 Jahre wohnte Romi Lochner (75) allein in ihrer 104-Quadratmeter-Wohnung. Dann zog sie aus in ein kleines Apartment - und machte ihr Domizil frei für ein Paar mit vier Kindern.

Es gibt noch diesen alten Mietvertrag von 1940. Unterschrieben von Romi Lochners Schwiegereltern. 104 Quadratmeter an der Rosenheimer Straße, erster Stock, 4,5 Zimmer, 80,40 Reichsmark Miete im Monat. Nach der Hochzeit mit dem Sohn, zog Romi Lochner 1960 selbst mit ein, drei Kinder kamen noch dazu.

Aber über die Jahre haben alle das gemeinsame Zuhause verlassen. Die Schwiegerleute, die Kinder, der Mann. Die letzten 18 Jahre hat Romi Lochner (75) allein in der riesigen Wohnung gelebt. Dann wollte sie nicht mehr. 51 Jahre nach ihrem Einzug hat sie ihr Domizil für eine Großfamilie freigemacht (siehe Text unten) und gegen ein 1,5-Zimmer-Apartment in Harlaching getauscht. Beim „Wohnen im Viertel“-Projekt der Wohnungsgesellschaft Gewofag, bei dem ein Pflegedienst angeschlossen ist (siehe Text ganz unten).

AZ: Frau Lochner, wie schwer war es für Sie, Ihr Zuhause aufzugeben?
ROMI LOCHNER: Ich habe ein Jahr überlegt, ob ich einen völligen Neubeginn schaffen kann. Und dann gedacht, es ist unfair, wenn ich so viel Platz belege, wo es Familien gibt, die ganz eng wohnen müssen. Und für mich ist es dort auch immer schwieriger geworden.

Zu viel zu putzen?
Sechs große Fenster! Elf Türen! Nach meiner Wirbelsäulenoperation musste ich immer meinen Sohn kommen lassen, dass er mir die Vorhänge zum Waschen abhängt. Und dauernd rauf in den ersten Stock ist auch nix mehr. Ich kann nicht mehr gut allein gehen. Ich habe schon einen Fuhrpark aus Gehhilfen, Krücken mit Spikes, Rollator und Schiebewagerl.

Ins Altenheim umziehen war keine Option für Sie?
Um Gottes Willen, nicht ins Ghetto! Lauter Alte um einen herum, wer hält denn das aus.

Wie teuer war Ihre Miete?
In den Siebzigern waren es 333 D-Mark. Am Schluss 800 Euro warm. Das ist für mich mit meiner kleinen Fußpfleger-Rente auch zu teuer geworden. Jetzt zahle ich 350 Euro in meinem kleinen Apartment, das ist wunderbar. Und wenn ich aufs Knöpferl drücke, weil ich meine Brille nicht finde, ist sofort ein Pflegedienst da.

Sie haben sogar das Viertel gewechselt – von Ramersdorf nach Harlaching. Vermissen Sie Ihre alten Nachbarn nicht?
Wir waren da acht Parteien und früher war das eine schöne Hausgemeinschaft, die sich im Hof getroffen hat. Aber in den letzten Jahren haben die Nachbarn viel gewechselt. Da gibt’s nicht viel zu vermissen.

Von Ihren Möbeln konnten Sie nicht viel mitnehmen. Ist das leicht gefallen?
Das wichtigste habe ich ja hier: Den alten Schrank von meinen Großeltern. Meine liebsten Bilder, die Ahnengalerie von meiner Familie. Ich bin froh, dass ich nicht mehr so viel habe.

Wie haben Sie denn den Umzug hinbekommen?
Die AWO hat mir die Adresse von Studenten vermittelt, die haben alles abgebaut, wieder hingebohrt oder weggebracht. Das ging alles reibungslos.

Wie geht’s Ihnen jetzt hier?
Ganz wunderbar. Wenn ich die Tür aufmache, treffe ich die netten türkischen Buben von über mir, oder Xaver und Lilli, die Pudel vom Nachbarn. Oder die Studenten aus der Mansarde ganz oben. Meine Einkäufe bestelle ich bei der Sozialstation, kochen kann ich noch selber. Und wenn ich mag, treffe ich die Nachbarn im Wohncafé.

Ist das der Trainingsplatz vom FC Bayern da vorm Fenster?
Ja! Stellen Sie sich vor! Da kommt immer der Pep Guardiola. Wenn die Buben da draußen Fußball spielen, reiße ich das Fenster weit auf, weil ich so gern zuhöre, wenn sich da was rührt. Ich fühl mich hier so wohl, das kann sich gar keiner vorstellen.

DIE GLÜCKLICHEN NACHMIETER

Als die Krankenschwester Luisa H. (45) nach München kam, lebte sie mit Mann und vier Kindern monatelang in einem 23-Quadratmeter-Apartment. Dann zog Romi Lochner aus ihrer großen Wohnung aus - und die Großfamilie durfte einziehen – zum Glück. Was Luisa H. erzählt.

Daheim in der Nähe von Barcelona gab es keine Jobs mehr. In Münchner Kliniken dagegen fehlt es massiv an Personal. Also kam die deutsch-spanische Krankenschwester Luisa H. (45) vor vier Jahren an die Isar – und fand sofort eine Stelle im Städtischen Schwabinger Krankenhaus.

Nur: Wie schwer es werden würde, für ihre Familie eine Bleibe in München zu finden, das hat sie sich vorher nicht vorstellen können. Nach einer Wohnungs-Odyssee haben Luisa, ihr Mann Pablo (42) und ihre vier Kinder Sara (8), Celia (9), Miguel (15) und Jonatan (18) endlich Glück gehabt: Weil die Münchner Rentnerin Romi Lochner (siehe Text oben) ihre 4,5-Zimmer-Altbauwohnung in Ramersdorf aufgegeben hat, durften die H.s dort einziehen.

AZ: Luisa, wo haben Sie alle gewohnt, als Sie nach München kamen?
LUISA H.: In einem Apartment für städtische Angestellte in der Belgradstraße. Das hatte 23 Quadratmeter.

Im Ernst, zu Sechst?
Ja. Es ging nicht anders. Da sind wir sehr zusammengerückt.

Wie haben Sie sich da organisiert?
Die Kinder waren kleiner und haben sich die Betten geteilt. Möbel hatten wir ja nicht viele dort. Die wenigen Kleider, die wir mitgebracht hatten, und die Schulsachen haben wir sauber auf dem Boden gestapelt. Beim Kochen und Essen war’s ziemlich eng.

Wie lange ging das so?
Nach ein paar Monaten konnte ich gegenüber ein zweites kleines Apartment dazumieten. Da haben die Kinder getrennt von uns gewohnt. Das war besser, aber natürlich auch nicht ideal. Wir sind eine genügsame Familie, aber wir haben Stoßgebete zum Himmel geschickt, dass wir eine größere Wohnung finden.

Das hat ja geklappt.
Gottseidank, ja! Wir sind der älteren Dame so dankbar – und unsere Kinder sind begeistert. Jetzt haben unsere Buben ein eigenes Zimmer und die Mädchen auch, und wir haben noch ein Mini-Lernzimmer für die Kinder, wo sie für die Schule ihre Ruhe haben. Wir haben uns wirklich gut angepasst und eingelebt in München, das ist toll.

IDEEN GEGEN DIE WOHNUNGSNOT

Tausende ältere Münchner leben allein in großen Wohnungen – schätzt die Münchner Seniorenbeirats-Chefin Ingeborg Staudenmeyer, die die Belange der rund 260 000 Münchner Rentner vertritt (AZ berichtete).

Und viele davon würden gern in kleine, altengerechte Wohnungen umziehen – wenn sie nur bessere Bedingungen für einen Umzug vorfänden. Damit würden viele große Wohnungen frei für die zig Familien, die sich in Münchner Mini-Bleiben zwängen müssen, weil in der Stadt nichts Größeres zu finden ist.

Das größte Problem: Wer einen jahrzehntealten (also noch sehr günstigen) Mietvertrag hat, muss damit rechnen, beim Umzug in eine neue, kleine Wohnung womöglich mehr Miete zahlen zu müssen als bislang. Auch die Frage, wer einen Umzug managt und was das kostet, schreckt viele ältere Münchner ab, über einen Wohnungstausch nachzudenken. Weshalb der Seniorenbeirat der Stadt einen Ideen-Katalog vorgelegt hat. Unter anderem heißt es dort:

1. Zieht ein Senior aus seiner großen Wohnung in eine kleine um, soll er seinen billigen Quadratmeterpreis mitnehmen dürfen. Die Differenzmiete zahlt die Stadt, etwa aus Stiftungsmitteln. Die neue Kaution darf nicht teurer sein, als die alte hinterlegte.

2. Den Umzug zahlt die Stadt. Hilfe sollen die Sozialbürgerhäuser geben.

3. Vor dem Umzug baut die Stadt die kleine Wohnung altengerecht um. „So kann der alte Mensch möglichst lange zu Hause wohnen und muss nicht so schnell ins Heim“, argumentiert Ingeborg Staudenmeyer.

OB Dieter Reiter lässt die Vorschläge nun prüfen. Wann es ein Ergebnis gibt und wie es ausfallen wird, ist unklar.    

DAS GEWOFAG-PROJEKT "WOHNEN IM VIERTEL" - hier werden Plätze frei!

An bislang sieben Standorten bietet die städtische Wohnungsbaugesellschaft Gewofag das Konzept "Wohnen im Viertel" an - barrierefreie kleine Apartments für einkommensschwache Münchner, die Hilfe oder Pflege brauchen.

Es ist ein Vorzeigemodell der städtischen Wohngesellschaft Gewofag: das Projekt „Wohnen im Viertel“: Jeder Stützpunkt liegt innerhalb einer Gewofag-Anlage und hat rund zehn barrierefreie kleine Apartments. In die können Münchner mit hohem Hilfs- oder Pflegebedarf und geringem Einkommen einziehen (ideal etwa als Tausch-Wohnung gegen eine große, die allein bewohnt wurde).

Ein ambulanter Pflegedienst ist vor Ort und kann rund um die Uhr gerufen werden. Dazu gibt es eine Pflegewohnung auf Zeit und ein Wohncafé. Auch Mieter im 800-Meter-Umkreis profitieren von dem Projekt und können den Pflegedienst rufen.

Aktuell gibt es sieben Standorte mit "Wohnen im Viertel" in München:  in Harlaching, Berg am Laim, Obergiesing, Riem, Gern, Pasing und Freimann. Vier weitere Stützpunkte eröffnen noch in diesem Jahr: Schwabing, Nymphenburg, Ramersdorf, Sendling. Hier, so meldet die Gewofag, sind noch Plätze frei - die werden über das Münchner Wohnungsamt vergeben.

Interessenten wenden sich an die Wohnforum GmbH - Soziale Quartiersentwicklung, dem konzerneigenen sozialen Dienstleister der Gewofag, Telefon: 089/ 4123-6091 oder Telefon: 089/ 4123-6094.
E-Mail: gisela.heinzeller@gewofag.de oder ruth.kleininger@gewofag.de

 

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