Wohnen in der Maxvorstadt Rentnerin in Sorge: "Mein Viertel wird mir zu teuer"

Sie lebt im Viertel, seit sie fünf Jahre alt war – jetzt macht sie sich Sorgen, dass sie sich die Maxvorstadt bald nicht mehr leisten kann: die Münchnerin Elisabeth Ammer (83). Foto: Christian Pfaffinger

Kleine Rente, viel Miete: Elisabeth Ammer sorgt sich um ihre Wohnung – und ihre Heimat. Sie lebt seit 78 Jahren in der Maxvorstadt

 

Maxvorstadt - Man kann schon sagen, dass 78 Jahre eine lange Zeit sind. Und man darf ruhig glauben, dass man etwas, das man über diese Zeit lieben gelernt hat, nicht mehr verlieren will.

Elisabeth Ammer geht es so. Mit der Gegend, in der sie wohnt, ihrem Viertel, ihrer Heimat. Seit sie ein kleines Mädchen war, lebt sie hier. Und jetzt macht sie sich Sorgen, dass sie sich das bald nicht mehr leisten kann.

Schon wieder kam eine Mieterhöhung, die dritte in wenigen Jahren, in denen die Einnahmen der 83-Jährigen freilich nicht groß mitgestiegen sind. „Wenn das so weitergeht, kann ich meine Wohnung bald nicht mehr bezahlen“, sagt sie.

Die Wohnung der Rentnerin liegt in der Heßstraße an der Ecke zur Lothstraße. Sie hat 85 Quadratmeter, das Haus ist Baujahr 1931. Einziehen durfte sie mit ihrem Mann, weil der Beamter war. Seit 2004, als ihr Mann starb, lebt sie alleine dort. Ihre kleine Rente reicht für die Miete keinesfalls, die kann sie sich nur durch die Witwenpension leisten. Die Wohnung gehört einem Unternehmen, das früher einem Stiftungszweck nach „gemeinnützig“ war, jetzt als GmbH agiert und natürlich auch Gewinn machen muss.

In den letzten Jahren hat das Unternehmen mehrmals die Miete erhöht. 2006, 2010 und Anfang dieses Jahres, erzählt sie: Erst um knapp 98 Euro, dann um 80 gradaus und dann nochmal um knapp 104. Eine Sprecherin des Wohnungsunternehmens sagt auf Anfrage der AZ: „Wir erhöhen die Miete lediglich im Rahmen der gesetzlichen Vorschriften und richten uns dabei nach dem geltenden Mietspiegel.“ Im konkreten Fall habe es in 17 Jahren nur vier Erhöhungen gegeben,

Für Elisabeth Ammer wird es aber langsam zu viel: „Das macht in acht Jahren knapp 282 Euro mehr Miete.“ Jetzt zahle sie knapp 800 Euro plus Heizkosten. Im Moment langt ihr das Geld noch, sagt sie. Aber lange brauche das nicht mehr so weitergehen.

Elisabeth Ammer geht es da wie vielen älteren Münchnern. Die Mietkosten steigen enorm, die Renten und Pensionen aber nicht. Zwar sind es meist nicht die Senioren, die Rekord-Mieten zahlen müssen, sondern junge, zugezogene Gutverdiener. Aber so langsam ziehen die Durchschnittsmieten den alteingesessenen Münchnern davon. Im Schnitt liegt sie bei Neuvermietung um die 16 Euro pro Quadratmeter.Manche zahlen bis 20 Euro. Da kriegt Elisabeth Ammer Angst. „Jetzt reicht es bei mir ja gerade noch so, aber irgendwann wird die Gegend unbezahlbar.“ Als sie hier hergezogen ist, war die Gegend Durchschnitt. Doch das hat sich geändert. Und Elisabeth Ammer hat den Wandel miterlebt.

Sie ist eine Maxvorstädterin. Zwar wurde sie in Erding geboren, aber sie lebt seit ihrer Kindheit im selben Eck der Maxvorstadt. Ab 1936, da war sie fünf, wohnte sie mit ihren Eltern in der Winzererstraße. Damals war das eine vom Militär geprägte Gegend, die Wehrmacht saß in der Prinz-Leopold-Kaserne nahe der Schwere-Reiter-Straße. Später zog die Familie in die Görresstraße und seit 1959 lebt Elisabeth Ammer in der Heßstraße, zunächst im Parterre.

Früher war das Viertel Durchschnitt, jetzt ist es extrem beliebt

Das Viertel wandelt sich da bereits zu einer beliebten Wohngegend, das Militär verschwindet, der Freistaat lässt Behörden in die ehemaligen Kasernengebäude einziehen. 1971 zieht sie mit ihrem Mann in die Wohnung, in der sie noch heute lebt. Im gleichen Jahr wird die Fachhochschule München gegründet, die heute Hochschule für angewandte Wissenschaften heißt und ihren Hauptkomplex an der Lothstraße hat.

Dadurch wurde das Viertel für Studenten und Akademiker noch attraktiver und die Preise steigen weiter. Die Maxvorstadt ist eines der beliebtesten und teuersten Wohnviertel geworden. Elisabeth Ammer findet, dass es vor allem lauter geworden ist, nicht unbedingt besser. Davon versucht sie auch die Richter am Landgericht München zu überzeugen. Nachdem das Amtsgericht die Mieterhöhung für rechtens erklärte, ging Elisabeth Ammer in Berufung. Jetzt sitzt sie in einem Verhandlungssaal im Justizpalast am Stachus und schneidet beim Reden mit der Hand Schneisen in die stickige Luft, so sehr ärgert sie sich über das Gerede von der Lage, die halt mal so gut sei.

Recht kriegt sie trotzdem nicht. Am Schluss zieht sie ihre Berufung zurück. Und wenn man auf das Recht und die Fakten schaut, ist das auch richtig so. Das Viertel ist gefragt, die Lage objektiv gesehen gut. Wenn man jetzt mit Ausnahmen anfinge, wäre der Mietspiegel bald auch nichts mehr wert.

„Natürlich ist das rechtlich korrekt“, sagt sie. „Aber der Mietspiegel wird so nach und nach zu einem Instrument, um die angestammten Leute aus ihren Vierteln zu vertreiben.“

 

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