Wohn-Wahnsinn in München Zehntausende Münchner ohne eigenes Bad oder Klo

Das Foto zeigt eines der vielen Münchner Gemeinschafts-WC. Dieses gehört zu einer Wohnung in der Landsberger Straße. Foto: Petra Schramek

Ein Gemeinschafts-WC und Körperreinigung am Waschbecken – das ist für viele Münchner immer noch Alltag. Denn in fast 12.000 Münchner Wohnungen gibt es weder Bad noch Klo.

 

München - Wer hätte das gedacht: Ausgerechnet in München, der Stadt mit den deutschlandweit höchsten Mieten, gibt es überdurchschnittlich viele Wohnungen ohne sanitäre Ausstattung. Das zeigt der jüngste Zensus. Demnach müssen die Mieter von 11.902 Wohnungen sowohl ohne Dusche oder Badewanne als auch ohne Klo auskommen. In weiteren 9.020 Wohnungen fehlt entweder das eine oder das andere – also entweder die Toilette oder eine Duschmöglichkeit.

Der Vergleich mit der bundesweiten Statistik zeigt: Die Zahlen aus München stellen einen echten Ausreißer dar! In ganz Deutschland gibt es knapp 680.000 Wohnungen, in denen die Bewohner auf ein WC und/oder ein Bad verzichten – das entspricht einem Anteil von 1,6 Prozent.

München liegt deutlich darüber: Die Landeshauptstadt bringt es auf 20.922 solcher Wohnungen. Bezogen auf die knapp 765.700 Haushalte an der Isar macht das vergleichsweise satte 2,7 Prozent aus.

Wer jetzt denkt, in den anderen deutschen Millionenstädten seien solche bescheidenen Bleiben sicherlich weiter verbreitet, der irrt. In Berlin liegt ihr Anteil mit 1,2 Prozent nicht einmal halb so hoch wie in unserer Stadt. In Hamburg sind es lediglich 0,8 und in Köln 1,6 Prozent.

Wo gehen all die Münchner, die betroffen sind, zum Bieseln hin? Beim Statistischen Bundesamt heißt es auf AZ-Anfrage: Zu einer Wohnung ohne WC könne sehr wohl eine Toilette „außerhalb der eigentlichen Wohnung“ gehören. Zum Beispiel ein Etagen-Klo oder eine Toilette „auf halber Treppe“, wie es eine Mitarbeiterin des Amts formuliert.

Wie kommt’s, dass im teuren München so viele Menschen ohne die übliche Grundausstattung leben? Anja Franz vom Mieterverein mutmaßt: „Das sind sicher alte Mietverträge aus den 50er Jahren.“ In München sei jeder froh, wenn er eine günstige Wohnung habe, „und wird einen Teufel tun, dort auszuziehen“.

Auch die städtische Wohnungsgesellschaft GWG vermietet Wohnungen ohne Dusche. Der kaufmännische Geschäftsführer Dietmar Bock sagt: „16,2 Prozent unseres Bestandes sind einzelofenbeheizt.“ Diese rund 3.890 Wohnungen aus den 50er und 60er Jahren, die am Harthof, in Moosach, Sendling-Westpark und Ramersdorf liegen, seien in unterschiedlichem Zustand. „In der Regel haben sie kein Bad“, so Bock. Mit einem WC seien die Objekte aber alle ausgestattet.Zum Teil hätten sich die Mieter selbst Duschen eingebaut. Andere begnügen sich mit einem Waschbecken.

Jedes Jahr werden 200 dieser Wohnungen modernisiert oder abgerissen. Obwohl sie sogar im jetzigen Zustand vermietet werden könnten. „Die Nachfrage ist da“, sagt Geschäftsführer Bock. „Das wäre in anderen Städten nicht so möglich.“ Er erklärt den statistischen Ausreißer, den unsere Stadt liefert, so: „In München haben Hauseigentümer nie wirklich darum kämpfen müssen, Mieter zu bekommen.“ Daher sei kein Druck da gewesen, schneller zu sanieren.

Bei der GWG käme erschwerend hinzu: Mehr als 200 der Wohnungen könnten im Jahr nicht erneuert werden, da für die Mieter zuerst ein ebenfalls günstiger Ersatzwohnraum gefunden werden müsse.

Lesen Sie hier die AZ-Meinung: Der Preis des Erfolgs

Dem Denkmalschutz kann es übrigens nicht angelastet werden, dass die Zahl der klo- und badlosen Bleiben in München gar so hoch ist. Beate Zarges vom Landesamt für Denkmalpflege sagt: „Sie werden in Bayern keinen Denkmalschützer finden, der verweigern würde, dass man eine sanitäre Grundausstattung einbaut.“

Im Planungsreferat verweist man auf AZ-Anfrage darauf, dass eine Erklärung für die Münchner Zahlen in der Statistik selbst zu suchen ist: Sie rechnet nämlich auch Wohnheime – etwa für Studenten oder Azubis – mit ein, in denen sich die Menschen Bäder oder Klos teilen. Und davon gibt’s in München einige.

Die Bewohner einer anderen deutschen Großstadt werden über die Münchner Zahlen wohl bloß müde lächeln. Im rheinland-pfälzischen Ludwigshafen ist eine Dusch-Möglichkeit keine Selbstverständlichkeit: Sie fehlt in 16,1 Prozent der Wohnungen.

Zum Schluss noch eine andere Zahl aus der jüngsten Zensus-Erhebung, die durchaus erstaunen kann: In München gibt es 1.920 Wohnungen ohne Heizung.

 

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