"Wo ist unser Vater?" Bis heute ungeklärt: Die mysteriöse Entführung von "Raketen-Krug"

Clemens Hagen.
1962 verschwand Heinz Krug - bis heute fehlt von ihm jede Spur. Foto: Privatarchiv Soller/Krug (4), Nedad Stefanek

Wo ist unser Vater? Diese Frage stellen sich Beate Soller-Krug und Kaj Krug auch nach gut 55 Jahren. So lange ist ihr Vater Heinz spurlos verschwunden. Der Fall ist höchst mysteriös und auch mehr als ein halbes Jahrhunderst später ungeklärt.

 

München - Es ist mit das Grauenhafteste, was einem Kind widerfahren kann: Plötzlich verschwindet ein Elternteil, ohne Abschied, ohne Erklärung, ohne Spur. Einfach weg. So erging es Beate Soller (70) und ihrem Bruder Kaj Krug (66) im Jahre 1962. Ihr Vater, der Münchner Geschäftsmann Heinz Krug, hatte am 11. September noch einen Termin, wollte aber zum Abendessen pünktlich wieder daheim bei seiner Frau Margot und den beiden Kindern sein. Aber: Die Familie sollte kein Lebenszeichen mehr erhalten.

Das Schicksal von Heinz Krug ist bis heute ungeklärt. Fest steht, dass der studierte Jurist und begeisterte Flieger seit 1960 für die ägyptische Regierung gearbeitet hat. Zusammen mit befreundeten deutschen Wissenschaftlern sollte Krug dem damaligen Staatspräsidenten Gamal Abdel Nasser die Raketentechnik entwickeln, mit deren Hilfe er den benachbarten Erzfeind Israel unter Feuer nehmen lassen wollte. Krug war für die Logistik zuständig. Über die Handelsfirma Intra und die United Arab Airlines - er war Geschäftsführer beider Unternehmen - konnte Krug problemlos Material für den Raketenbau erwerben und transportieren. Ein wichtiger Job.

Von der Gotthardstraße in Laim nach Tel Aviv

Es ist klar, dass die Israelis, als sie von der neuen Bedrohung Wind bekamen, aktiv werden mussten. Unter dem Tarnnamen "Operation Vitamin C" begann der Auslandsgeheimdienst Mossad gegen die deutschen Rüstungs-Gastarbeiter in Ägypten vorzugehen. Auch gegen Krug, dem sie inzwischen den Beinamen "Raketen-Krug" verliehen hatten.

Wie der israelische Bestsellerautor und Geheimdienstexperte Ronen Bergman bei den Recherchen für sein neues Buch "Der Schattenkrieg" erfuhr, soll Krug an jenem schicksalhaften Spätsommertag 1962 von einem Mossad-Kommando unter einem Vorwand in ein Haus in der Gotthardstraße in Laim gelockt, dort überwältigt und sediert worden sein. Von München aus ging es für den Gefangenen dann in einer Kiste unter der Sitzbank eines VW-Busses nach Marseille. Dort setzten die Agenten den immer noch betäubten Krug in ein El-Al-Flugzeug nach Tel Aviv.

In einem israelischen Geheimgefängnis soll der Geschäftsmann nach Bergmans Erkenntnissen sechs Monate lang "verhört" worden sein. Dann, als man glaubte, alles erfahren zu haben, sei "Raketen-Krug" auf Befehl eines hohen Mossad-Offiziers erschossen und die Leiche über dem Mittelmeer aus einem Flugzeug gestoßen worden.

Die Hoffnung auf Gewissheit lebt noch immer

Ob diese Version allerdings die richtige ist, lässt sich nicht mehr zweifelsfrei ermitteln: Alle Zeitzeugen Bergmans, die der Historiker zum Fall Heinz Krug gesprochen hat, sind inzwischen gestorben. Dabei geht es den Kindern nur noch um eines: endlich Gewissheit zu bekommen.

Kaj Krug, der zusammen mit Schwester Beate gerade ein Buch über den Vater geschrieben hat, sagt bei seinem Besuch in der Abendzeitung: "Ich hoffe immer noch darauf. Wir haben gerade über die israelische Botschaft eine neue Anfrage gestellt, um endlich Klarheit über das Schicksal unseres Vaters zu bekommen."

Um den Tod von "Raketen-Krug" ranken sich viele Mythen. So behauptete Otto Skorzeny, Obersturmbannführer in Hitlers SS und von den Nazis gefeierter Befreier des italienischen Diktators Mussolini aus Gefangenschaft, als Killer nach dem Krieg für den Mossad gearbeitet zu haben. Wie die seröse israelische Zeitung Haaretz berichtete, soll es Skorzeny gewesen sein, der Krug in den Sollner Wald gelockt und dort erschossen habe. Den Leichnam soll Skorzeny dann mit Säure, Erde und Löschkalk überschüttet, um alle Spuren zu verwischen.

Bewiesen ist allerdings auch diese Geschichte nicht. Wie so viele Fragen rund um das Verschwinden von "Raketen-Krug".


Das Buch "Am Ufer des Nil - Unser Vater ,Raketen-Krug' und der Mossad" von Beate Soller-Krug, Kaj Rüdiger Krug (240 Seiten, 22 Euro) erschien im LangenMüller-Verlag

 

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