WM 2010 Vierter Stern - ohne Star

Drei Sterne führt der DFB im Wappen, seit dem letzten WM-Sieg vor 20 Jahren. Wann wohl der nächste dazu kommen wird? Foto: imago

Ohne Ballack, aber mit viel Selbstvertrauen startet das deutsche Team am Sonntag die Mission Titel: „Wir wissen, was wir können.“

 

CENTURION Die erste Entscheidung ist gefallen vor dem Auftaktspiel der DFB-Elf am Sonntag: Sie wählen „casual". Nicht als Spielstil, als Outfit. Beige Hose, weißes Polo, blaues Sakko. So geht es am Samstag per Flieger von Johannesburg nach Durban, Flugzeit etwa 45 Minuten. Australien ist der Auftaktgegner um 20.30 Uhr (ZDF live) beim Unternehmen vierter Titel. 54, 74, 90, 2010?

Und das mit dem jüngsten Kader seit 1934, mit einer unerfahrenen Mannschaft, die zu einem Drittel aus den U21-Champions der EM 2009 besteht. Mit Michael Ballack fällt der einzige wirkliche Weltklassespieler aus, der Kapitän der letzten vier Jahre wäre der einzige Legionär im Kader gewesen, bis Ende des Monats ist Ballack ja noch bei Chelsea unter Vertrag.

Am 15. Mai zog er sich die schwere Knöchelverletzung zu und schon stand die DFB-Elf ohne echten Superstar da. Denn die Generation Lahm/Schweinsteiger/Podolski ist noch einen Schritt davon entfernt. Sieben Bayern-Profis hat Bundestrainer Joachim Löw in den Kader berufen – immerhin Champions-League-Finalisten-Qualität.

Doch ein Messi, ein Kaka, ein Cristiano Ronaldo, ein Rooney, ein Buffon ist nicht dabei. Einer aus der Liga, mit denen die Fifa ihr Turnier überall beworben hat, die in Südafrika neben den heimischen Stars der Bafana Bafana und Kontinent-Held Didier Drogba allgegenwärtig sind. Ballack war von allen großen Sponsorenpartnern fest eingeplant.

Der Kopf des Teams fehlt - und die Stimmung im deutschen Lager ist eher: Na, und? Sie wollen das Beste draus machen, auch ohne Capitano. Manchmal kann aus einem vermeintlichen Nachteil ja ein Vorteil werden. „Wir haben ein sehr ausgeglichenes Team. Wenn alles so läuft, vermisst man keinen Star", sagte Franz Beckenbauer vor dem Start.

Fritz Walter 1954, Franz Beckenbauer samt Maier und Müller 1974, Lothar Matthäus mit Brehme und Klinsmann 1990 – immer hatte die DFB-Auswahl Weltklassespieler in ihren Reihen, wenn ein Titel geholt wurde. Schweinsteiger, Lahm, sogar Müller, auch Özil oder Cacau sind nur einen Schritt entfernt. „Diese Mannschaft hat am meisten Qualität von allen Nationalmannschaften, in denen ich bisher gespielt habe", sagte Philipp Lahm, der Ballack-Nachfolger am Freitag im Mannschaftshotel Velmore Grande. So ist die Stimmung im Team. Der Ballack-Schock ist verdaut: Jetzt erst recht! Nach dem Motto: Ohne Star zum vierten Stern.

Die Mannschaft hat sich emanzipiert, will mit einer flachen Hierarchie und Teamgeist den ganz großen Coup schaffen. Jeder hilft jedem. Eine Mannschaft, ein Ziel. Beckenbauer sagt: „Man sieht bei der deutschen Mannschaft die Bewegung, die Spielfreude. Das ist ein Zeichen, dass es stimmt." Und dass Joachim Löw dieser Mannschaft das so dringend notwendige Vertrauen gibt. „Natürlich fehlt ein Michael Ballack, aber wir wissen, was wir können", sagte der Bundestrainer, „wir müssen es nur abrufen.“ Am besten ganz locker, ganz „casual“.

Patrik Strasser

Der Video-Blog von AZ-Reporter Patrick Strasser: "Pressearbeit am DFB-Hotel"

 

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