WM 2010 Nach 90 WM-Minuten als Zuschauer: Ballack reist ab

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Erasmia (dpa) - 90 WM-Minuten als Zuschauer waren genug. Schon vor dem WM-Halbfinale gegen Spanien reiste Michael Ballack aus Südafrika wieder ab.

 

Auch auf Anraten von Teamarzt Hans-Wilhelm Müller- Wohlfahrt entschloss sich der 98-malige Nationalspieler bereits überraschend dazu, nach seiner Fußverletzung die weitere Behandlung in der Heimat fortzusetzen.

Ballack sah sich im DFB-Quartier in Südafrika nicht mehr am optimalen Ort. «Ich habe mich gefreut, nach der kurzen Begegnung im Trainingslager auf Sizilien meine Kollegen für einige Tage in Südafrika zu sehen und einen hervorragenden Eindruck von der Mannschaft gewonnen», erklärte Ballack vor der Abreise. «Ich wünsche ihr natürlich jetzt den WM-Titelgewinn», sagte der Neu-Leverkusener.

Der 33-Jährige verwies auf einen glänzenden Heilungsverlauf nach seiner schweren Bandverletzung im rechten Sprunggelenk. Die Ärzte aber müssten sich jetzt vor allem um die WM-Spieler kümmern. «Der Fokus der medizinischen Abteilung des DFB liegt derzeit ganz klar auf dem Team, dafür haben Ärzte und Physiotherapeuten in den vergangenen Tagen fast rund um die Uhr gearbeitet.»

Bundestrainer Joachim Löw verabschiedete Ballack mit der Hoffnung auf weitere schnelle Genesung und mit der Hoffnung, dass der verletzte Kapitän bei einer Endspiel-Teilnahme nochmals nach Südafrika anreist. «Wir würden uns natürlich freuen, wenn er nochmals den langen Weg auf sich nimmt und wieder beim Team dabei ist.»

Die neuen Schmerzen, die Ballack in den wenigen Tagen in Südafrika plagten, hatte er schon geahnt. Es waren Schmerzen, die nicht von seinem Innen- und Syndesmoseband-Riss herrührten. Es waren Schmerzen eines Zaungastes. «Für mich tut es schon weh, ich hätte gerne auf dem Platz gestanden. Aber das ist Fußball», sagte der verletzte «Capitano» nach der 4:0-Gala seiner Kollegen gegen Argentinien.

In Kapstadt hatte er den überragenden Auftritt seiner Kollegen nur von der Tribüne verfolgen können. Neben Freude konnten die Fans in Ballacks Gesicht auch Ungläubigkeit und einen Schuss Bitternis erkennen. Seit seinem ersten Länderspiel-Einsatz im April 1999 hatte der Mittelfeld-Stratege über zehn Jahre an seinem Traum vom ersten großen internationalen Titel gearbeitet.

2002 war es Ballack, der Deutschland mit seinen Toren ins WM- Finale schoss und beim 0:2 gegen Brasilien gesperrt zusehen musste. 2006 platzte der Traum im WM-Halbfinale gegen Italien in der Verlängerung - Ballack vergoss noch auf dem Feld bittere Tränen. Zwei Jahre später standen im EM-Endspiel in Wien beim 0:1 jene Spanier im Weg, die nun in Durban wieder auf das deutsche Team warten.

Längst haben die Spekulationen um Ballacks Zukunft im DFB-Team begonnen. «Als Freund» hatte Bayern-Präsident Uli Hoeneß dem Ausnahmefußballer bereits geraten, sich nach der Weltmeisterschaft «voll auf seinen Verein zu konzentrieren». Der gebürtige Sachse selbst schiebt das Thema seit der Verletzungsdiagnose vor sich her: Alles «neu ordnen» wollte der 98-malige Nationalspieler in seiner Zwangspause.

Die Jugend-Welle könnte ihn zum unvollendeten Fußballer machen, was einen großen Titel betrifft. Für seine Kollegen sind diese Debatten aktuell aber nur ein Randthema. Es könne ja durchaus sein, dass die Mannschaft mit Ballack «noch viel besser» spiele, übermittelte zumindest Bastian Schweinsteiger, der ohne seinen etatmäßigen Nebenmann zum Mittelfeld-Chef aufgestiegen ist.

«Michael hat über viele Jahre hinweg gerade auch bei den Turnieren gute Leistungen gebracht», sagte Löw nach dem Argentinien-Triumph auf die Frage, ob sein neues Team vielleicht sogar befreit wirke ohne Ballack. «Wir haben nach seiner Verletzung gesagt, okay, diese Situation hat sich so ergeben, und wir werden es schaffen, die Verantwortung aufzuteilen und ihn zu ersetzen. Das haben wir in diesem Turnier geschafft», sagte der Bundestrainer.

 

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