Wissenschaftsministerin im Interview Marion Kiechle: "Am Tag der Vereidigung habe ich noch operiert"

Kunst- und Wissenschaftsministerin Marion Kiechle im Flur ihres Ministeriums in der Salvatorstraße. Foto: Bernd Wackerbauer

Marion Kiechle ist als Medizin-Professorin Quereinsteigerin in Söders Kabinett und dort für Wissenschaft und Kultur verantwortlich. In der AZ spricht sie über ihre Musikgeschmack, ihre Pläne für den Wissenschaftsstandort Bayern - und verrät, wie ihre Ernennung lief.

München - AZ-Interview mit Marion Kiechle. Die Medizinerin war Lehrstuhlinhaberin für Gynäkologie an der Technischen Universität München, bis sie im März zur Ministerin ernannt wurde. Seit 2010 ist sie mit Sport-Kommentator Marcel Reif verheiratet.

AZ: Frau Professor Kiechle, der Sonntagabend in der CSU-Zentrale dauerte länger als die "Götterdämmerung" – war es ähnlich dramatisch?
MARION KIECHLE: Ja, es war geradezu historisch. Es gab 56 Wortmeldungen. Ich hoffe nur, dass sich nun alles regelt.

Sie waren gerade bei der "Parsifal"-Premiere – zum ersten Mal als zuständige Ministerin. Ist es ein anderes Gefühl, wenn man in "seine" Staatsoper hineingeht und nicht mehr nur Zuschauerin ist?
Vorher war ich als Münchnerin und Opern-Fan natürlich begeistert. Als Ministerin bin ich sehr stolz darauf, dass diese tolle Bayerische Staatsoper in mein Ressort gehört. Da geht man schon mit stolzgeschwellter Brust und einem noch freudigeren Herzen hinein. Man muss sich mal vor Augen halten: Baselitz macht das Bühnenbild, das mir persönlich gut gefallen hat, weil es zu der düsteren Story gepasst hat. Kirill Petrenko ist einfach der Hammer – er ist aktuell der weltbeste Dirigent. Dazu die Sänger und die Musik – Wahnsinn!

Sind Sie eher Wagner-Fan oder eine Freundin der italienischen Oper?
Beides. Ich mag die italienischen "Feuerwehrkapellen" mit ihrer Emotion – und Mozart, genau wie Wagner, Michael Jackson und die Stones.

Was die Zahlen betrifft, dürfte die Staatsoper Ihnen nur wenig Kopfschmerzen bereiten.
Sie ist unser bestgehender Laden und eigentlich immer ausverkauft. Wobei das Gärtnerplatztheater jetzt, nach der Renovierung, stark aufholt.

Wie gehen Sie beim Skandal um mögliche sexuelle Übergriffe an der Musikhochschule vor?
Wir haben eine Gutachtergruppe berufen, die den Auftrag hat, zu prüfen, ob die derzeitigen Strukturen und Abläufe an der Hochschule für Musik und Theater München mit Blick auf einen bestmöglichen Schutz vor sexueller Gewalt und Belästigung tragfähig sind, um solchen Vorfällen in der Zukunft soweit wie möglich entgegenzuwirken. Besonderes Augenmerk soll dabei auf Strukturen, in denen Abhängigkeitsverhältnisse bestehen, gelegt werden.

Es gibt eine andere Großbaustelle – das Haus der Kunst.
Personell, ja. Aber durch das traurige Ausscheiden von Direktor Okwui Enwezor haben wir die Möglichkeit, neu zu gestalten. Und ich mache es mir persönlich zu eigen, da jemand Gutes auszusuchen – spätestens Anfang nächsten Jahres.

Worauf legen Sie wert?
Es muss jemand sein, der sich in der zeitgenössischen Kunst auskennt und der schon die eine oder andere große Ausstellung geleitet hat. Institutionelle Erfahrung wäre auch gut. Ansonsten: Alter, Geschlecht oder Hautfarbe sind völlig egal. Außerdem wird das Haus der Kunst in Zukunft zwei Chefs haben: den Kaufmännischen Direktor, Herrn Dr. Spies, und einen Künstlerischen Leiter. Aus der Medizin kenne ich es gar nicht anders – da hatten wir im Vorstand auch einen Ärztlichen Direktor und einen Verwaltungsdirektor, die im Team agiert haben.

"Plötzlich stand Herr Söder in meinem Terminkalender"

Wie geht es mit den Sanierungsplänen weiter?
Meine Priorität wäre, das Haus der Kunst nicht zu schließen und in zwei Bauabschnitten zu verfahren. Das steht aber noch nicht ganz fest.

Zurück zum Anfang Ihrer jungen Karriere als Politikerin: Ministerpräsident Söder hat mit Ihrer Ernennung alle überrascht. Wie kam es dazu?
Zwei Tage vor seiner Wahl zum Ministerpräsidenten hat er mich ins Finanzministerium einbestellt. Ich hatte mich schon gewundert. Es war eine sehr stressige Woche und plötzlich stand Herr Söder in meinem Terminkalender. Es hieß, es sei privat. Also habe ich gedacht, es handelt sich um ein medizinisches Problem – deswegen wurde ich ja normalerweise gerufen. Mein Mann hingegen hatte schon so eine Ahnung. Dann war ich da, wir hatten ein kurzes Gespräch und anschließend hat er mich gefragt, ob ich mir ein politisches Amt vorstellen könnte. Er hätte schon so viel Gutes über mich gehört und trotz intensiver Recherche auch nichts Negatives gefunden. Also habe ich gesagt: Warum nicht?

Haben Sie gezögert?
Nein. Ich hatte ja ein paar Tage Zeit, mir Gedanken zu machen und habe auch mit meinem Mann darüber gesprochen. Wenn es deswegen in der Familie geknirscht hätte, hätte ich es nicht gemacht.

Stimmt es, dass Sie am Tag Ihrer Vereidigung vormittags noch operiert haben?
Ja, eine Frau mit Mammakarzinom. Ich durfte ja niemandem etwas sagen, auch den Kollegen nicht.

Sie kommen aus einem Fach, in dem Sie sich als Expertin bewiesen haben.
Das kommt mir in der Wissenschaft sehr zugute.

"Musik war mein Hobby, jetzt ist es mein Beruf"

Aber im Bereich Kunst können Sie ja – logischerweise – gar nicht dieselbe Kompetenz haben wie in der Medizin.
Es gibt ja noch die Kür! Ich hatte ein sehr interessantes Gespräch mit dem Intendanten der Staatsoper, Nikolaus Bachler. Er sagte zu mir, er findet eine Ärztin als Kunst-Ministerin gut, weil er mit Künstlern spricht, wenn er über Geld reden möchte – und mit Ärzten, wenn er über Musik reden möchte.

Warum?
Weil Ärzte sehr Musik-affin sind. Die meisten spielen ein Instrument.

Welches Instrument spielen Sie?
Klavier und Schlagzeug.

Schlagzeug?
Ja, das musste ich notgedrungen lernen, weil in meiner Kieler Zeit einmal der Drummer der Klinikband ausgefallen ist. So war Musik bislang mein Hobby, jetzt ist sie Teil meines Berufs – auch schön!

Als Sie vereidigt wurden, waren Sie noch parteilos. Jetzt kandidieren Sie für die CSU auf der Oberbayern-Liste für die Landtagswahl. Wann sind Sie eingetreten? Und warum?
Ich bin seit 5. April Mitglied der CSU. Wenn ich mich committe, möchte ich meine Parteizugehörigkeit auch offen zeigen.

In seiner Regierungserklärung hat der Ministerpräsident rund 100 Maßnahmen und Projekte vorgestellt, viele davon aus Ihrem Bereich.
Die Regierungserklärung ist für mein Ressort tatsächlich sehr umfangreich ausgefallen. Wir kamen gleich nach der Inneren Sicherheit und ich empfinde das als großes Kompliment. Wir haben auch schon viel erreicht. Mit dem Uniklinikum Augsburg haben wir bereits an meinem ersten Arbeitstag angefangen, mit der Ersten Lesung des Errichtungsgesetzes im Landtag. Weiter geht’s mit dem Theater Augsburg, das zum 1. September Staatstheater wird. Wir werden ein Kompetenznetzwerk für Künstliche Intelligenz aufbauen und ein bayerisches Internet-Institut. Und so geht es weiter: eins nach dem anderen.

100 Millionen Euro soll es allein für das Raumfahrtprogramm Bavaria One geben. Wann hebt Bayern ab?
Dafür soll in Ottobrunn eine ganz neue Fakultät geschaffen werden, zusammen mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt und dem Wirtschaftsministerium. Schwerpunkte werden erst einmal unbemannte Flugobjekte und die Erdbeobachtung sein. Die Eckpunkte für die Umsetzung wollen wir bis Herbst erarbeiten. Und wenn alles schnell genug geht, fliege ich mit unserem Ministerpräsidenten auf den Mond. Da hätte ich keine Angst! Allerdings glaube ich, dieser Plan ist etwas zu ambitioniert – aber man darf ja mal fantasieren.

Welche Schwerpunkt wollen Sie vorher auf der Erde setzen?
Wir wollen ein bayerisches Krebszentrum etablieren, das Bavarian Cancer Center, ein Netz aus Informationszentren für die Menschen.

Was verstehen Sie darunter?
Wenn man Krebs hat und die Krankheit wiederkommt, möchte man an Innovationen partizipieren. Sich dahingehend zu informieren, ist für die Menschen bislang sehr schwierig. Man muss ihnen näher bringen, welche Projekte aktuell laufen, wo sie an klinischen Studien teilnehmen können oder neue Therapieansätze von Anfang an mitbekommen. Das fehlt meines Erachtens. Das Bavarian Cancer Center soll daher überall dort zu finden sein, wo es eine Universitätsklinik gibt.

"Ich sehe sehr viele Ähnlichkeiten zwischen Medizin und Politik."

Was planen Sie noch?
Gerade bei Technik sind die Deutschen etwas vorsichtig, haben vielleicht sogar ein bisschen Angst vor dem Fortschritt. Da müssen wir die Kommunikation verbessern, nach dem Motto: Gutes tun – und darüber sprechen. Außerdem wird der Wettbewerb um die besten Köpfe immer schwieriger. Da habe ich mir überlegt: Wir könnten eine bayerische Humboldt-Professur einrichten, bei der schnell berufen werden kann, mit einer Super-Ausstattung, so dass wir die Besten nach Bayern holen. Von meinem Mann habe ich gelernt: Geld schießt Tore – und in der Wissenschaft ist es nicht anders. Wenn man den Messi oder Ronaldo der Forschung auf der Agenda hat, muss man ihm auch etwas bieten.

Sie haben vorgeschlagen, beim Medizinstudium 40 Prozent der Zulassungen von der Abiturnote abhängig zu machen – und sind stark kritisiert worden.
Weil ich immer nur zur Hälfte zitiert wurde. Das Bundesverfassungsgericht hat gesagt, es ist nicht rechtens, wie die Medizin-Studienplätze derzeit verteilt werden. Es hat die Wartezeit kritisiert und die Vergabeverfahren der Hochschulen, weil dort neben der Abiturnote noch ein anderes Auswahlkriterium dazukommen muss. Aktuell haben wir folgende Verteilung: 20 Prozent auf Wartezeit, 20 Prozent Abitur-Besten-Quote und 60 Prozent durch das Auswahlverfahren der Hochschulen, kurz ADH. Auf der Kultusministerkonferenz haben wir uns darauf geeinigt, dass die Wartezeit-Quote komplett wegfallen soll, was ich sehr richtig finden.

Was haben Sie gegen die Wartezeit-Quote?
Ich bin seit 1996 habilitiert und prüfe Staatsexamen. Die einzigen drei Kandidaten, die durchgefallen sind, standen auf der Warteliste. Warten qualifiziert nicht für ein erfolgreiches Medizinstudium. Nun geht es darum, die "frei" gewordenen 20 Prozent neu zu verteilen. Mein Vorschlag war, sie der Abitur-Besten-Quote zuzuschlagen. Das Abiturzeugnis ist bislang der beste Einzelprädiktor für das erfolgreiche Abschließen des Medizinstudiums. Hinzu kommt: Bei einer Abitur-Besten-Quote von 20 Prozent ist es unmöglich, dass alle 1,0-Kandidaten einen Studienplatz bekommen. Würden wir die Quote erhöhen, könnten wir sicherstellen, dass alle mit 1,0, mit 1,1 und wahrscheinlich auch mit 1,2 einen Platz kriegen. Dann soll in der ADH-Quote noch mindestens eine Talentfindungsmaßnahme einfließen. Im Moment gibt es dafür zwei validierte Mediziner-Tests. Aber da schneiden auch die Bewerber mit dem Super-Abitur sehr gut ab.

Das klingt nach: je besser das Abitur, desto besser der Arzt. Entspricht das Ihrer Erfahrung?
Ja. Sonst würde ich nicht so leidenschaftlich dafür argumentieren. Aber zurück zur ADH. Wir haben uns darauf geeinigt, dass es nicht nur ein Zusatzkriterium geben soll, also den Mediziner-Test, sondern noch ein weiteres. Das könnte zum Beispiel soziale Kompetenz sein.

Wie fällt Ihre Bilanz nach gut 100 Tagen im Amt aus?
Ich sehe sehr viele Ähnlichkeiten zwischen Medizin und Politik. Ein Mediziner fängt mit der Anamnese an – der Politiker mit dem Zuhören. Der Mediziner stellt dann die Diagnose, der Politiker analysiert, das ist der gleiche Prozess. Der Mediziner indiziert anschließend die Therapie, der Politiker wählt die passende Maßnahme. Und das Ziel ist dasselbe: Der Arzt will den Menschen helfen, der Politiker ebenfalls. Insofern gibt es unheimlich viele Parallelitäten.

Sie haben sich also noch nie gefragt, warum Sie sich das angetan haben?
Nein! Es hat Operationen gegeben, die bis in die Nacht dauerten und bei denen ich mir schon gedacht habe: Augen auf bei der Berufswahl! Aber hier hatte ich das noch nicht.

Beneiden Sie manchmal Ihren Mann mit seinem super-einfachen Fachgebiet Fußball? Er kann frei von der Leber weg quatschen und es bleibt immer folgenlos.
Sie haben ja keine Ahnung! Wenn der irgendwas rausposaunt, geht das Telefon bei uns ohne Unterlass und er hängt nur noch an seinem Handy. Ich glaube, er polarisiert manchmal sehr. Aber das steht ihm ja auch zu. 

 

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