Wirbel um die Münchner Philharmoniker und ihren designierten Chefdirigenten Valery Gergievs peinlicher Eiertanz

Valery Gergiev beim Eiertanz um Putins homophobe Politik. Foto: dpa

Der Dirigent Valery Gergiev distanziert sich nur halbherzig von Wladimir Putins homophober Politik und gibt sich unpolitisch

 

Es war ein peinlicher Eiertanz. Der bei Homosexuellen-Initiativen international in die Kritik geratene Dirigent Valery Gergiev gab gestern bei einer Pressekonferenz im Gasteig den unpolitischen Künstler. Er distanzierte sich in Anwesenheit des städtischen Kulturreferenten Hans-Georg Küppers zwar von angeblichen Äußerungen gegen Homosexuelle, wollte sich aber zum umstrittenen Anti-Schwulen-Gesetz in seiner russischen Heimat nicht konkret äußern.

„Ich kenne dieses Gesetz nicht und ich verstehe es auch nicht“, sagte der designierte Chefdirigent der Münchner Philharmoniker. Die niederländische Zeitung „de Volkskrant“ habe ihn falsch zitiert. Er habe Homosexualität und Pädophilie nicht gleichgesetzt. Auch die autorisierte Äußerung in einer Veröffentlichung des von Gergiev geleiteten Mariinski-Theaters in St. Petersburg stimme nicht.

Im Übrigen richte sich das Gesetz, das alle Welt als Diskriminierung Homosexueller verstehe, in Wahrheit gegen Pädophilie. Das Wort Homosexualität käme im Gesetz nicht vor. Woher Gergiev das weiß, obwohl er es doch nicht kennt, blieb sein Geheimnis. Er plauderte lieber über die gute Auslastung der Oper von St. Petersburg.

Angenommen, so wurde insistiert, das Gesetz würde homosexuelle Propaganda in Anwesenheit von Jugendlichen bestrafen, wie allgemein zu lesen sei – wie wäre dann Ihre Haltung? Gergiev wich aus: Er findet, dass sich Kinder besser mit Mozart, Puschkin und anderen Klassikern auseinander setzen sollten. Prompt rief bei der teilweise tumultösen Pressekonferenz jemand „Tschaikowsky“ – den Namen des schwulen russischen Nationalkomponisten, der nach Ansicht russischer Nationalisten nicht schwul war – worauf er nicht reagierte.

Gergiev kann es sich als künstlerischer Leiter des Mariinski-Theaters kaum leisten, sich allzusehr von der offiziellen Politik zu distanzieren. „Natürlich ist in der künstlerischen Gemeinschaft kein Platz für Diskriminierung“, betonte der Dirigent in Richtung Kulturreferent und Stadtrat. „Wenn jemand in meiner Gegenwart diskriminiert wird und ich schweige, ist das meine Verantwortung.“ Er sei aber vor allem Musiker und könne darum nur für seinen Bereich sprechen. „Ich gehöre nicht zur Duma, ich gehöre nicht zur Regierung.“

Wenn man Gergiev Glauben schenkt, hat es vor seinen letzten Auftritten in London und New York gar keine Proteste gegeben, nur ein paar Zwischenrufe. Dass in Zeitungen anderes zu lesen war, tat der Dirigent als Unsinn ab: Er habe nichts davon bemerkt.

Sein Verhältnis zu Wladimir Putin spielte er herunter: den sehe er einmal im Jahr, und ihm sei ein Präsident lieber, der ins Konzert komme als einer, der sich für Kultur nicht interessiere. An seinem Theater werde niemand wegen seiner religiösen, rassischen oder sexuellen Orientierung unterdrückt – er arbeite mit allen von ihnen zusammen und wisse außerdem als aus dem Kaukasus stammender Ossete, was Diskriminierung sei.

Am Ende wurde  gefragt, ob es nicht eine  aus historischen Erfahrungen gespeiste Verantwortung für Künstler gebe, gegen Inhumanität zu protestieren. Hier sagte Gergiev ausweichend: Er sei kein Politiker, habe einen vollen Terminkalender und finde es wichtiger, Gesamtaufnahmen von Wagners „Ring“ und Schostakowitschs Symphonien zu beenden –  die schwächstmögliche aller Antworten.

Küppers sprach von einer „Null-Toleranz-Grenze“ der Stadt in Sachen Diskriminierung. Er hörte aus all dem Lavieren die Äußerung heraus, Gergiev habe Homosexuelle nicht mit Pädophilen gleichgestellt. Aus seiner Sicht habe der Dirigent klargestellt, dass es Diskriminierung bei ihm „niemals gegeben hat und auch niemals geben wird“. Der Kulturreferent begrüßte die heutige Demonstration der Rosa Liste um 18.30 Uhr vor der Philharmonie als Ausdruck einer offenen Gesellschaft. 

Paul Müller, der Intendant der Münchner Philharmoniker, versteht die die Debatte um Gergiev als einen russisch-deutschen Lernprozess. Was aber lässt sich von diesem Dirigenten lernen? Wie man in peinlicher Weise ausweicht und keine klare Position bezieht? Putins Politik bleibt an Gergiev kleben wie ein alter Kaugummi am Schuh. Noch ein solcher Auftritt, und dieser Mann ist als Chef der Münchner Philharmoniker vollends untragbar.

 

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