Wintersport „Leichter entspannen“

Abfahrt fährt er nie mehr: Deutschlands Slalomstar Felix Neureuther. Foto: dpa Foto: az

Felix Neureuther über seine neue Lockerheit, die Heim-WM und den Olympiatraum.

 

AZ: Herr Neureuther, kurz nach der vergangenen Saison hieß es für Sie: Knie aufräumen! Was war los?

FELIX NEUREUTHER: Das hat schon früher begonnen. Ich habe einen Frühjahrsputz machen lassen. Es war die ganze Saison eigentlich schon so, dass das Knie immer recht dick geworden ist. Bei bestimmten Bewegungen habe ich es dann nicht mehr richtig strecken oder beugen können, weil sich Knorpelteile gelöst hatten. Die haben sich im Gelenkspalt verklemmt und mussten dann rausgemacht werden. Das musste man machen, und das hat auch was gebracht.

Sie gelten als großer Verdränger in Sachen Schmerzen. Sind Schmerzmittel Ihre ständigen Begleiter?

Ja, schon. Es ist halt permanent eine Schwellung im Knie, und die muss man halt irgendwie wieder rausbekommen. Aber die Sachen, die wir nehmen dürfen, da kannst du genauso gut ein Zitronen-Gutti lutschen – das nützt genauso viel. Also muss man vor allem über Krafttraining das Knie schützen.

Wie wirken sich diese Beeinträchtigungen auf Ihre Karriereplanung aus?

Ich habe das ja schon von klein auf gemerkt, hatte ja viel vorgehabt als junger Bursch. Als Kind war mein großer Traum, die Streif in Kitzbühel zu gewinnen. Jetzt hab ich dort den Slalom gewonnen, aber vom Körper her muss man wirklich herausragend fit sein, um ein Allrounder sein zu können.

Vor zwei Jahren hatten Sie noch angekündigt, verstärkt Abfahrt trainieren zu wollen. Fällt das nun flach?

Ja. Der Körper steht an erster Stelle. Ich habe das auch im letzten Jahr gemerkt, als ich in Lake Louise und Beaver Creek Abfahrt gefahren bin, dass das einfach an die Substanz geht. Und wenn ich realistisch bin, habe ich im Slalom bessere Chancen eine Medaille zu gewinnen. Jetzt irgendwelche Experimente zu machen, wäre fehl am Platz.

Das heißt: Den Abfahrer Neureuther werden wir nicht mehr sehen?

Nein, nurmehr den Slalom- und Riesenslalomfahrer.

Wie viel Rückenwind nehmen Sie aus der guten letzten Saison mit dem ersten Weltcup-Sieg mit?

Man geht relaxter an Trainingseinheiten ran. Auch wenn mal ein Tag dabei ist, wenn man nicht gut fährt. Die letzten Jahre war ich da so angefressen, total sauer und unzugänglich. Jetzt kann ich mich leichter entspannen.

Nun haben Sie eine besondere Saison vor der Nase mit der Heim-WM. Die Erwartungshaltung, der Druck – mindert das nicht die Vorfreude?

Wieso mindern? Da sind 10000 Leute, die dich anfeuern, und du fährst da runter, findest es nur so geil und wirst so angepusht von denen - ich kann mir nicht vorstellen, dass man vor so einer Situation Angst hat. Da muss man sich drauf freuen können und einfach „on fire" sein, dass man so was erleben darf – und das bin ich auch. Ich hab's ja letztes Jahr beim Weltcup-Finale in Garmisch gezeigt, wo ich gewonnen habe.

Apropos Garmisch: Wie erleben Sie als Garmischer die Olympiabewerbung 2018?

Kein einfaches Thema. Irgendwo ist es schade, dass auch Fehler gemacht worden sind, auch im Umgang mit den Bauern. Das ist alles sehr zerfahren abgelaufen am Anfang. Und das war vielleicht auch nicht 100 Prozent strukturiert. Aber zum Beispiel meine Eltern. Die tun sehr viel, aber wenn du in Garmisch wohnst und du willst da auch noch ein bisschen länger wohnen und du bekommst das alles mit, wie die Leute reagieren, und du engagierst dich da mit Herzblut, dann haben wir in Garmisch garantiert keine ruhige Minute mehr.

Haben Sie selbst 2018 im Hinterkopf?

Definitiv! Das sind knapp sieben Jahre, da bin ich 33. Mir wär' es wurscht, wenn ich ab 34 nicht mehr gehen könnte. Heim-WM ist was anderes, aber olympische Spiele zu Hause, das wäre schon noch mal eine Nummer krasser.

Interview: Thomas Becker

 

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