Wimbledon "Dem Herzinfarkt nahe"

Geschafft: Andy Murray warf nach seinem knappen Viertelfinalsieg sein Schweißband ins Publikum. Foto: dpa

Alle feiern Andy Murray nach seiner Aufholjagd. Tennis-Legende John McEnroe erklärt, warum der Tennisstar so unberechenbar ist.

 

London - Am Morgen nach dem jüngsten Centre Court-Drama flehte ihn der „Daily Telegraph“ im Namen seiner geschafften Leser inständig an: „Bitte tu uns das nicht noch einmal an.“ Der bettelnde Hilferuf ging an die Adresse des Mannes, der das Vereinigte Tennis-Königreich mal wieder mit einer seiner typischen Grand Slam-Achterbahnfahrten an den Rand des kollektiven Nervenzusammenbruchs geführt hatte – an jenen Andy Murray eben, der 2013 endlich auf den grünen Wiesen Wimbledons den britischen Titelnotstand beenden und sich zum Rasenkönig aufschwingen soll, 77 Jahre nach dem letzten Erfolg durch Fred Perry.

„Ein ganzes Land dem Herzinfarkt nahe“, titelte auch der „Daily Mirror“ nach dem turbulenten 4:6, 3:6, 6:1, 6:4, 7:5-Viertelfinalsieg des 26-jährigen Schotten gegen Spaniens Beinahe-Partyschreck Fernando Verdasco.Dem Triumph auf den letzten Metern, der Murray doch noch das Ticket zur Halbfinal-Verabredung mit dem polnischen Riesen Jerzy Janowicz sicherte, einem kraftvoll-dynamischen Spieler mit dem Potenzial für große Wimbledon-Erfolge schon im Hier und Jetzt – oder in der Zukunft. Vorerst durften sie ihren Traum also weiterträumen, Murray und seine emotional durcheinandergeschüttelten Fans, den Traum, dass der Goldmedaillengewinner nicht nur in Wimbledon gewinnt, wie 2012 bei den London-Spielen, sondern auch Wimbledon gewinnt – das wahre Wimbledon, den wichtigsten aller Grand Slams.

„Es war eine Reise von der Hölle in den Himmel“, gab Murray hinterher zu Protokoll und entschuldigte sich selbst für ein Match, bei dem mancher seiner Parteigänger fast den Doktor brauchte: „Die ersten Sätze habe ich gespielt, als hätte ich in den letzten Jahren nichts dazugelernt. Das war ziemlich töricht und dumm.“ Erst eine wüste Selbstbeschimpfung im dritten Satz, bei der der Weltranglisten-Zweite so hart mit sich selbst ins Gericht ging, dass die BBC für ihr Millionenpublikum eigentlich schamhafte Piepstöne über die Murray-Kaskaden hätte legen müssen, setzte plötzlich neue Energien beim Mitfavoriten frei – und brachte auch eine neue Klarheit und Klugheit ins Spiel. „Murray hat gelernt, immer noch einen Weg aus dem Schlamassel zu finden.

Er ist schon ein zäher Brocken“, sagte das frühere Tennis-Enfant-Terrible John McEnroe. „Zurück vom Sterbebett“, titelte da der „Daily Star“ über den „Eisernen Andy“ und zeigte in einer Bilderserie den mitleidenden Sir Alex Ferguson, einen der größten Murray-Fans. Der pensionierte ManUnited-Coach hatte genau so wie Englands Fußball-Nationaltrainer Roy Hodgson die Entfesselungsnummer Murrays sichtlich aufgewühlt in der Royal Box verfolgt.

Doch schon steht ein neuer, mächtiger, unübersehbarer Spaßverderber bereit für den hartnäckigen Murray – sein Name: Jerzy Janowicz, Teil des polnischen Tenniswunders hier in Wimbledon 2013, nicht weniger als 203 Zentimeter messend vom Scheitel bis zur Sohle, ein Hüne aus Lodz, der Aufschläge mit solcher Wucht vom Schläger zimmert, dass fast das Gras zu brennen beginnt. „Dieser Mann wird Andy Murray eine Menge Probleme bereiten“, sagt selbst Tim Henman, der einstige Hoffnungsträger der Gastgeber-Nation, „wenn Jerzy so richtig in Schwung ist und seine Asse aufs Feld krachen lässt, ist er nur sehr, sehr schwer zu stoppen.“

Bei seinem bisher größten Tenniscoup, dem Einzug ins Masters-Finale in Paris-Bercy, hatte Janowicz auch Murray im Achtelfinale geschlagen – allerdings hatte der Schotte da seine Gedanken schon beim nahenden WM-Spektakel in der Londoner O2-Arena.

 

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