Wiedereröffnung der Pinakothek der Moderne Wer ist hier Avantgarde?

Ausschnitt eines marokkanischen Knüpfteppichs, um 1930. Foto: Sammlung Adam, München

Mit „Marokkanischen Teppichen” verweist die Neue Sammlung auf die Moderne

 

Langsam, Faser für Faser webt sich der Rausch ins Auge. Das Gelb, das immer sonniger wird, dann ein rötlich warmes Orange, kühles Fuchsia-Violett, herrlich sattes Blau mit giftigen grünen Einsprengseln. Und schließlich dieses Rot! In all seinen Variationen leuchtet es hier oben durch die Himmelsetage. Fulminanter als mit diesen marokkanischen Teppichen hätte man die frisch renovierte weiße Rotunde nicht bespielen, ach was, feiern können.

Zugleich geben die traditionellen Web- und Knüpfarbeiten, mit denen die Neue Sammlung in die Saison startet, einen intensiven Verweis auf die Kunst des Hauses, also das, was die Staatsgemäldesammlungen zeigen. Wer im ersten Teil der Schau im Erdgeschoss beginnt, trifft auf diesen Nomaden- und Stammesteppichen aus der Sammlung von Jürgen Adam viele alte Bekannte. Paul Klee und Wassily Kandinsky, August Macke und Le Corbusier, Cy Twombly oder Sean Scully – seine Arbeit „Small Red Union” leitet vielsagend in die Ausstellung – und oben in der Rotunde vor allem der Farbfeldmagier Mark Rothko. Nicht erst bei näherem Hinsehen landet man schnell mitten in der Avantgarde.

Und tatsächlich haben sich Künstler wie Klee oder Le Corbusier intensiv mit der Kultur Nordafrikas auseinander gesetzt. Fragt sich nur, wer hier wen inspiriert hat. Doch egal wie man zu ihr steht: die Bilderfeindlichkeit des Islam trieb zumindest die maghrebinischen Berberinnen am Webstuhl zu unsäglichen Freiheiten. Freiheiten, die sich die dem Figurativen verhafteten Europäer erst langsam erkämpfen mussten. Es wird also Zeit, dass die Forschung auf den Teppich kommt.

"Marokkanische Teppiche und die Kunst der Moderne", bis 5. Januar 2014, Katalog (Arnoldsche Art Publishers) 39.80 Euro im Museum

 

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