Wie geht's bei EADS weiter? Gewerkschafter im Interview: "Wir warnen vor Alleingängen"

Jürgen Kerner ist Vorstandsmitglied der IG Metall und dort zuständig für EADS. Foto: IG Metall Foto: Annette Zoch

 

 

Bei EADS stehen Jobs und Standorte auf der Kippe – es geht auch um Unterschleißheim. Demnächst will der Konzern die Pläne bekannt machen.
Was Gewerkschafter Jürgen Kerner dazu sagt

MÜNCHEN - Große Unruhe beim Luft- und Raumfahrtkonzern EADS: Berichten zufolge ist die Rüstungstochter Cassidian mit 1400 Mitarbeitern in Unterschleißheim von der Schließung bedroht. Dafür soll in Ottobrunn die neue Luft- und Raumfahrt-Zentrale entstehen. Morgen planen die deutschen Gewerkschaften deswegen einen Protesttag.

AZ: Herr Kerner, kann der Konzern bei einer Verlegung des Cassidian-Standortes von Unterschleißheim nach Ottobrunn mit der Zustimmung des Betriebsrates und der IG Metall rechnen?

JÜRGEN KERNER: Wir haben noch keine Informationen von Konzernseite, welche Standorte wie betroffen sein werden, und so lange es darüber nur Spekulationen gibt, können wir dazu nichts sagen. Wir werden aber alles dafür tun, die Umbaupläne im Sinne der Beschäftigten mitzugestalten.

Die neue Airbus-Sparte Military ist auf mehrere Standorte in Deutschland zerstreut. Wirtschaftlich ist das nicht. Mal abgesehen von Cassidian – wie sicher sind die Beschäftigten an den anderen Standorten vor Umzügen?

Wir sind offen für Veränderungen, aber alles muss in einem verträglichen Rahmen bleiben. Und wir warnen vor Alleingängen. Unsere Forderung ist: klare Kommunikation, Mitbestimmung der Arbeitnehmer und keine kurzfristige Renditefixierung. Die Konzernführung hat die Wahl, ob sie den anstehenden Umbauprozess mit uns konstruktiv oder im Konflikt bewältigen wollen.

Also ist es denkbar, dass Einheiten räumlich zusammengelegt werden?

Wir müssen uns die Profile der Standorte ansehen. Ottobrunn beispielsweise erfüllt mit seiner Grundlagenforschung und Astrium entscheidende Aufgaben. Und Unterschleißheim ist der Hauptsitz von Cassidian. Am Reißbrett mögen Standorte sehr leicht zusammenzulegen sein. Aber Menschen kann man nicht eben mal über hunderte von Kilometern verpflanzen. Bei Verlegungen verliert man deswegen unter Umständen Know-How. Aus meiner Sicht ist nicht klar, wo dies notwendig und sinnvoll wäre.

Verschiedentlich wurde berichtet, durch die Zusammenlegung von Airbus Military, Astrium und Cassidian würden 8000 Stellen überflüssig. Wie sicher sind die Beschäftigten vor Kündigungen?

Wir haben vom Konzern noch keine Details über Umbau- und Abbaupläne mitgeteilt bekommen. Allerdings muss man ganz klar sagen: Stellenabbau im großen Stil und erst recht betriebsbedingte Kündigungen wären bei EADS nicht darstellbar. Aber es gibt keinen Kündigungsschutz wie beispielsweise bei Siemens. Es gibt keine konzernweiten Regelungen wie bei Siemens, allerdings vergleichbare Vereinbarungen für einzelne Bereiche. Diese müssen eingehalten werden.

Bei Eurocopter hat EADS vorexerziert, dass eine Verlagerung von mehreren hundert Arbeitsplätzen – in diesem Fall von Ottobrunn nach Donauwörth – möglich ist. Die IG Metall hat sich in der Sache nicht verkämpft, weil kaum jemand von den betroffenen Beschäftigten Mitglied ist. Wie hoch ist der Organisationsgrad in den anderen Einheiten?

Bei Premium Aerotec und in den Flugzeugwerken ist der Organisationsgrad wie bei Volkswagen, es sind also praktisch alle Beschäftigten in der Gewerkschaft. Aber es gibt auch Bereiche, in denen er gering ist, vor allem in der Entwicklung.

Freuen Sie sich angesichts des aktuellen Konfliktes auf Aufnahmeanträge?

Konflikte machen uns nicht froh, aber wir nehmen sie an. Wir versuchen, Menschen für unsere Ziele zu gewinnen und ihnen deutlich zu machen, dass es besser für sie ist, mit den anderen aktiv zu sein, statt am Fenster zu stehen und ihnen zuzusehen.

Können Sie eigentlich nachvollziehen, dass Tom Enders angesichts schrumpfender Verteidigungsausgaben spart? In Europa, aber auch in den USA werden Verteidigungsausgaben gesenkt. Gerade deshalb steht die Bundesregierung in der Pflicht, die angekündigte militärische Luftfahrtstrategie zeitnah zu entwickeln. Gleichzeitig kann und muss der zivile Bereich bei EADS weiter wachsen. Das kann nicht über Exporte von Waffen in alle Welt ausgeglichen werden. Wir können doch nicht jedem Diktator Waffen auf den Hof stellen und in der „Tagesschau“ die Folgen dieser Exporte beklagen.

Was wäre die Ultima Ratio, wenn der Konzern nicht mit sich reden lässt – Streiks?

Davon sind wir meilenweit entfernt. Manche Standorte sind so gut ausgelastet, dass schon Chaos ausbrechen würde, wenn die Beschäftigten einfach nur mal auf Überstunden verzichten würden.

 

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