Widerruf nicht möglich Irre! Münchnerin (74) im Telekom-Shop abgezockt

"Jetzt habe ich Angst": Waltraud G. hat viel Geld an die Telekom gezahlt für nutzlose Dinge. Selbst mit Hilfe ihres Freundes Horst N. kommt sie schwer aus den Verträgen. Foto: Daniel von Loeper

Eigentlich funktioniert nur das Telefon von Waltraud G. in München nicht – der vermeintliche Berater im Telekom-Shop dreht ihr aber Technik und Verträge für Hunderte Euro an.

Waltraud G. ist 74 Jahre alt. Sie hört nicht mehr so gut, sie sieht nicht mehr so gut. "Beim Telefon ist mir wichtig, dass es sehr einfach ist – ich brauche ja nicht mehr als Grüß Gott und Pfia Gott sagen", sagt sie.

Als ihr Telefon im Herbst 2017 wochenlang nicht funktionierte, ging sie in einen Telekom-Shop im Westen der Stadt, um ein neues zu kaufen. Seit diesem Tag besitzt sie unter anderem einen Media Receiver 400sw für ihren Fernseher, damit sie ihr neues Fernseh-Paket Magenta Zuhause S mit Entertain-TV nutzen kann. Dazu ist sie Neu-Abonnentin des Pakets Sport-TV Option mit dem Zusatzangebot Sky Sport Kompakt.

Waltraud G. ist abgezockt worden.

"Man hört ja immerzu, dass alles auf online umgestellt wird"

Im Laden erklärte ihr der Mitarbeiter beim Telefon-Kauf, dass von der Telekom das Telefonnetz auf Glasfaserkabel umgestellt wird und dass es Vorteile habe, wenn sie auch ihren Fernseher ans Glasfasernetz anschließe. Dafür würde sie aber den Media Receiver benötigen und das dazu passende Fernseh-Paket.

Dass sie auch ohne Glasfaser weiterhin mit ihrem Fernseher normal alle Programme empfangen kann, weil in ihrem Mietshaus ein Kabelanschluss vorhanden ist, wusste er entweder nicht – oder verschwieg es.

"Das ist alles richtig blöd gelaufen", sagt die Rentnerin. "Man hört ja immerzu, dass alles auf online umgestellt wird. Man hört nur noch 'online' und 'Internet' und 'Tablet' oder wie das alles heißt. Darum habe ich das gemacht."

Bei der Installation der Neuerwerbungen fällt dem Techniker dann auf, warum das Telefon von Waltraud G. nicht funktioniert: Das Kabel im eigentlich abgeschlossenen Telefoneingangskasten im Keller ist gezogen. Er steckt das Kabel zurück, das Telefon funktioniert wieder – doch alles andere wächst der Seniorin über den Kopf.

Der Techniker merkt nämlich noch an, dass es für ihr internetbasiertes Fernseh-Paket sinnvoller wäre, wenn sie sich kabelloses Wlan einrichte. "So ein Kabel auf der Türschwelle ist ja auch eine Stolperfalle, sagte er", erzählt G..

Also kauft sie sich im Telekom-Shop einen Wlan-Router für 150 Euro – den allerdings nicht einmal ihr Schwiegersohn zum Laufen bringt.

Dass sie all das weder bedienen kann noch wirklich braucht, bemerkt Waltraud G. erst nach und nach – zum Beispiel, als ihr Fernseher alle Programme empfängt, obwohl der Receiver gar nicht eingeschaltet ist.

Ein Freund – der Jurist Horst N. – hilft ihr bei dem Versuch, alles wieder in den Ursprungszustand zurückzuversetzen, die überflüssige Technik zurückzugeben und die ungewünschten Abonnements und Verträge zu stornieren.

Im November lassen sie eine externe Firma kommen, die alles wieder zurückstellt. Der Telekom-Shop nimmt auch den Wlan-Router zurück. Den Media Receiver (4,95 Euro im Monat) muss G. allerdings weiter bezahlen und auch die Abos für die Entertainment-Pakete Magenta Zuhause (24,95 Euro pro Monat im ersten Jahr und 39,95 Euro im zweiten) sowie Sport-TV Option (9,95 Euro) kann sie nicht einfach so kündigen. Die 99,95 Euro für die Installation gibt es natürlich auch nicht zurück.

Widerruf nicht möglich, sagt die Telekom – denn sie wurde ja beraten

Obwohl Horst N. in einem Brief an das Unternehmen ausführlich die Lage schildert – "Frau G. ist eine Rentnerin mit kleiner Rente. Sie verbringt als Folge ihrer Fehlentscheidung schlaflose Nächte und wird von Magenkrämpfen gequält" – teilt die Telekom mit: Das Widerrufsrecht gelte nicht für Verträge, die in einem Shop abgeschlossen wurden.

"Im Telekom-Shop können Sie sich Zeit zum Aussuchen lassen und Sie werden dort beraten. Laut Fernabsatzgeschäft gilt das Widerrufsrecht nur für Verträge, die zum Beispiel am Telefon oder im Internet abgeschlossen wurden", heißt es im Antwortschreiben. Und weiter: "Wir wissen, dass Sie eine andere Antwort erwartet haben. Umso wichtiger ist es uns, dass Sie unsere Antwort nachvollziehen können."

Das kann N. natürlich nicht. Vielmehr ist er empört: "Es kommen weit über 1.000 Euro zusammen durch diese falsche Beratung, die völlig unnötig waren", sagt er. Seiner Schwester sei vor einem knappen Jahr Ähnliches passiert – "da wird schamlos die Unwissenheit von älteren Menschen und vor allem Frauen ausgenutzt!"

Er habe mit einem der Shop-Mitarbeiter gesprochen – und der habe zugegeben, dass das primäre Interesse sei, Produkte zu verkaufen. Und Kunden im Zweifelsfall falsch beraten werden. "Die Telekom spricht sich völlig frei von Verantwortung dafür, wie diese Shops mit Kunden umgehen", sagt Horst N. verärgert, "da stimmt doch etwas nicht, wenn die Läden den Namen führen, aber die Telekom keine Verantwortung übernimmt, wenn diese Leute Produkte verkaufen, die gar nicht notwendig sind."

Nach zwei Briefen von N. und einer Ankündigung, Medien und Verbrauchenschutz zu informieren, ist die Telekom der Rentnerin zumindest etwas entgegengekommen: Vor Kurzem meldete sich ein Mitarbeiter. Ein Teil der Kosten werde erstattet – er werde sich deshalb im April noch einmal melden.

Beraten die Mitarbeiter "nach bestem Wissen und Gewissen"?

"Das ist natürlich doof, dass sie da mehr bekommen hat, als sie wollte", sagte eine Telekom-Sprecherin auf AZ-Anfrage. Die Mitarbeiter würden aber "nach bestem Wissen und Gewissen beraten". Eine Häufung von Fällen, in denen älteren Menschen überflüssige Dinge verkauft wurden, sei ihr nicht bekannt. Sie werde sich aber bei Waltraud G. melden.

Nun wartet Waltraud G. also. Und hofft, dass das Thema bald abgeschlossen ist. "Ich habe mir geschworen: Sowas mache ich nie mehr. Das ist mir jetzt alles wurscht, auch wenn ich dann fernweltlich bin. Aber ich möchte nie wieder in so etwas hängen, aus dem ich nicht mehr rauskomme."

Eigentlich wollte sie sich schon für den Fall der Fälle um ihre Beerdigungs-Angelegenheiten kümmern, sagt die 74-Jährige. "Aber da müsste ich ja wieder in einen Laden und jetzt habe ich Angst, dass ich wieder Sachen bekomme, die ich gar nicht brauche." Sie macht eine lange Pause. "Am besten wäre, wenn man in einem Heim ist. Da wird man abkassiert und beschissen, aber es passt sonst alles."

Lesen Sie hier weitere News und Geschichten aus München

 

68 Kommentare

Kommentieren

  1. Ihr Pseudonym sowie weitere Daten können Sie in Ihrem Benutzerkonto ändern. Dieses finden Sie oben rechts .

loading