Über 400 Tote Coronavirus: China räumt "Unzulänglichkeiten" ein

Wegen des Corona-Virus herrscht in China nach wie vor Ausnahmezustand. In der betroffenen Provinz Wuhan wurde ein Notkrankenhaus eröffnet – trotzdem steigt die Zahl der Toten und Infizierten weiter. (Symbolbild) Foto: Xiao Yijiu/XinHua/dpa

Wieder erreicht die Zahl neuer Erkrankungen und Todesfälle durch die Lungenkrankheit einen Rekordwert. Die chinesische Führung sieht in der Epidemie einen "wichtigen Test" - und gesteht Defizite ein.

 

Peking - Chinas Führung hat "Unzulänglichkeiten und Defizite" in der Reaktion auf den Ausbruch der neuartigen Lungenkrankheit eingeräumt.

Nach einem Treffen unter Vorsitz von Staats- und Parteichef Xi Jinping ließ das Politbüro nach Angaben des Staatsfernsehens mitteilen: "Wir müssen die Erfahrungen zusammenfassen und Lehren daraus ziehen." Das nationale Krisenmanagement müsse verbessert werden. Das Gesundheitssystem solle auf den Prüfstand kommen - und "Mängel" müssten beseitigt werden.

Über Nacht stieg die Zahl der bestätigten Infektionen und Todesfälle durch das Coronavirus in China erneut sprunghaft. Wie die chinesische Gesundheitsbehörde mitteilte, gibt es 20.438 bestätigte Erkrankungen - 3225 neue Fälle im Vergleich zum Vortag. Die Zahl der Todesopfer stieg demnach um 64 auf 425. Es war erneut der bisher stärkste Anstieg der Infektionen mit dem neuartigen Coronavirus und der Todesfälle innerhalb eines Tages.

In Hongkong gab es den zweiten Toten außerhalb Festland-Chinas. Die Krankenhausbehörde bestätigte den Tod eines 39-Jährigen. Wie die "South China Morning Post" berichtete, hatte der Mann die schwer vom Virus betroffene Stadt Wuhan in Zentralchina besucht. Zuvor war auch ein Patient auf den Philippinen gestorben. Weltweit sind rund 200 Infektionen in rund zwei Dutzend Ländern bestätigt.

Die Sterblichkeitsrate der Lungenkrankheit in China liegt im Schnitt bei 2,1 Prozent. Das bedeutet, dass rund jeder 50. nachweislich Erkrankte an dem Virus stirbt. In der schwer betroffenen Metropole Wuhan erreicht die Mortalität allerdings 4,9 Prozent, wie Jiao Yahui von der Gesundheitskommission berichtete. In der gesamten Provinz Hubei, dessen Hauptstadt Wuhan ist, sind es demnach 3,1 Prozent.

In Deutschland sind bislang zwölf Fälle von Infizierten bekannt. Zehn stehen in Zusammenhang mit dem bayerischen Autozulieferer Webasto - darunter sind zwei Kinder eines Mitarbeiters. Bei Webasto war eine infizierte Kollegin aus China zu Gast gewesen, die ihre Erkrankung erst auf dem Rückflug bemerkt hatte. Außerdem war das Virus bei zwei Passagieren festgestellt worden, die am Wochenende mit einem Bundeswehrflugzeug aus Wuhan zurückgeholt worden waren.

Mehrere Länder wie Taiwan, die USA, Australien oder Neuseeland haben inzwischen Einreisebeschränkungen für Chinesen oder Ausländer erlassen, die aus China kommen. Auch haben mehrere Staaten ihre Bürger mit Sonderflugzeugen aus der weitgehend abgeschotteten Stadt Wuhan zurückgeholt.

In Belgien gibt es den ersten Fall einer Infektion. Der Patient war am Sonntag von China nach Belgien zurückkehrt und wird in einem Brüsseler Universitätskrankenhaus behandelt. Nachgewiesene Fälle gibt es laut WHO auch in Spanien, Italien, Großbritannien, Frankreich, Schweden und Finnland.

Wegen des Virus schließt das Glücksspiel-Eldorado Macao seine Kasinos für einen halben Monat. Der Regierungschef der chinesischen Sonderverwaltungsregion, Ho lat Seng, ordnete die Schließung an, nachdem neun der zehn Virus-Fälle in Macao in der Glücksspielindustrie festgestellt worden waren. Damit verliert Macao seine wichtigste Einnahmequelle. Die Umsätze in der ehemaligen portugiesischen Enklave sind größer als in Las Vegas.

Im Kampf gegen die Lungenkrankheit forderte Chinas Präsident Xi Jinping auf dem Treffen des Politbüros "rasche und entschlossene" Maßnahmen, wie die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua berichtete. Er rief zu einer "strikten Durchsetzung" von Anordnungen und Verboten auf. Im Kampf gegen die Epidemie gehe es nicht nur um Leben und Gesundheit der Menschen, sondern auch um die wirtschaftliche und soziale Stabilität.

Die Versorgung mit medizinischem Schutzmaterial müsse gesichert und die Infektions- und Sterblichkeitsrate gesenkt werden, wurde auf dem Parteitreffen weiter betont. Parteikomitees und Regierungen auf allen Ebenen wurden aufgerufen, die Epidemie unter Kontrolle zu bringen, aber auch "die Ziele der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung" in diesem Jahr zu erreichen. Der Ausbruch sei ein "wichtiger Test für Chinas System und die Fähigkeit zur Regierungsführung".

Bei dem Treffen wurde auch eine entschlossene Umsetzung des gerade erlassenen Verbots für den Handel mit wilden Tieren gefordert. Es müsse entschieden gegen illegale Märkte mit Wildtieren vorgegangen werden, so das Politbüro. Die Behörden vermuten, dass das neuartige Coronavirus von Wildtieren von einem Markt in Wuhan ausgegangen war. Die ersten Infektionen traten bei Besuchern des Marktes auf.

Ein Ende der Epidemie ist noch nicht in Sicht. Chinesische Experten schätzen, dass der Ausbruch ihren Höhepunkt in 10 bis 14 Tagen erreichen könnte. Dafür müssten aber vorbeugende Maßnahmen verstärkt werden. An der neuen Lungenkrankheit sind in Festland-China mittlerweile mehr Menschen gestorben als an der Sars-Pandemie vor 17 Jahren. Bei der Sars-Pandemie (Schweres Akutes Atemwegssyndrom) 2002/2003 hatte es 349 Todesfälle in Festland-China gegeben. Hinzu kamen 299 Tote in Hongkong. Weltweit waren es 774 Tote.