Welt-Aids-Tag HIV: Angst vor der Ausgrenzung

Kerzen bilden eine rote Schleife – sie ist eines der Symbole für den Kampf gegen Aids. Foto: dpa

Dank des medizinischen Fortschritts ist aus der „Todesseuche“ eine behandelbare Infektion geworden – doch die Betroffenen leiden unter sozialen Konsequenzen

 

München - "Positiv" bedeutet im Fall von HIV für die Betroffenen meist noch immer „negativ“. Wer das HI-Virus in sich trägt, muss auch im Jahr 2014 noch mit Diskriminierung leben.

Dank des medizinischen Fortschritts wurde aus der „Todesseuche“ Aids jedoch eine gut behandelbare Krankheit. „Viele Betroffene fürchten sich eher vor den sozialen Konsequenzen als vor den gesundheitlichen“, bringt Thomas Niederbühl, Geschäftsführer der Münchner Aids-Hilfe, das Problem auf den Punkt.

Die Infizierten befürchten Ausgrenzung, Diskriminierung sowie den Verlust von Arbeitsplatz und Freundeskreis.

Diese Ängste sind nicht ganz unbegründet. Sogar in Arztpraxen herrscht oft Unwissenheit. Dabei muss einiges zusammenkommen, um sich mit HIV anzustecken. Zum einen muss der Infizierte genügend Viren haben – die Zahl muss über der so genannten „Nachweisgrenze“ liegen. Durch die Behandlung sinkt die Zahl der Viren, so dass diese in den gängigen Tests nicht mehr auftauchen.

„Der Patient ist zwar nicht geheilt, aber nicht mehr ansteckend“, erklärt der MedizinerUlrich Kastenbauer. Außerdem wird das Virus nur durch den Austausch von Körperflüssigkeiten übertragen. „Ein kleiner Schnitt im Finger und ein Tropfen Blut des Infizierten reichen für eine Ansteckung nicht aus“, sagt Kastenbauer. „Das Blut muss direkt in den Körper fließen, zum Beispiel bei einer Bluttransfusion oder mittels einer infizierten Spritze. Oder Sie müssten Blutsbrüderschaft schließen.“ Deshalb ist die Aufklärungsarbeit der Münchner Aids-Hilfe wichtig.

Sogar beim Sex besteht nicht immer Ansteckungsgefahr. Um sicherer zu sein, verwenden Betroffene Kondome. In Bayern gab es 2013 etwa 400 Neuinfektionen, davon 200 in München. Insgesamt leben etwa 11000 Menschen mit HIV/Aids im Freistaat. Die Zahl ist seit Jahren stabil. „Das ist erfreulich“, resümiert Michael Tappe. Er ist selbst HIV-positiv und fachlicher Leiter bei der Münchner Aids-Hilfe.

Allerdings ist die Zahl der Neuansteckungen auch nicht gesunken. Das liegt unter anderem daran, dass es in Deutschland nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts 14 000 Menschen gibt, die nicht wissen, dass sie infiziert sind. In Bayern geht man von 1800 Personen aus. „Sie sind die ,Motoren’, weil sie ansteckend sind – ohne es zu wissen oder wissen zu wollen“, erläutert Tappe. „Diese Menschen hatten wohl Risikokontakte, haben aber Angst vor der Wahrheit und den sozialen Folgen. Deshalb lassen sie sich lieber nicht testen.“

Doch gerade sie sind ansteckend, weil sie nicht behandelt werden. „Eine Behandlung würde die Virenanzahl unter die Nachweisgrenze senken und das Ansteckungsrisiko minimieren“, sagt der HIV-Experte Ulrich Kastenbauer. Hier will die Münchner Aids-Hilfe die Hemmschwelle, sich testen zu lassen, senken. Zudem hat die Münchner Aids-Hilfe ein breites Angebot für HIV-Positive, deren Freunde und Angehörige.

Es gibt Stammtische für schwule Männer, für Frauen, für Heterosexuelle. Hier finden Betroffene Ansprechpartner und Gleichgesinnte. Außerdem gibt’s Freizeitveranstaltungen und ein Sportangebot. Auf die Frage, ob Betroffene von ihrer Infizierung erzählen sollen, gibt es jedoch auch bei der Aids-Hilfe keine eindeutige Antwort. Michael Tappe hält es wie viele „Positive“: „Ich erzähle Menschen, die mir wichtig sind, von meiner Infektion. Es muss nicht jeder wissen, solange kein Übertragungsrisiko besteht.“ In manchen Fällen – zum Beispiel beim Arzt – kann es durchaus sinnvoll sein, auf die HIV-Infizierung hinzuweisen.

Der Arzt kann die Behandlung dann besser anpassen.

 

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