Wegen sechsfachen Mordes angeklagt Prozess in München gestartet: "Todespfleger" schweigt vor Gericht

, aktualisiert am 26.11.2019 - 20:59 Uhr
Der Angeklagte beim Prozessauftakt am Dienstag. Foto: Daniel von Loeper

Seit Dienstag steht der sogenannte Todespfleger Grzegorz W. (38) vor Gericht. Sechs Senioren soll er ermordet haben. Ein Bruder erhebt schwere Vorwürfe.

 

München - Heinrich Neubauer (84) war ein aktiver älterer Herr. Er hatte sein Leben lang gearbeitet: als Bäcker, Weinbauer und Wirt in einem 150 Jahre alten Familienunternehmen in Wiesenbronn in Unterfranken. Er hatte Freude am Leben. "Und er war zu 100 Prozent fit im Kopf", sagt sein Bruder Günter Neubauer.

Angeklagter soll Opfern tödliche Mengen Insulin gespritzt haben

Am 17. Januar 2018 starb Heinrich Neubauer überraschend – nur zwei Tage, nachdem ein neuer Pfleger bei ihm begonnen hatte: Grzegorz Stanislaw W. aus Polen. Der 38-Jährige reiste noch am Todestag ab, begann wenige Tage später für einen anderen Patienten als Hilfspfleger zu arbeiten.

Seit Dienstag steht der 38-Jährige wegen Mordes in sechs Fällen sowie drei Mordversuchen vor dem Landgericht in München. Grzegorz W. soll seinen Opfern Insulin gespritzt haben, obwohl sie keine Diabetiker waren. Der Grund: Er wollte nicht mehr bei ihnen arbeiten. Doch wenn er das Arbeitsverhältnis vorzeitig beendet hätte, hätte er eine Vertragsstrafe von durchschnittlich 470 Euro zahlen müssen. Auch Heinrich Neubauer soll Grzegorz W. auf dem Gewissen haben.

Für den Mordprozess sind 37 Verhandlungstage angesetzt. Allein die Verlesung der 30-seitigen Anklage dauerte eine Stunde und 15 Minuten. "Er stellte seine eigenen Bedürfnisse und sein rücksichtloses Gewinnstreben um jeden Preis in krasser Eigensucht über das Leben der Geschädigten", wirft die Staatsanwaltschaft W. vor.

Mal passte dem Pfleger nicht, dass er nachts raus musste, mal störte ihn, dass es kein Internet gab. Ganz besonders stieß ihm jedoch auf, wenn andere Menschen im Umfeld des Pflegebedürftigen waren – dann fühlte er sich kontrolliert. Und konnte die Wohnung nicht durchsuchen. Grzegorz W. entwendete seinen Patienten EC- und Kreditkarten, Uhren und Münzen, aber auch Waschpulver oder Toilettenpapier.

Anwalt Adam Ahmed: "Menschen haben für ihn keinen Wert"

Anwalt Adam Ahmed, der die Angehörigen von Heinrich Neubauer vertritt, bezeichnete Grzegorz W. am Dienstag als einen "klassischen Soziopathen auf der Anklagebank". Er habe "kein Rechtsbewusstsein, keine Skrupel, keine Empathie", so Ahmed. "Menschen haben für ihn auch überhaupt keinen Wert."

Vor Gericht wollte Grzegorz W. keine Angaben machen – weder zu seiner Person noch zur Sache. Bei seinen ersten Vernehmungen 2018 hatte er die Taten jedoch eingeräumt.

Psychiater Matthias Hollweg schilderte, was W. ihm über seine Kindheit in Polen berichtet hatte. Demnach wuchs W. vorwiegend in Heimen auf. Bereits mit zehn Jahren hat er begonnen, zu stehlen. Er klaute einem Mitschüler den Füller und einem Nachbarn das Fahrrad. Sogar das Rad seines Vaters wollte er heimlich verkaufen.

Todespfleger saß jahrelang wegen Betruges in Haft

Freunde hat W. nicht. Er sei auch noch nie in einer Liebesbeziehung gewesen, berichtete der Psychiater. Von 2008 bis 2014 saß W. wegen Betruges in Polen in Haft. Nach einem Jahr Arbeitslosigkeit machte er einen Kurs als Pflegehelfer. Dann ließ er sich nach Deutschland vermitteln. An 69 Orten war er eingesetzt, verdiente etwa 1.200 Euro im Monat.

Günter Neubauer (78) erhob am Dienstag vor dem Gerichtssaal schwere Vorwürfe gegen die Agenturen, die den mutmaßlichen Mörder seines Bruders vermittelt hatten. Er arbeitet selbst im Gesundheitssektor, ist Direktor des Instituts für Gesundheitsökonomik: "Das System hat völlig versagt. Der Mann saß jahrelang im Gefängnis, aber niemand hat nachgefragt. Das System ist korrupt und völlig unkontrolliert. Da geht es nur um Profit. Es ist ein Skandal, dass so jemand jahrelang durch Deutschland reist und Menschen zu Tode befördert."

Der Prozess geht am Mittwoch weiter.

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