Wegen 300 Flüchtlingen Absurder Brief: Wird Grünwald zur Banlieue?

Sieht’s in Grünwald bald aus wie in Paris Saint-Denis (Hintergrund)? Wohl kaum, aber: „Die Beunruhigung ist gestiegen“, sagt der Bürgermeister. Foto: dpa/AZ-Montage

Bürgerinnen fürchten Zustände wie in einer französischen Vorstadt – wegen 300 Flüchtlingen.

 

Grünwald – Grünwald – das sind luxuriöse Villen hinter meterhohen Mauern, Mehrfachgaragen und Überwachungskameras. 100 Millionäre haben ihren Wohnsitz in der reichsten Gemeinde Deutschlands. Die Pro-Kopf-Kaufkraft der 11 000 Einwohner lag vergangenes Jahr bei rund 56 000 Euro.

Seit Dezember leben dort im Ortsteil Wörnbrunn knapp 300 Männer in einer Traglufthalle, die gar nichts haben: Geflüchtete aus Afghanistan, Irak, Iran und Eritrea. Das beunruhigt einige Anwohnerinnen so sehr, dass sie jetzt in einem Brief an den Gemeinderat davor warnen, ihr schmuckes Grünwald dürfe nicht zur, O-Ton, „Banlieue“ verkommen.

„Das Boot ist voll. Es ist genug!“

Sie seien „besorgte Mütter und Großmütter“ schreiben die sieben Unterzeichnerinnen. Ihre Söhne und Töchter seien „mehrfach von jungen, männlichen Flüchtlingen verbal belästigt“ worden. Auch wenn bislang „nichts Schwerwiegendes“ geschehen sei, decke man sich mit Pfefferspray ein und lasse die Kinder abends nicht mehr allein aus dem Haus.

„Das Boot ist voll. Es ist genug!“, heißt es in dem Schreiben – wie einst bei den Republikanern. Man werde ein Bürgerbegehren anstoßen, um die Vergabe weiterer Grundstücke für Flüchtlingsunterkünfte durch die Gemeinde an das Landratsamt zu stoppen.

„Wir müssen feststellen, dass die Beunruhigung in der Bevölkerung seit den Vorfällen in Köln extrem gestiegen ist“, sagt Grünwalds Bürgermeister Jan Neusiedl (CSU). Von Zuständen wie am Rand einer französischen Großstadt sei man jedoch weit entfernt: „In der Traglufthalle gibt es gelegentlich Auseinandersetzungen zwischen den Bewohnern, nichts Dramatisches. Außerhalb war das Gravierendste ein Ladendiebstahl.“ Von Gewalt- oder Sexualdelikten durch Asylbewerber sei der Gemeinde nichts bekannt – „und der Polizei auch nicht“.

"Wir sind hier nicht in Köln"

Es ist bereits das zweite Mal, dass der Grünwalder Rathaus-Chef Gerüchten entgegentritt, die über die Flüchtlinge im Ort erzählt werden. In einem ganzseitigen Text im „Isar-Anzeiger“ hatte Neusiedl vor wenigen Tagen unter anderem erklärt: „Ausdrücklich widerlegen möchte ich das Gerücht, wir, die Gemeinde, würden Rechnungen für Asylsuchende begleichen. Wir zahlen nicht für Mahlzeiten in Gaststätten; wir kommen nicht für Fahrtkosten, etwa mit der Tram, auf. Wir bezahlen keine Kleidung (...) Begrüßungsgeld und Willkommenspakete gibt es von der öffentlichen Hand nicht.“

Nach den Ferien will sich Neusiedl auch mit den Unterzeichnerinnen treffen, „um zu informieren“, wie er sagt.

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„Ich kann die Vorbehalte gegen Flüchtlinge, besonders nach den Ereignissen in der Silvesternacht in Köln verstehen“, sagt Ingrid Reinhart vom Grünwalder Helferkreis. „Aber wir sind hier nicht in Köln. Und ich wehre mich dagegen alle männlichen Flüchtlingen unter einen Generalverdacht zu stellen.“ Sie und ihre Mitstreiterinnen seien fast täglich in der Traglufthalle. „Wir werden immer mit großer Höflichkeit und Respekt behandelt.“

Zudem könne sich die Gemeinde gegen die Unterbringung von Flüchtlingen durch das Landratsamt gar nicht wehren. „Der Landrat hat das Recht, notfalls geeignete Liegenschaften für diesen Zweck zu beschlagnahmen.“

Um die Wogen zu glätten, lädt Ingrid Reinhardt die Grünwalder zu einem „Get-Together“ mit den Flüchtlingen ein: „Ich kann Ihnen versprechen, der persönliche Kontakt zu den Flüchtlingen ist die beste Möglichkeit, die vorhandenen Ängste abzubauen.“

 

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