War alles schon mal da Zweck statt Show: Die Retro-Bayern

Die Bayern feiern das 2:1 über Werder Bremen. Ein Arbeitssieg. Mehr nicht. Die Mannschaft mutiert unter Trainer Carlo Ancelotti zu Ergebnisverwaltern. Wie einst unter Ottmar Hitzfeld. Foto: dpa

Der Meister verwaltet beim 2:1 in Bremen das Ergebnis. Wie einst unter Ottmar Hitzfeld oder Jupp Heynckes steht bei Carlo Ancelotti der Zweck über der Show. Doch der Bayern-Trainer kritisiert: "Wir waren ein bisschen ängstlich."

München - Sie haben den Sieg hingenommen, registriert. Mit Erleichterung und - völlig berechtigt - auch einem schlechten Gewissen. Den Bayern erging es nach dem mühsamen 2:1 gegen Werder Bremen am Samstagnachmittag um 17.20 Uhr wie einem Schüler, in dessen Zeugnis eine "5" und eine "4" steht.

Eben noch so durchgekommen. Die Sieger schlichen mit Verlierer-Gesichtern vom Platz. Schuldbewusst. Gewonnen ja, geglänzt nein. Wieder nicht. Als Philipp Lahm mit den Reportern sprach, kniff er die Lippen dermaßen zusammen, dass man Angst haben musste, der Kapitän erstickt, sollte er nicht durch die Nase atmen.

Auf die Frage, was er davon halte, dass nach einer guten Stunde in Thomas Müller ein offensiver Mittelfeldspieler für einen defensiven (Renato Sanches) geopfert wurde, zischte er: "Ich glaube, das ist normal im Fußball."

Nachsetzen des Journalisten: "Aber doch nicht üblich für den FC Bayern?" Lahm noch bissiger: "Ich glaube, das ist normal im Fußball." Aha. Danke. Bitte. Abgang.

Spaß am Job vermittelten die Bayern an diesem 18. Spieltag nur beim Torjubel. Ansonsten war es Arbeit, nix als Arbeit. Spielfreude? Euphorie? Die sind irgendwo und irgendwie auf der Strecke geblieben in den letzten Wochen und Monaten. Die Mannschaft siegt, 14 Siege in 18 Spielen ist eine Top-Bilanz, aber sie erinnert nur in seltenen Lichtblicken an die Ära von Pep Guardiola und dessen dominanten Power- und Ballbesitzfußball, der die Gegner erdrückte und die Fans verzückte.

Und nun? Im Januar 2017 kommen diese Bayern rückwärtsgewandt daher. Was nicht nur negative Aspekte hat. Was aktuell an den Roten alles retro ist: Robben & Ribéry: 66 Jahre, fair verteilt, sind die beiden Flügelstürmer zusammen. In der 30. Minute waren sie Bayerns junge Hüpfer mit der Kaltschnäuzigkeit von alten Hasen.

Franck Ribéry nach Vollsprint über links mit scharfem Rückpass an die Strafraumgrenze, dort verwandelt Arjen Robben hart und humorlos - das 1:0. Man mag es kaum glauben, aber es war tatsächlich die erste Torvorbereitung des Franzosen für den Holländer seit Ende Februar 2015. Ribéry steht nun bei sieben Tor-Vorlagen - Bayerns Bester. Robben ist mit sechs Toren und fünf Vorlagen zweitbester Scorer der Münchner hinter Robert Lewandowski.

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Als "Robbéry" ersetzt wurden von den Kronprinzen Douglas Costa und Kingsley Coman, der sein Comeback nach über zwei Monaten feierte, war der Leistungsabfall der Mannschaft eklatant. Die Oldies, deren Verträge jeweils bis 2018 verlängert wurden, richten's eben immer noch.

Mögen sie gesund und fit bleiben mit Blick auf die Achtelfinal-Duelle der Champions League gegen den FC Arsenal (15. Februar/7. März).

"Es ist klar, dass wir besser spielen können - und müssen"

Die pragmatische Spielweise: Unter Ancelotti steht der Zweck über der Show. Hauptsache gewinnen. Ganz wie früher unter Ottmar Hitzfeld oder teilweise unter Jupp Heynckes. "Es ist klar, dass wir besser spielen können - und müssen", sagte Lahm. "Wir müssen besser organisiert agieren und das Spiel in Ballbesitz kontrollieren", forderte Robben.

Doch mit dem erwähnten Wechsel signalisierte Ancelotti auch: Männer, wir halten jetzt das 2:1. Der Italiener bleibt sich bei seinen Auswechslungen treu, tauscht meist nur Position gegen Position, selten erfolgt eine taktische Umstellung - sie muss ja nicht so radikal sein, wie das oft bei Guardiola der Fall war.

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Den Gegner stark machen: Sich zurücklehnen und abwarten - das kennt man von den Bayern aus der Vergangenheit. Schön und gut -– wenn es gut geht. Aber man ließ Werder wieder aufkommen. "Da gehst du 2:0 in Führung, und dann muss es eigentlich vorbei sein", meinte Robben. Bremens Torhüter Felix Wiedwald erkannte: "Bayern hat sich nach dem 2:0 zu sicher gefühlt."

Unter Guardiola war man wie besessen auf das 3:0 und 4:0 aus. "Nach 60 Minuten haben wir unsere Idee von Fußball verloren und nur noch verteidigt", bemerkte Ancelotti, "zum Schluss waren wir ein bisschen ängstlich!"

Es wird seine Aufgabe sein, den Bayern diese Ängstlichkeit wieder zu nehmen.

 

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