Waffenscheine für Senioren Rentner rüsten auf - 150 neue Waffen im Monat

Manfred Thalhammer (56) in seinem Büro in der Waffenbehörde des KVR. In der Hand hält er eine Umarex-Schreckschusspistole. Foto: iko

6079 Münchner tragen Schreckschusswaffen mit sich herum. Und es werden jeden Monat mehr – vor allem Senioren. Warum das (auch) gefährlich ist

 

München - Dritter Stock im Kreisverwaltungsreferat an der Ruppertstraße. Auf dem engen Gang vor der Waffenbehörde drängen sich Warteschlangen. Es geht um den „Kleinen Waffenschein“. Ein Papier, das es erlaubt, eine Gas- oder Schreckschusswaffe nicht nur daheim im verschlossenen Schrank liegen zu haben – sondern öffentlich zu tragen.

Diese Revolver, wie eine Walther P 99, ein Nachbau einer Polizei-Pistole, feuern zwar keine Kugeln ab, sondern nur Platzpatronen. Sie sind aber auf den ersten Blick kaum zu unterscheiden von scharfen Waffen.
Gerade das macht sie offenbar für immer mehr Münchner besonders reizvoll: Die Zahl derer, die sich Schreckschusswaffen verschaffen, steigt rapide. 2014 haben gerade mal 155 Münchner einen „Kleinen Waffenschein“ neu beantragt. Im Jahr drauf waren es 303. 2016, nach den Silvester-Übergriffen in Köln, hat sich diese Zahl (mit 2306 Neuanträgen) fast verachtfacht. Wer sind die Leute, die sich jetzt bewaffnen? Und wie gefährlich sind Schreckschusswaffen eigentlich? Die AZ hat mit Manfred Thalhammer (56), dem Chef der Münchner Waffenbehörde, gesprochen.

AZ: Herr Thalhammer, immer mehr Münchner rüsten mit Schreckschusswaffen auf, 2300 neue im vergangenen Jahr. Hält der Trend an?
MANFRED THALHAMMER: Ja, ganz klar. Seit Januar kommen zu den jetzt über 6000 offiziellen Münchner Schreckschusswaffen-Trägern jeden Monat weitere 100 bis 150 dazu. Das ist ein bedenklicher Trend.
Was macht Ihnen Sorge?
Dass die Dunkelziffer zig Mal höher ist. Wir zählen ja nur die Leute, die offiziell den „Kleinen Waffenschein“ beantragen. Man bekommt Gas-, Schreckschuss- und Signalwaffen aber auch ohne Schein im Waffenladen oder im Internet. Die dürfen dann zwar auf der Straße nicht geführt werden – aber in den Wohnungen liegen sie.
Was sind das für Leute, die sich solche Waffen kaufen?
Sie kommen aus allen Alters- und Bildungsklassen. Aber wir sehen einen Trend bei jüngeren Frauen und vor allem bei Männern im Rentenalter.
Was wollen die damit?
Ihr subjektives Bedrohungsgefühl bekämpfen. Junge Frauen glauben, sich nachts verteidigen zu müssen, wenn sie allein auf dem Heimweg sind.
Und die Senioren . . .
. . . haben Angst vor Überfällen und Einbrüchen. Sie glauben, dass sie verletzt werden könnten, wenn sie unbewaffnet sind. Aber das ist falsch.
Inwiefern?
Schreckschusswaffen ähneln scharfen Waffen sehr. Nehmen wir an, ein Einbrecher ist selbst bewaffnet. Der sieht Sie mit der Waffe, bekommt Angst und drückt selbst ab. Das Beste ist, die Polizei zu rufen.
Kennen Sie einen Fall, in dem der Einsatz einer Schreckschusswaffe einen Einbruch verhindert hat?
Nein. Umgekehrt gab es den Fall, in dem ein Mann mit Schreckschusswaffe im Kaufhaus herumgelaufen ist. Die Polizei hat den mit vorgehaltener Waffe zu Boden gebracht. Das hätte schlimmer ausgehen können.
Was prüfen Sie, wenn Sie einen Kleinen Waffenschein genehmigen sollen?
Die selben Dinge wie für einen echten Waffenschein. Wir prüfen im Bundeszentralregister, ob der Proband Straftaten verübt hat. Und bei der Staatsanwaltschaft, ob Verfahren anhängig sind. Wir fragen bei der Polizei ab, ob es Auffälligkeiten gibt.
Welche?
Gewalttätigkeiten in der Familie. Ob jemand betrunken auf der Parkbank aufgefunden wurde oder ein Drogenproblem hat. Und ob jemand mal in die Psychiatrie zwangseingewiesen wurde.
Wann lehnen Sie Scheine ab?
In den vergangenen zwölf Monaten 18 Mal. Neulich hat ernsthaft einer einen Antrag gestellt, der wegen Betrugs vier Mal verurteilt worden war. Der war schon ein Jahr und acht Monate in Haft gesessen. Da geht natürlich gar nichts.
Für einen ohne Erfahrung: Wie einfach ist es, mit einer Schreck-P 99 umzugehen?
Die meisten Leute unterschätzen das. Wenn der Waffenverkäufer einem das zehn Minuten lang erklärt, könnte man die Waffe schon abfeuern. Aber im Ernstfall vergisst man alles.
Wie muss man sich das vorstellen?
Nehmen wir an, Sie hören einen Einbrecher. Dann müssen Sie erst mal den Waffenschrank aufmachen. Sie holen die Waffe raus, grübeln erst mal, wie herum das Magazin hineingehört, führen es ein, müssen entsichern, durchladen, zielen und abdrücken. Ihr Angreifer ist wahrscheinlich schneller.
Falls das Abfeuern doch gelingt – wie gefährlich ist das für den, auf den ich schieße?
Ziemlich. Wenn die Treibladung verbrennt, werden ihm die Partikel ins Gesicht geschleudert. Schon bei nur zwei Metern Abstand von Ihnen bekommt er Brandspuren im Gesicht. Wenn’s blöd läuft, ist er blind. Und falls er Ihnen die Waffe abnimmt und sie direkt auf Ihrem Schädel aufsetzt, sprengt die Wucht Ihren Schädelknochen. Dann sind Sie tot.
Was raten Sie dann?
Es reicht auch ein Schrill-Alarm in der Tasche. Den darf man überall tragen und im Notfall einsetzen. Wenn man die Sicherung zieht, kommen Dezibel heraus wie bei einem startenden Düsenjet. Ernsthaft, das vertreibt jeden.


AZ-Info: Waffen in Bayern

Im Freistaat besitzen 204 000 Menschen insgesamt 1,149 Millionen Waffen. 2016 gab es 41 Fälle, in denen Menschen durch Schusswaffen verletzt oder getötet wurden. In fast allen Fällen nutzten die Täter illegale Waffen. Durch den Amoklauf in München mit zehn Toten und fünf Verletzten und dem Angriff des selbst ernannten „Reichsbürgers“ auf Polizisten in Georgensgmünd ist die Zahl im vergangenen Jahr besonders hoch. Bei den restlichen Todesfällen handelt es sich überwiegend um Selbstmorde.

Was bei Schreckschusswaffen erlaubt ist

Ein Laie erkennt’s kaum: Die Waffe links ist echt, die rechte eine Schreckschusspistole.

Aktuell haben 6079 Münchner einen „Kleinen Waffenschein“ für eine Schreckschusswaffe. Die Zahl derer, die Schreckschusswaffen ohne Schein haben, wird zigfach höher geschätzt.

Was sind Schreckschusswaffen?
Meist Nachbildungen echter Pistolen. Anders als diese verschießen sie aber keine Kugeln, sondern Platzpatronen, die mit Reizgas gefüllt sein können. Die Druckwirkung ist dabei so hoch, dass ein auf dem Kopf aufgesetzter Schuss tödlich sein kann.

Wie erkennt man sie?
Am Prüfsiegel „PTB“ der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt, das auf der Waffe eingeprägt ist. Waffen ohne dieses PTB-Siegel gelten als scharfe Schusswaffen. Deren unerlaubter Besitz ist strafbar.

Welche Munition gibt es?
Verschiedene Patronen, die man an der Farbkodierung erkennt: Grün heißt Knallpatrone und enthält nur NC-Pulver, das Angreifer durch Lärm abschreckt. Gelb steht für Reizgas (CS-Gas) – es brennt in Augen und Lunge. Gold bedeutet „Flashs“ – da zuckt ein greller Feuerblitz aus der Mündung. Rot steht für Pfefferspray. Das ist aber, außer in einer Notsituation, nur zur „Tierabwehr“ erlaubt, weil es besonders wirkungsvoll ist.

Wer darf sie kaufen?
Eine Schreckschusswaffe darf man ab 18 Jahren ohne Waffenschein und ohne besondere Schieß-Kenntnisse kaufen. Allerdings: Nach Hause transportieren darf man sie dann nur ungeladen und in einem verschlossenen Behältnis.

Wo darf man Schreckschusswaffen führen?
Ohne „Kleinen Waffenschein“ nur innerhalb der Mietwohnung (oder bei Eigentümern innerhalb seines Besitztums), abfeuern darf man sie aber nur in einer Notsituation. Wer sie auch außerhalb mit sich führen möchte, braucht seit 2003 den „Kleinen Waffenschein“. Den müssen Münchner auf der Waffenbehörde im KVR beantragen (kostet 100-150 Euro). Daheim muss die Schreckschusswaffe getrennt von der Munition und sicher weggeschlossen gelagert werden.

Wo sind Schreckschusswaffen verboten?
Auf öffentlichen Veranstaltungen und Versammlungen wie bei Demos, Volksfesten (wie der Wiesn), Märkten oder Fußballspielen.    iko

 

42 Kommentare