Vor dem Landgericht Landshut Drei Kinder getötet: Auftakt im Mordprozess um Mutter

Die Angeklagte Bianca T. im Gerichtssaal des Landgerichts Landshut. Ein Jahr nach einem Familiendrama mit drei toten Kindern in Freising muss sich die Mutter wegen Mordes vor dem Gericht verantworten. Foto: dpa

Vor einem Jahr sorgte ein tödliches Familiendrama in Freising für Entsetzen. Nach einem schweren Unfall auf der A92 entdeckten Polizisten in einem Autowrack drei Kinderleichen, die Mutter am Steuer überlebte schwer verletzt.

 

Landshut –  Seit 9 Uhr beschäftigt sich das Landgericht Landshut mit dem Fall Bianca T. Laut Staatsanwaltschaft hatte die offenbar überforderte Mutter zunächst ihre sechsjährige Tochter und dann die vier Monate alten Zwillinge erstickt. Dann fuhr sie auf die Autobahn und verursachte bei Unterschleißheim nördlich von München den Unfall. Die Frau wollte sich selbst töten. Die 39-Jährige aus Freising muss sich laut Anklage wegen Mordes und zweifachen Totschlags verantworten.

Die AZ war am Tag des Prozessauftakts dabei und live aus dem Gerichtssaal berichtet:

++ 12.25 Uhr: Bianca T. hat für ihre Babies am Tatort zwei Windeln beschriftet. Der Wortlaut: "Meine süße Maus, es tut mir leid, dass du keine bessere Mama hast. Ich liebe dich. Es tut mir leid, dass du so früh sterben musst. Es tut mir leid. Ich liebe dich. Deine Mama." Beim zweiten Baby schrieb sie "Süßer Fratz". Zu einer Windel für die sechsjährige Tochter Anna-Lea kam sie dann nicht mehr.

++ 11.20 Uhr: Die Angeklagte berichtet vom Tathergang: Anna-Lea sagte: "Mama, ich will nicht sterben. Heute nicht. Vielleicht morgen", berichtet die Mutter und sagt: "Das hätte ich nicht gekonnt." Die Richterin fragt: "Was konnten Sie nicht?" Bianca T.: "Alles auf morgen verschieben. Das hätte alles noch schlimmer gemacht." Über sich zur Tat sagt sie: "Ich war Innen drin leer. Ich habe mich nicht gefühlt. Ich habe keine Empfindung gehabt." Im Nachhinein, sagt sie, sei es gewesen, als ob sie außerhalb ihres Körpers gewesen wäre und sich selbst bei der Tat zugesehen hätte. Als sie den Mord an Anna-Lea minutiös schildert, heult sie. Auch im Publikum beginnen mehrere Anwesende zu weinen. Es herrscht eine bedrückte, entsetzte Stille im Gerichtssaal.

++ 11.10 Uhr: Während der Fahrt hat sie auch eine SMS an Anna-Leas leiblichen Vater in Baden-Württemberg und Anna-Leas älteren Bruder (heute 13) geschrieben. Erst hatte sie vor am Flughafen von einem Parkdeck zu springen. Aber sie habe es nicht geschafft, die Kinder hinunter zu schubsen oder zu werfen.

++ 11.05 Uhr: Die Angeklagte schildert unter Tränen die Minuten als sie zu ihrem Lebensgefährten in die Klinik kam und ihn wieder mit nach Hause nehmen wollte. Er sei starr gewesen, abwehrend. Als sie ihn umarmte, hat er nicht reagiert. Er sagte, sie solle ihn ziehen lassen, er gehöre in die Klinik. "Mit einem Mal ist meine ganze Vergangenheit aufgelebt. Nicht in Szenen, sondern als Gefühl. Ich hatte keine Kraft mehr, keinen Mut. Für mich hatte das Leben keinen Sinn mehr. Ich wollte, dass alles zu Ende ist. Das ganze Leid, das ganze Funktionieren, dieser tägliche Kampf ums Überleben, immer allein zu sein."

++ 10 Uhr: Sie erzählt jetzt von dem Morgen der Tat: Vor ihr liegt eine Trauerkarte mit Fotos ihrer Kinder. Sie ist ganz in schwarz gekleidet (Bluse, Hose). Bianca T. erzählt ruhig, scheinbar gefasst. Ihr ehemaliger Lebensgefährte Norman H. sollte sie an dem Tag der Tat eigentlich zu einem Arzttermin begleiten, er blieb aber im Bett liegen. Sie sagt, sie hätte Ahnung gehabt und ihn gefragt: "Wann hast du aufgehört mich zu lieben?" Von Norman H. kam keine Antwort. Als sie vom Arzt zurückkam mit den Babies, hatte ihr Lebensgefährte das Haus verlassen. Sie suchte ihn überall und dachte, er wäre vielleicht wieder zusammengebrochen wie schon mal im September.

++ 09.20 Uhr: Das Gericht hat gerade einen weiteren Gutachter beauftragt, da die Verletzungen der Babies wohl doch nicht vom Unfall stammen, so wie es in der Anklage steht.

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Auslöser der Tragödie sollen Überforderung und finanzielle Probleme gewesen sein. Der Lebenspartner der Angeklagten und Vater der Zwillinge hatte sich kurz vor der Tat zum zweiten Mal in psychiatrische Behandlung gegeben. Als er sich weigerte, die Klinik zu verlassen, soll die damals 38-Jährige den Entschluss gefasst haben, die Kinder und sich selbst zu töten.

Die Staatsanwaltschaft schließt nicht aus, dass die Mutter bei der Tat vermindert schuldfähig war. Möglich ist die Unterbringung der Frau in einer psychiatrischen Anstalt. Für den Prozess sind zunächst elf Verhandlungstage angesetzt. Das Urteil wird im Dezember erwartet.

 

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