Von wegen Wiesnfrieden Seehofers Sticheleien zum Anstich

Ein Herz und eine Seele: Horst Seehofer (l.) und Dieter Reiter beim Anstich. Foto: Peter Kneffel/dpa

Politikfreie Wiesn? Von wegen! Horst Seehofer nutzt den Anstich für allerlei Ansagen. Und Dieter Reiter, der Hausherr? "Alles entspannt!"

München - Er kommt diesmal, Gott sei Dank. 16 Minuten nachdem OB Dieter Reiter um Schlag 12 Uhr im Schottenhamel-Festzelt brav mit zwei Schlägen angezapft und dem Ministerpräsidenten die erste Wiesn-Maß ausgeschenkt hat, stapft Horst Seehofer, von seinen Bodyguards umringt, die Treppe hinauf zur Empore.

Erleichterung heroben in der Ratsboxe, wo die Stadträte traditionell beim Anstich mit den Parteigranden von CSU, SPD und Grünen schunkeln. Nach dem Ärger im letzten Jahr, als Seehofer sich direkt nach dem Anstich davongeschlichen, und der OB verzopft sein erstes Wiesn-Hendl hat ohne ihn verspeisen müssen - nun also wieder alles, wie sich's gehört: Prost.

Und wo er schon mal da ist, demonstriert der Ministerpräsident gleich mal genüsslich, wie verspannt sein Verhältnis zu den eigenen Leuten in der Münchner CSU ist: Noch immer nagt an ihm, dass viele hier seinen Intimfeind Markus Söder zum künftigen Wunsch-Ministerpräsidenten ausrufen wollen (wo Seehofer seinen Finanzminister doch erklärtermaßen weder mag noch für tauglich hält).


Verschnupft: Münchens CSU-Chef Ludwig Spaenle (rechts) lauscht Ministerpräsident Horst Seehofer (Mitte) und Ilse Aigner. Foto: iko

Noch am obersten Treppenabsatz, beantwortet Seehofer eine Frage nach dem Umgang mit der AfD mit einem klassischen: "Wir halten die Wiesn politikfrei. Und das ist gut so."

Politikfrei ist die Wiesn an diesem Mittag in der Ratsboxe natürlich ganz und gar nicht. Seehofer selbst spricht hier über mögliche Koalitionen, lobt ausgiebig den Münchner SPD-OB und ignoriert auch ansonsten mit aller Macht die Befindlichkeiten seiner Münchner CSU-Parteifreunde.

Über die Spekulationen um eine Rückkehr von Karl-Theodor zu Guttenberg sagt er vielsagend vage: "Gute Leute muss man holen. Ob er nun jetzt einsteigt oder in ein paar Jahren..."

Seehofer und Reiter: "Eigentlich immer" einer Meinung

Seehofer und Dieter Reiter - das ist inzwischen sowieso wie ein Herz und eine Seele. "Eigentlich immer" sei er einer Meinung mit Reiter, sagt Seehofer, während unten die Kapelle aufspielt. Man sei "auf einer Wellenlänge".

Wer so viel lobt, sagt damit natürlich auch was über die, die er nicht anspricht. In Seehofers Fall: die Münchner Parteifreunde ein paar Tische weiter.

Dort angekommen, schaut Seehofer an seinem Kultusminister und Münchner CSU-Chef Ludwig Spaenle demonstrativ vorbei, während er lang mit der Landtagsabgeordneten Mechthilde Wittmann ratscht (die die Münchner zugunsten anderer gern wegbeißen würden).

Grüne mit (Wiesn-)Herz: Margarete Bause (links) und Claudia Roth.
Grüne mit (Wiesn-)Herz: Margarete Bause (links) und Claudia Roth. Foto: iko

Geradezu liebevoll umarmt er die grüne Bundestags-Vizepräsidentin Claudia Roth, die heuer offiziell mit ihm am Tisch sitzen darf. Und herzt Ex-Wiesn-Chefin Gabriele Weishäupl (FDP).

Hoppla, übt er schon für eine mögliche Jamaika-Koalition in Berlin, nach der Bundestagswahl am kommenden Sonntag? Schwarz-Gelb-Grün - eine Option für ihn? Seehofer schnauft nur einmal zu der Frage. Und sagt dann: "Wenn's passt - warum nicht."

"Keine Zeit für langes Bussibussi, ich bin im Wahlkampf"

Und sonst so? Beste Laune an den Stadtrats-Tischen. Die Sozis feiern die "Super-Anzapfleistung" ihres OB und ihre wahlkämpfenden Bundestagsabgeordneten Claudia Tausend (München-Ost) und Florian Post (Nord), der mit Alt-OB Christian Ude da ist.

Nebenan, bei der CSU, strahlt Wolfgang Stefinger, der ebenfalls um Wählerstimmen kämpft ("Läuft!"). Erst nach 14 Uhr übrigens trifft Kollege Michael Kuffer ein ("Ich hab keine Zeit für langes Bussibussi, ich bin im Wahlkampf!").

Christian Ude (l.) mit Florian Post.
Christian Ude (l.) mit Florian Post. Foto: iko

Auch CSU-Bürgermeister Josef Schmid, aktuell im politischen Wiesn-Frieden mit dem SPD-OB, lobt Reiters Anzapfleistung: "Zwei Schläge, das war respektabel, eine sichere Leistung". Und verkneift sich artig den Hinweis, dass er selbst am Frühlingsfest das Fassl mit nur einem einzigen Schlag angezapft hat (die Technik, verriet er neulich, hat ihm einst Jannik Inselkammer, der verstorbene Augustiner-Bierkönig, beigebracht).

Und Dieter Reiter, der Hausherr? "Alles entspannt!", ruft er aus, als er oben in der Ratsboxe ankommt. Die Schmeicheleien des Ministerpräsidenten scheinen ihm fast ein bisserl peinlich. Immer einer Meinung? "Wenn es um München geht", betont der OB. In der Flüchtlingspolitk zum Beispiel sei das anders.

Ziemlich viel Politik also auf der angeblich politikfreien Wiesn. Reiter aber verrät noch, dass er sich trotz der vielen Wiesn-Termine narrisch aufs Fest gefreut hat. Und auch, zumindest einmal, privat mit der Familie in ein Festzelt will. Seine Frau Petra läuft mit ihrem neuen Dirndl strahlend durch die Reihen. Sehr nervös sei sie gewesen, erzählt sie. Und, dass es bei den Reiters Zitronenkuchen zum Frühstück gab. Na dann: Prost.

 

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