Von wegen langweilig Arnulfpark in der Maxvorstadt: Weder steril noch tot

Eine Luftaufnahme aus dem Jahr 2010 mit dem Zentralen Busbahnhof vorne an der Trasse, dahinter werden Bürogebäude hochgezogen, in denen heute zum Beispiel Google sitzt. Die grünen Flächen im Hintergrund sind der Arnulfpark. Foto: Archiv/Mike Schmalz

Der Arnulfpark in der Maxvorstadt gilt vielen als langweilig, dabei hat sich aus der Brachfläche ein vielfältiges Viertel entwickelt.

 

Maxvorstadt - Ein Schotterfeld, ein paar alte Hallen, eine Brache mitten in der Stadt – so wird die Fläche zwischen Arnulfstraße, Hacker- und Donnersbergerbrücke oft beschrieben, wenn es darum geht, was hier einmal war, bevor das Areal zu Beginn des Jahrtausends neu bebaut wurde.

Doch so richtig brach lag das Gelände eigentlich nie. Die älteren Münchner erinnern sich, dass hier einst ein Containerbahnhof war. Entdecken kann den heute noch, wer aufmerksam "Monaco Franze" schaut. In Folge Neun ist der Franze (Helmut Fischer) auf dem Areal unterwegs und will noch einmal an den Überseecontainer, in dem sein Sekretär verstaut ist – samt Notizbücherl mit den Namen all der Frauen, von denen er sich verabschieden muss, bevor es auf die Bermudas gehen soll.

Die Münchner über 35 erinnern sich an den großen Flohmarkt, auf dem man sich beim Stöbern so richtig die Hände schmutzig machen konnte. Auch das Wintertollwood hatte hier Ende der 90er Jahre seinen Standort. Nicht zu vergessen das Nachtleben: am einen Ende alternativ und bunt, das Backstage, am anderen etwas schicker und mehr Mainstream, die Nachtgalerie.

Das macht das Viertel für die Anwohner so besonders

Auch heute ist wieder viel Leben auf dem Areal. Seit 2006 wurden die Wohnungen für gut 2.000 Menschen, wie auch etwa 4.000 Arbeitsplätze nach und nach bezogen. Erst im vergangenen Jahr wurde mit dem Bürokomplex "Nove" das letzte Gebäude fertig. Bei vielen hat das Viertel dennoch den Ruf, steril oder tot zu sein.

"Das kommt von außen, von Leuten, die gar nicht hier wohnen", sagt Sabine Ullrich. Die Sozialpädagogin (52) leitet seit vielen Jahren den Nachbarschaftstreff des Vereins für Sozialarbeit im Viertel und ist ganz nah dran am Arnulfpark und seinen Menschen. "Die Kritik ist oft nicht gerechtfertigt." Stattdessen, so sagt sie, sei der Arnulfpark "ein Ausnahmeviertel". Etwa, weil er in sich geschlossen ist, durch die zwei Brücken, die Arnulfstraße und die Bahngleise. "Das ist etwas, was die Arnulfparkler sehr genießen", sagt Ullrich. Genauso wie die Lage: "Zentral, mitten in der Stadt." Obendrein sei der Park einfach "sehr schön. Die Bäume müssen eben noch wachsen."

Ullrich findet auch die Gemeinschaft eine besondere. Vielleicht, weil hier relativ wenig Menschen wohnen und sie so überschaubar bleibe. Das Zusammenleben funktioniere über Milieus und Nationalitäten hinweg, sagt Ullrich.

"Es ist eine sehr schöne, sehr junge Stimmung hier"

Es gibt ein Pflanzprojekt mit Hochbeeten. Wildblumenwiesen werden als Insektenparadies gehegt und gepflegt. Seit Kurzem hat sich aus der Bewohnerschaft heraus eine gut besuchte Krabbelgruppe zusammengefunden. "Wir haben eine tolle Grundschule, um die wurde sehr gekämpft." Obwohl geplant, war die Schule zunächst nicht gebaut worden. Dies sei nur ein Beispiel, wie sich die Bewohner erfolgreich für ihr Viertel einsetzten. Als Nächstes wolle man einen Kindergarten angehen. Denn obwohl es im Viertel drei Kitas und zwei Krippen gebe, seien Betreuungsplätze bei den Bewohnern ein "Riesen-Thema" – wie auch bei den Mitarbeitern der ansässigen Unternehmen. Einen Träger für die Einrichtung hätte Ullrich sogar schon, aber kein Gebäude.

Was noch besonders ist am Viertel: das Zusammenleben mit den Unternehmen und ihren Mitarbeitern. "Es ist eine sehr schöne, sehr junge Stimmung hier", sagt Ullrich. Der Arnulfpark gilt als Top-Gewerbestandort. Disney, Google, Pricewaterhouse Coopers (PwC) und viele andere haben sich hier angesiedelt.

Viele der Unternehmen legen Wert auf eine Vernetzung mit den Bewohnern. So veranstaltet etwa Google sogenannte "Social Working Days", bei denen Mitarbeiter zuletzt zum Beispiel eine Radlwerkstatt anboten. Einmal im Jahr gibt’s ein gemeinsames Sommerfest, inklusive Fußballturnier um den Wanderpokal "Arnulfcup". Heuer hat den das Team von EY (Ernst & Young) geholt, eines der zwei Anwohnerteams kam auf den zweiten Platz.

Bei allen gelungenen Projekten gibt es auch Wermutstropfen. Der Kampf um die 200 GBW-Wohnungen im Viertel, erzählt Ullrich, sei wenig erfolgreich gewesen. Diese wurden verkauft, die Mieten stiegen stark an und steigen noch. Obwohl die Wohnungen bis heute offiziell EOF-Wohnungen (einkommensorientierte Förderung) sind. "Die sind schweineteuer, die Mieterhöhungen sind dreist", ärgert sich Ullrich. "Das hat mit sozialem Wohnungsbau nicht mehr viel zu tun."

Arnulfpark: Die Anwohner sind wohlhabend, "aber ganz normale Leute"

Gemeinsam mit den Leidensgenossen aus den EOF-Wohnungen am Ackermannbogen und mit Unterstützung des Mietervereins habe man alles versucht, auch vor Gericht, aber ohne Erfolg. Für die Bewohner sei das eine riesige Belastung. "Ich kenne keinen, der da nicht noch zusätzlich einen Nebenjob hat, um das stemmen zu können", sagt sie. Selbst die jugendlichen Kinder dieser Familien würden nebenbei arbeiten, um mitzuhelfen.

Die frei finanzierten Wohnungen, der Großteil hier im Viertel, seien sowieso sehr hochpreisig, deren Bewohner entsprechend wohlhabend, "aber ganz normale Leute", findet Ullrich.

Trotz aller Begeisterung für ihr kleines Viertel haben die Arnulfparkler auch noch Wünsche: Neben dem dringend benötigten Kindergarten fehle eine Gastronomie, die auch abends etwas für die Anwohner anbietet. Die vorhandenen Lokale schließen spätestens um 17 Uhr, sagt Ullrich. Das kulinarische Angebot konzentriere sich auf das Mittagsgeschäft für die vielen Arbeitnehmer. Ihr sei aber bewusst, dass das schwierig sei. Die Ladenmieten seien "wahnsinnig hoch", zwei Pizzerien seien schon pleite gegangen.

Auch sie selbst hat Sorgen mit ihrem Nachbarschaftstreff. Seit zwölf Jahren ist der in einer Interimslösung untergebracht. Doch weit gravierender: Die dort angesiedelte Bildungsinsel, die zum Beispiel ein Patenschaftsprojekt für Grundschüler anbietet, braucht dringend Geld: "Sonst müssen wir sie schließen", sagt Ullrich. Zudem wollte die Stadt die Arbeitsstunden dafür streichen. "Dann kann ich das nicht mehr leisten", sagt Ullrich.

 

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