Von Pontresina nach Davos Der König der Alpen: Ein Münchner Extremsportler

Schönes Panorama, unendliche Schinderei: Am Gürtel baumeln Streckenkarten, auf dem Kopf trägt Allwang seine Glücksbringer–Mütze aus San Francisco. Foto: Robert Bösch

Extremläufer Andreas Allwang (36) aus Trudering siegt beim längsten und härtesten Einzel-Lauf der Alpen von Pontresina nach Davos. Er läuft sich viele Blasen – einen Muskelkater aber hat er nicht.

 

München - Andreas Allwang passiert ein kleines Schild mit einer 5 darauf. So viele Kilometer sind es noch ins Ziel. Allwang ist gerade auf dem Strelapass in 2346 Metern Höhe, seine Knöchel sind geschwollen, die Füße: eine einzige Blase.

Allwang ist bereits 196 Kilometer gelaufen. Vor einer halben Stunde schlief er fast beim Essen ein – und jetzt kommt auch noch der Horror des letzten Abstiegs.

Andreas Allwang kommt aus Trudering und ist Extremläufer. Der 36-Jährige ist spezialisiert auf alles, was deutlich länger und gemeiner ist als ein gewöhnlicher Marathon. Den Iron Trail in der Schweiz zum Beispiel: 201 Kilometer und 11000 Höhenmeter von Pontresina nach Davos – zu Fuß. Das ist der längste, härteste und höchstgelegene Ein-Etappen-Lauf der Alpen. Diese Schinderei hat Allwang mitgemacht. Und gewonnen. In einer Zeit von 38 Stunden, 14 Minuten und 57 Sekunden.

Seine Majestät Andreas Allwang ist nun „König der Alpen“. Auf dem letzten Pass vor dem Ziel ist er noch ungekrönt, aber in Führung liegend. „Da war mein mentales Tief“, erzählt der Sportler. Neben ihm fuhr die 120-Mann-Gondel des Arosa-Skigebiets ins Tal. „Du kannst dir nicht vorstellen, wie gern ich da eingestiegen wäre“, ächzt er. Denn nicht die Aufstiege sind Allwangs Problem. Es sind die Bergab-Passagen, die von ihm das Letzte verlangen.

Seit Filisur bei Kilometer 98 schmerzen Allwangs Knöchel. Bergauf geht es noch gut, doch Bergab ist eine Qual. Und der Zweite hängt ihm im Nacken. Extremläufe wie der Iron Trail sind eine Welt für sich. Die Teilnehmer reisen um die ganze Welt, um sich am Yukon, in der Sahara oder im Himalaya an die eigenen Grenzen zu schinden. Hunderte Kilometer laufen sie durch menschenfeindlichste Umgebungen. Auf die Frage „Warum machen Sie das?“ antworten die Sportler dann mit Wörtern wie „meditativ“ oder „entspannend“. Damit können Normalsterbliche nichts anfangen.

Andreas Allwang schon. Für ihn ist es vollkommen normal, 38 Stunden lang durchgängig zu laufen. Ohne Schlaf - „da hätte ich Zeit verloren“. Ohne die Socken zu wechseln - „die pinken Strümpfe sind mein Markenzeichen“. Und ohne Muskelkater - „och, ich war schnell wieder fit.“ Sport fängt für den Extremläufer sowieso erst bei einem Puls von 130 an. Der 73-Kilo Mann spielte bis vor fünf Jahren Baseball in der ersten Liga und suchte dann nach einer neuen sportlichen Herausforderung.

Seinen ersten Marathon in Wien lief Allwang in 3:50 Stunden, praktisch ohne Training. Derzeit liegt seine Marathon-Zeit bei 2:48 Stunden. Irgendwann begann er auch mit Bergläufen wie dem Swiss Iron Trail. Dass er den gewann, ist für Allwang immer noch schwer zu glauben — immerhin ist er Amateur. „Viele Favoriten waren nicht angetreten“, erzählt er. „Ich wollte einen Platz unter den ersten 10.“

Doch es kam anders: Lange Zeit lief er in einer Dreier-Gruppe. Als dann die Nacht anbricht und der längste Anstieg des Rennens auf den Pass Digls Orgels in 2700 Metern Höhe ansteht, lässt der erste Konkurrent abreißen. Allwang liegt auf Platz 4, 5 oder 6 — denkt er zumindest. Doch in der Verpflegungsstation in Savognin bei Kilometer 119 erfährt er: Lokalmatador Michael Büchi und Morgan Casey aus Glasgow sind ausgeschieden.

Allwang liegt in Führung – noch geteilt mit dem Österreicher Florian Grasel. Doch der ist beim nächsten Anstieg weg: Allwang hat das Feld abgehängt. 116 Herren und 14 Damen sind dabei. Doch nur 31, bzw. 5 erreichen das Ziel. Der Rest gibt auf im nasskalten Wetter der Graubünder Berge, Es sind schwierige Bedingungen an diesem zweiten August–Wochenende.

Das Schlimmste sei die Einsamkeit, sagt Allwang. „Man weiß nie genau, an welcher Stelle man liegt“, erinnert er sich. Deswegen hält er beim Iron Trail per Handy immer Kontakt nach München. Dort sehen seine Freunde die Positionen der anderen Läufer im Internet und schicken sie ihm per SMS durch.

Dummerweise starrt Allwang zu lange auf das Display. Er verirrt sich und läuft dann gut und gerne 800 Meter zu viel...

Es gebe diese Momente, erzählt Allwang, da vergisst man den Schmerz, die Qualen und die Kälte der Nacht. „Runners High“ nenne man das – ein Hochgefühl, ein Endorphin-Kick. Dann spürt man auch nicht mehr den 6-Kilo-Rucksack auf dem Rücken, mit der Pflicht-Ration, dem GPS-Rettungssender und den Regenklamotten. In einem solchen Hoch ist Allwang beim 5 Kilometer-Schild. Nach den 700 Höhenmetern bergab sieht er die Häuser von Davos. Hinter jeder Ecke könnte das Ziel sein.

Dann die ersten Menschen, sein Vater und ein Streckenposten der an die Rennleitung meldet „er kommt dann jetzt“. Endlich: Im Ziel. Andreas Allwang zieht seine 15 Jahre alte Baseball-Mütze aus San Francisco vom Kopf. Es ist 22.09 Uhr und längst dunkel. Allwang verneigt sich unter dem tosenden Applaus der Zuschauer. Und sagt leise: „Entschuldigung für die Verspätung.“

 

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