"Vermieter haben Dax im Herzen" AZ-Report: Was den Münchner Mietern Angst macht

Schmucke Häuserfassaden in München: Mieter befinden sich immer öfter im Unklaren oder fühlen sich bei Eigentümerwechseln von gierigen Investoren bedrängt. Foto: dpa

Münchner Mieter solidarisieren und vernetzten sich: Beim zweiten Mieterstammtisch kommen sie zu Wort. Ex-Schauspieler Wolfi Fischer, ein fairer Vermieter, appelliert: "Bleibt's stark."

München - Der alte Eigentümer stirbt, das Mietshaus geht an eine Erbengemeinschaft. Oder: Ein Investor kauft das Haus – Mieter befinden sich dann im Unklaren.

70 Münchner Mieter, die in großer Unsicherheit leben, haben sich beim zweiten Mieterstammtisch in der Polka Bar in Haidhausen getroffen: Über zehn gebeutelte Mieter stellen auf der Bühne ihre Situation vor. Das Ziel: gemeinsam stark werden, sich solidarisieren, sich vernetzen. "Wir können uns diese Stadt nicht mehr leisten" – unter diesem Motto steht ihre Mieter-Demonstration am Samstag, 15. September. Mit-Organisator Tilman Schaich (48): "Mit Leiterwagen und Koffern wollen wir den Auszug der Münchner aus ihrer Stadt symbolisieren."

Die Idee kommt an. Doch ein Teil der Anwesenden plädiert für schärfere Aktionen. "Mieter sollten nicht flüchten, sondern Investoren die Stirn bieten. Diese Immobilienfirmen und Holdings wollen anonym bleiben. Spekulanten haben Angst, dass man sie aus ihrer Anonymität holt. Lasst uns Mahnwachen vor ihren Büros abhalten", lautet ein Vorschlag, der viel Applaus bekommt.

"Es ist absolut schamlos. Die Geld-Leute haben kein Herz"

Der frühere Schauspieler Wolfi Fischer ("Irgendwie und Sowieso"), der als einer der fairsten Vermieter von München gilt, ist als "Held" geladen – da er in Neuhausen seinen Mietern lebenslanges Wohnrecht einräumt. Er sagt: "Ich bin richtig traurig, was mit euch passiert. Es ist absolut schamlos. Die Geld-Leute haben kein Herz. Die Vermieter, die nur den Dax im Herzen haben, die wachen von einer Demo nicht auf. Die kann man nur weichkriegen über die Politik."

Kämpferisch schlägt er eine Aktion von US-Filmregisseur Michael Moore vor: als Reporter mit Kamera und Mikro Vorstandsvorsitzende von Immobilienholdings zu überraschen – und zu stellen. "Die braven Leute müssen zusammenhalten", macht der Mann aus Neuhausen Mut: "Ich kann nur sagen, bleibt's stark. Was auch passiert, ich bin dabei."

Auch Politiker sind in der Polka Bar in Haidhausen: Natascha Kohnen, Spitzenkandidatin der SPD für die Bayerische Landtagswahl, merkt an: "Ich bin in München aufgewachsen. Meine Eltern wohnen hier schon lange nicht mehr, weil sie es sich nicht leisten können." Sie animiert, wie in Berlin zu Tausenden auf die Straße zu gehen. Kohnen verspricht, dass eine Reform der Modernisierungsumlage bis Ende des Jahres kommen werde.

In der AZ sprechen vier Mieter darüber, welche Sorgen sie haben, warum sie Gefahr laufen, ihr Heim zu verlieren. Und eine Frau macht auch Mut. Immerhin.


Neue Miete: 3.000 Euro!

Gabriele Schinabeck (55) ist Online-Redakteurin und hat drei erwachsene Kinder. Sie wohnt am Pariser Platz 2 in Haidhausen: "Das Haus, in dem ich seit 26 Jahren mit meiner Familie wohne gehört der Münchner Hausbank. Die Fenster wurden zuerst saniert, weitere Maßnahmen sollen folgen. Ich habe 93 Quadratmeter. Meine Miete soll durch die Modernisierungsumlage um über das Doppelte auf horrende knapp 3.000 Euro steigen, wurde mir angekündigt.

Ich bin im Mieterverein. Ich habe einen Anwalt und leiste Widerstand. Noch sind wir Mieter im Schwebezustand. Ich will mich vernetzen. Bei der Demo am 15. September nehme ich mit meiner Familie teil und engagiere mich für den Mieterschutz und ein lebenswertes München."


"Man muss sich wehren, plärren, demonstrieren"

Renate Cullmann (69) lebt in der Ehlerstraße 20 in Harlaching. Sie wohnt alleine in ihrer 60-Quadratmeter-Wohnung: "Ich spreche beim Mieterstammtisch, weil ich Mut machen will. Wenn man zusammenhält, kann man einiges erreichen.

Meine gute Erfahrung ist diese: Meine Wohnanlage mit über 200 Wohnungen aus den 50er-Jahren sollte abgerissen werden: Nicht barrieregerecht, nicht familiengerecht, so wurden unsere Wohnungen schlechtgeredet. Die Wohnungen haben früher der Heimag München gehört, an der die Stadt beteiligt war.

Wir Mieter haben erfolgreich gegen den Abriss gekämpft, weil wir gerne dort gelebt haben. 2014 hat der Stadtrat beschlossen, dass die Anlage stehenbleibt. Die Gewofag hat sie dann übernommen. Man muss sich wehren plärren, demonstrieren und die Politiker packen – nur so kommen wir weiter, glaube ich."


"Der neue Eigentümer hat dem Gewerbe gekündigt"

Jörg Wizigmann (49), Wirt der Polka Bar am Pariser Platz. Er wohnt sehr gerne in der Kirchenstraße 26 in Haidhausen: "Ich bin ich enttäuscht und fassungslos. Unser Haus wurde verkauft, aber der neue Eigentümer stellt sich nicht persönlich vor. Ich wohne seit sechs Jahren in meiner 90-Quadratmeter-Wohnung und will hier bleiben. Doch dem Gewerbe in meinem Haus ist jetzt schon gekündigt worden. Dabei ist die Goldschmiedin schon 25 Jahre hier.

Ich war als Betroffener schon beim ersten Mieterstammtisch. Den zweiten Mieterstammtisch habe ich in meine Bar geladen. Das Haus mit der Polka ist übrigens schon vier Mal verkauft worden! Mieter sollten sich als Macht verstehen, ähnlich wie eine Gewerkschaft. Wenn wir als ganzes Haus aus Protest einfach keine Miete mehr zahlen, wäre schnell die Bank auf der Matte. Die Politik muss die uferlose Modernisierungsumlage möglichst schnell überholen und an einen Zeitraum binden, damit sie entschärft ist."


Neuer Investor ist da: "Ich schlafe schlecht und habe die Panik"

Ernesto Lukschik (61) wohnt in der Hochstraße 71 in der Au: "Wir Mieter sind stutzig geworden und haben Angst: Die Bayerische Hausbau, die das frühere Paulaner-Gelände entwickelt, hat 9000 Quadratmeter an den Hamburger Investor und Dieter Becken und seine 'Becken Development' verkauft. Mein Haus und die Hochstraße 73 gehören leider auch dazu. Das ist schlimm. Ich fürchte mich vor Spekulation.

Wir haben Sorge, dass die Häuser zum Abriss freigegeben werden, denn auf diesem Filetstückchen hier sollen 200 Luxus-Wohnungen entstehen, steht klar in mehreren Immobilienfachzeitschriften. Wir Mieter wissen immer noch nichts Genaues. Ich wohne seit 1984 hier und habe zwei Katzen, die jede Nacht durch ihren heimischen Hinterhof spazieren. Ich schlafe schlecht und habe jetzt voll die Panik.

Wir kleinen Mieter sind abhängig wie Leibeigene. Ich kann mir nicht vorstellen von hier wegzuziehen.

Wenn uns gekündigt wird und wir auf der Straße sitzen, weil wir uns die neuen Münchner Mietpreise nicht leisten können, dann fällt das wohl unter Kollateralschaden für einen Multimillionär."

 

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