Uwe Tellkamp, der mit seinem Erfolgsroman "Der Turm" einst ein Bild des bürgerlichen Milieus in der DDR zeichnete, löst mit seinen Äußerungen über Flüchtlinge Diskussionen aus. Deutlich wird ein Dilemma um Positionen, Populismus und freie Rede.

Dresden - Die Leipziger Buchmesse beginnt erst am Donnerstag, aber schon jetzt ist klar, dass es dabei erneut um Rechte gehen wird. Und um den Umgang des Literaturbetriebes mit ihnen: mit rechten Verlagen, rechten Autoren und dem Recht auf freie Meinungsäußerung. Wie schwer dabei eine Grenzziehung fällt, zeigt die Kontroverse um den Schriftsteller Uwe Tellkamp. Im Diskurs mit dem Lyriker Durs Grünbein hatte Tellkamp seine Nähe zur AfD und der ausländerfeindlichen Pegida in Dresden offen zur Schau gestellt. Bei diesem Thema geht schon lange ein Riss quer durch die sächsische Gesellschaft und zuweilen auch die Staatsregierung.

Wohlgemerkt: Der Streit der Literaten im Dresdner Kulturpalast war so geplant und so gewollt und im Titel schwarz auf weiß zu lesen: "Streitbar! Wie frei sind wir mit unseren Meinungen?" - insofern eigentlich auch alles gut gelaufen. Mit der Veranstaltung Ende vergangener Woche präsentierte sich Dresden im Rahmen der Bewerbung um den Titel "Kulturhauptstadt Europas". Sowohl Tellkamp als auch Grünbein stammen aus Dresden.

Der Verlag distanziert sich per Tweet von seinem Autor

Die Empörung und die Empörung über diese Empörung setzte erst richtig ein, als der Suhrkamp-Verlag am Freitag auf die umstrittenen Äußerungen Tellkamps reagierte und sich von seinem Autor distanzierte. Der Erfolgsroman "Der Turm" (2008) war bei Suhrkamp erschienen. Bei der Debatte vor mehreren Hundert Zuschauern hatte der 49-jährige Tellkamp zu den Motiven von Flüchtlingen unter anderem gesagt: "Die meisten fliehen nicht vor Krieg und Verfolgung, sondern kommen her, um in die Sozialsysteme einzuwandern, über 95 Prozent."

Nach dem Suhrkamp-Tweet - zum Aufbau der Distanz reichten knapp 150 Zeichen - sah sich Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer genötigt, Tellkamp zur Seite zu springen. Der CDU-Politiker weiß um den schwierigen Umgang mit rechten Meinungen und der von Populisten so gern selbst inszenierten Opferrolle in der rechten Ecke: Wird Tellkamp, dessen politische Position spätestens seit Unterzeichnung der "Charta 2017" eigentlich deutlich sein sollte, auf einer Welle der Empörung dort hineingespült, schnappt die Falle zu.

Tellkamp sei ihm als kritische Stimme willkommen, sagt Kretschmer, der bei der Bundestagswahl im September sein Direktmandat an einen bis dato völlig unbekannten AfD-Mann verlor und der sich im kommenden Jahr einer Landtagswahl stellen muss. "Ärgerlich ist die schon wieder beginnende Stigmatisierung."

"Verallgemeinerungen geben denen Futter, die das gesellschaftliche Klima vergiften"

Der 42 Jahre alte Regierungschef wünscht sich eine Diskussion in der Sache und warnt: "Wenn ein Streitgespräch zur Verurteilung einer Person führt, darf man sich nicht wundern, wenn keine offene Debatte mehr geführt wird." Allerdings vergisst Kretschmer auch nicht zu betonen, dass er Tellkamps Meinung zu Flüchtlingen und Fluchtgründen zumindest in Teilen teilt.

Sachsen Kunstministerin Eva-Maria Stange sieht das mit dem sachlichen Diskurs im Fall "Tellkamp" anders. Zwar handele es sich um des Schriftstellers "Privatmeinung, die ich nicht teile", stellt die SPD-Politikerin klar. Aber: "Verallgemeinerungen dieser Art geben denen Futter, die mit ausländerfeindlichen Parolen das gesellschaftliche Klima vergiften."

In der "Charta 2017", die von einer Dresdner Buchhändlerin wegen des ihrer Meinung nach unfairen Umgangs mit rechten Verlagen bei der Frankfurter Buchmesse ins Leben gerufen wurde, ist die Rede von einer "Gesinnungsdiktatur", die nicht mehr weit entfernt sei. Tellkamp hatte sie unterzeichnet und den Vorwurf jetzt in Dresden wiederholt. Bei der Messe in Leipzig ist das Thema damit wieder gesetzt.