Vergewaltigte Joggerin im E-Garten Opfer beim Prozess: Drastische Erinnerungen, beeindruckender Auftritt

Der Angeklagte ist während der Verhandlung meistens regungslos. Birgit S. (47) geht noch heute dort joggen, wo man sie angegriffen hat. Foto: von Loeper, anf

Vor Gericht sagt die Frau aus, die Ende 2016 im Englischen Garten vergewaltigt worden ist. Ihre Erinnerungen beim Prozess in München sind drastisch, ihr Auftritt beeindruckend.

 

München - Es gibt einen Moment, am Dienstag bei diesem Prozess, der noch betroffener macht als all die Momente davor. Es sind überraschenderweise nicht die Momente, in denen Birgit S. (47) beschreibt, wie sie beim Joggen im Englischen Garten plötzlich von hinten gewürgt wurde. Diese sind schlimm genug.

Doch dann kommt die Situation, auf die es wohl immer hinausläuft, wenn ein vor Gericht Täter identifiziert werden muss: Der Vorsitzende Richter Michael Höhne bittet Birgit S. zum Angeklagten Murat A. (26, Name geändert) zu sehen. Ob sie den Mann wiedererkennen könne?

Der Vergewaltiger kommt von hinten und würgt sie, bis sie bewusstlos wird

"Ich habe nur die Augen gesehen", sagt Birgit S. Als sie angegriffen wurde, im Dezember 2016 nahe der St. Emmeramsmühle, sei es schon dunkel gewesen. Aber die Augen seien ähnlich, denn sie seien braun - es ist in diesem Moment, als der davor reglos dasitzende Angeklagte plötzlich breit zu grinsen beginnt. Und man als Prozessbeobachter fassungs- und ratlos im Gerichtssaal sitzt.

Der Angeklagte hatte zuvor keine Regung gezeigt, nur vor sich hingestarrt. So, als würden ihn die Aussagen von Birgit S., seinem mutmaßlichen Opfer, nicht sonderlich beeindrucken. Dabei tut Birgit S. genau das: Sie beeindruckt. Gut gehe es ihr, sagt sie gleich zu Beginn der Befragung durch den Vorsitzenden Richter Höhne. Hat sie die Geschehnisse aus dem Dezember 2016 verarbeitet? "Würde ich so sagen."

Sie sitzt aufrecht da, spricht klar, man merkt, sie versucht, präzise mit ihren Erinnerungen umzugehen. Am 18. Dezember 2016 sei sie nach der Arbeit joggen gegangen, sagte die Übersetzerin. Es war kurz nach sieben, als sie ihre übliche Runde auf einer Isarinsel in Oberföhring begann.

"Dann merkte ich ab dem Wehr irgendwann, dass noch jemand da war", berichtet sie im Zeugenstand. Sie habe sich umgedreht, einen Mann in dunkler Joggingkleidung gesehen. Er sei recht langsam näher gekommen. Sie laufe recht schnell, für zwölf Kilometer Strecke brauche sie nur eine gute Stunde. Sie habe ihn vorbeilaufen lassen wollen, doch er lief nicht vorbei.

Birgit S. dachte es sei ein Traum

"Ich habe gemerkt, dass ich nach hinten gerissen wurde." Er habe sie mit einem Arm von hinten gewürgt, dann wohl auch mit ihrem Stirnband, doch das wisse sie nicht so genau. Sie habe ihn beschimpft, getreten. Nach etwa einer Minute sei sie ohnmächtig geworden.

"Meine letzte Erinnerung ist, dass wir beide zu Boden gingen." Die Tat selbst habe sie nicht mitbekommen. Als sie aufwachte, dachte sie erst, sie sei daheim. In ihrem Bett. Dann merkte sie, dass sie im Gebüsch lag, "dass etwas passiert war" und dass alles "nicht nur ein Traum" war.

Ihre Hose war heruntergezogen. Ihr Hals fühlte sich komisch an, so als hätte sie sich schlimm verlegen. Ihre Lippe war durchgebissen. Erst habe sie noch weiterjoggen wollen - sich immer noch nicht ganz im Klaren darüber, was ihr gerade passiert war. Sie brach ihre Tour dann doch ab, ging in Richtung der Häuser, in die Wirtschaft St. Emmeramsmühle. Dort riefen die Angestellten die Polizei.

Birgit S. geht immer noch joggen

Die kam, untersuchte sie. Lange. Damit die Spuren gesichert werden konnten, habe sie sich nicht duschen können. Erst am nächsten Tag. "Ich kam mir tatsächlich wie ein Leichnam vor, der da seziert wird." Als Birgit S. davon erzählt, liegt tatsächlich ein Anflug von Wut in ihrer Stimme.

Sonst bleibt die 47-Jährige ruhig, sachlich. Ihre Lippe sei manchmal noch etwas taub, erzählt sie, sonst habe sie keine körperlichen Schäden davongetragen. Ob sie immer noch joggen gehe, fragt sie der Vorsitzende Richter gegen Ende ihrer Aussage. "Ja", antwortet Birgit S. - "Immer noch dort?" - "Ja", antwortet sie auch auf diese Frage. "Ich bin ja frei, ich kann ja joggen." Dann schiebt sie hinterher: "Ich bin jetzt vorsichtiger." Sie schaue mehr darauf, was vor oder hinter ihr passiere.

In diesem Moment schaut der Angeklagte Murat A. wieder nur starr nach vorn. Sein Grinsen ist verschwunden. Der Prozess wird am Mittwoch fortgesetzt.

Lesen Sie hier: Vergewaltigung im Englischen Garten - Angeklagter schweigt

 

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