USA Von dicken Brocken und kleinen Würstchen

Orlando - Die Nerven der jungen Frau sind so gespannt wie das Drahtseil, an dem sie gleich in die Tiefe rauschen wird. Ein letzter, aufmunternder Klaps auf die Schulter, ein unsicherer Schritt, ein lang gezogener Schrei. Nicht umsonst heißt das Ding „Screamin’ Zipline“ (scream - schreien). Denn der Flug am Karabinerhaken führt nicht über einen Spielplatz, sondern durch „Gatorland“: Heimat zahlloser Alligatoren und Krokodile, die nichts gegen einen Imbiss einzuwenden hätten und nur darauf warten, dass einer der johlenden Touristen abstürzt. „Bisher vergebens“, versichert Tim Williams und schmunzelt in seinen schneeweißen Schnauzbart. „Und falls doch mal was passiert, haben wir Schrotflinten. Nicht, um auf die Tiere zu schießen, sondern um Sie von ihren Qualen zu erlösen.“

 

Furcht gehört zum Geschäft - selbst in einem Park, in dem der Respekt für die Natur und ihre Geschöpfe ganz oben auf der Liste steht, wie Tim betont. „Wie könnte ich auch anders: Man muss die Biester einfach lieben!“ Seit mehr als 30 Jahren arbeitet Tim mit Alligatoren und Krokodilen. Er ist die Seele des kleinen Freizeitparks südlich von Orlando. Selbst Late-Night-Legende David Letterman hat er das Alligatoren-Wrestling schon beigebracht. Eröffnet wurde „Gatorland - die Hauptstadt der Alligatoren“ bereits 1949. „Im Jahr 22 vor Disney“ wie Tim stolz erzählt. „Wissen Sie, bei den Muslimen beginnt die Zeitrechnung mit der Flucht Mohammeds aus Medina, im Abendland wird die Zeit in vor und nach Christi eingeteilt, und in Florida eben in vor und nach Disney.“

In Orlando gibt es mehr als 100 Vergnügungsparks

Anfang der 70er Jahre ließ der Erfinder von Donald Duck und Micky Maus in Orlando einen riesigen Freizeitpark bauen. Viele folgten, inzwischen sind es mehr als 100. Wer alle Vergnügungsparks in und um Orlando besuchen würde, müsste 67 Tage dafür einplanen - bei einer durchschnittlichen Amüsierzeit von acht Stunden täglich. Das Angebot ist kaum zu überblicken: Mit den Delfinen schwimmen und durch eine Pinguin-Kolonie watscheln in Seaworld, Achterbahnfahren, Wasserrutschen, Pinocchio und das Feuerwerk über Cinderellas Schloss bei Disney, Harry Potter, Spiderman und Shrek bei den Universal Studios. Selbst für gläubige Christen ist gesorgt. Holy Bible Experience heißt der Park, in dem der Heiland zum Abendmahl lädt und sich keiner grämen muss, wenn er die Kreuzigung verpasst, weil er sich im Tempel Salomos verirrt hat. Es gibt vier Kreuzigungen pro Tag.

Das Gebiet um Orlando ist eine große Amüsiermeile, gelegentlich unterbrochen von wilder Natur und Golfplätzen. Und mittendrin „Gatorland“. Ein Park, der nicht vom Strom, sondern vom Herzschlag der Tiere lebt. Schon der Eingang wirkt wie aus der Zeit gefallen - ein riesiges Maul, durch das die Besucher schreiten müssen. Vorbei an dem Zuchtgehege, in dem sich die halbstarken Alligatoren in der Sonne stapeln, geht es zur Wrestling-Arena, wo Tims Kollegen mit den Bestien ringen und aus schüchternen Touristen wagemutige Dompteure machen. Herzstück des Parks aber ist das riesige Freigehege, in dem die urzeitlichen Echsen wie verkohlte Baumstämme durch das Wasser treiben. Manch eine mit einem Reiher auf dem Rücken, der die Mitfahrgelegenheit zum nächsten Fisch dankbar annimmt. Als Tim ein paar Schnalzer in Richtung Wasser abgibt, kommt Bewegung in ein mehr als vier Meter langes Prachtexemplar.

„Im Ernst Mann, das Vieh wird euch fressen!“

„Das ist Big Mack“ erzählt Tim. „Zehn Monate war er Star der Wrestling-Show. Dann wurde er wegen zu großen Erfolgs in den Ruhestand geschickt.“ Auch Tim hat in seiner Karriere als Wrestler ein paar Kratzer abbekommen. „Mein Fehler“, sagt er und zuckt mit den Schultern. „Die Tiere machen letztlich nur das, was sie schon seit Millionen Jahren machen. Sie versuchen zu überleben.“ Da kommt schon der nächste Brocken, angelockt von den kleinen Würstchen, die Tim zuvor an die Besucher verteilt hat. Serious (zu deutsch: ernst), ein vier Meter langer Alligator, der einst im Süden Floridas auf einem Golfplatz rumlungerte und das Putten bei Loch 14 etwas erschwerte. „Wir haben ihn Ernst getauft, weil die Typen, die ihn gebracht haben, immer wieder gesagt haben: „Im Ernst Mann, das Vieh wird euch fressen!“, erzählt er lachend. Doch die Tierwelt in Gatorland besteht nicht nur aus den gefräßigen Urzeitechsen.

Auch Flamingos, die orange in der Sonne leuchten, Schlangen und Spinnen sind hier zu Hause. Selbst zwei Panther beherbergt der Park inzwischen. „Mind your Wiener“, ruft Tim, als einer der Touristen seine Wurst auf die Brüstung legt, um Serious zu fotografieren: „Passen Sie auf ihr Würstchen auf.“ Doch da ist es schon zu spät. Ein Ibis hat die herrenlose Wurst bemerkt, rauscht heran und schnappt sie sich. Ein paar Meter weiter bleibt Tim stehen und betrachtet ein besonders gut gesichertes Gehege. „Die könnten locker über den Zaun springen“, erklärt er und zeigt auf ein paar kubanische Krokodile, die träge in der Sonne liegen. „Das sind ganz gemeine Burschen.“ Leichte Unruhe in der Gruppe. „Sie wissen es zum Glück aber nicht.“ Falls so ein Tier hinter einem her sei, habe man sowieso nur eine Chance, erklärt er: „Lassen Sie ihren Vordermann stolpern!“ Wie flink die Tiere sein können, zeigt sich bei der Fütterung.

Aus allen Richtungen rauschen die Alligatoren heran, als der erste Fleischbrocken über dem Becken hängt. Ein Sprung, das Tier steht kurz senkrecht in der Luft - und von dem Brocken bleiben nur Fetzen übrig. Damit man auch weiß, was einen beißt, wenn man eines Tages tatsächlich auf eine Panzerechse mit spitzen Zähnen und langem Schwanz stößt, erklärt Tim noch den Unterschied zwischen Krokodilen und Alligatoren. Den erkenne man an den Zähnen: „Die einen haben 74, die anderen 82. Wobei, wenn Sie alle Zähne zählen können, sind Sie vielleicht zu nah dran.“ Falls es soweit kommt, halten Sie sich an Tim. Aber laufen Sie nicht vor ihm, sondern neben ihm, Nur so als Tipp.

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