USA Grand Canyon: Fest im Sattel

Las Vegas - „Für eure Maultiere ist das nichts Besonderes, die machen das jeden Tag“, beruhigt Tour Guide Chris die Besucher am Grand Canyon, die lange im Voraus einen „Overnight Ride“ gebucht haben.

 

Für Ungeübte hat es der Ritt dennoch in sich. Der Start bei der Bright Angel Lodge im Nationalpark erscheint noch harmlos. Es geht durch ein Wäldchen von Ponderosa- und von Piñon-Kiefern. Kurz danach genügt der karge Untergrund nur noch Wacholderbüschen. Schließlich ziehen die geduldigen Tiere mit ihren Reitern in Serpentinen den Steilhang hinab, einer hinter dem anderen, an Überholen ist auf dem schmalen Pfad nicht zu denken. Einige Wanderer mit Rucksack und Wasserflasche drücken sich in eine Ausweichstelle. Der Blick geht nach vorn und nicht nur Seite, wo der Abhang geradewegs in die Tiefe fällt. Unterschiedlich geformte, farbige Felsen ziehen vorbei, und die Vegetation wird karger. Am Himmel ziehen zwei Truthahngeier einsam ihre Kreise. Seit etwa sechs Millionen Jahren fräst sich der Colorado durch die Gesteinsschichten und legt lange vergangene Kapitel der Erd­geschichte frei, die mehr als 570 Millionen Jahre zurückreichen. Der dunkle Vishnu-Schiefer nahe dem Canyongrund ist sogar knapp zwei Milliarden Jahre alt. Demgegenüber erscheint der Canyon selbst geradezu jugendlich.

Der Bright Angel Trail windet sich fast 1500 Höhenmeter

Der Fluss, Regen, Sonne und Kälte haben eine einzigartige, gewaltige Landschaft von Domen, Plateaus, Schluchten und Seitencanyons, Felszinnen und Steilwänden geschaffen, die im wechselnden Licht des Tages in allen Farbnuancen zwischen Rot, Graublau und Weiß schimmern und leuchten. Die Schlucht und ein knapp 5000 Quadratkilometer großes Terrain beiderseits des Colorado-Flusses wurde bereits 1919 zum Grand Canyon National Park erklärt. Der in rund 2500 Meter Höhe gelegene und im Winter verschneite North Rim ist nur zwischen Mitte Mai und November zugänglich. Von oben sind winzige, auf dem Wasser treibende Punkte zu erkennen. Schlauchboote gleiten mit abenteuerlustigen Urlaubern den Colorado hinab. Meist gibt sich der kühle Fluss ruhig, doch an den zahlreichen Stromschnellen tanzen die soliden Gummiflöße durch die teils meterhohen Wellen und durchnässen die Passagiere in Sekundenschnelle bis auf die Haut. Die Urlauber bewegen sich auf den historischen Spuren von John Wesley Powell, einem Veteranen des amerikanischen Bürgerkrieges, der in den Kämpfen seinen rechten Arm eingebüßt hatte. Im Juli 1869 hatte der Mitbegründer der National Geographic Society als erster Weißer mit seinen Begleitern die furchterregenden Stromschnellen des Colorado in einem Ruderboot bezwungen und die tiefe Schlucht erkundet.

Der Bright Angel Trail windet sich fast 1500 Höhenmeter und mit einer Länge von über 16 Kilometern bis zum Grund der Schlucht. Wer sich mindestens ein halbes Jahr vorher angemeldet hat, kann sich auf einem schlichten Campingplatz, in einer Wanderhütte oder einem Mehrbettzimmer der Phantom Ranch nicht weit vom grün schimmernden Colorado von den Anstrengungen erholen, bevor es am nächsten Tag den schweißtreibenden South Kaibab Trail wieder hinaufgeht. Für die Reitergruppe brutzeln bereits die Steaks auf dem Grill. Nicht weit von hier landen tagsüber gelegentlich Hubschrauber von Veranstaltern, die mit Besuchern aus Las Vegas oder vom Grand Canyon Village die Schönheiten der Schlucht erkunden.

Nach dem Frühstück am nächsten Morgen geht es zurück. Schon beim Weg hinunter in die Schlucht brannte die Sonne unbarmherzig vom Himmel. Und für den etwa gleich langen Aufstieg muss noch eine Stunde mehr eingeplant werden. Vier Liter Flüssigkeit, eine Kopfbedeckung und gute Sonnencreme sollte jeder dabeihaben, um nicht plötzlich Probleme mit dem Kreislauf zu bekommen. Doch die Maultiere erweisen sich auch bei der kräftezehrenden Kletterpartie als wahre Profis, geduldig, stark, erfahren. Am frühen Nachmittag hat uns der South Rim wieder - glücklich und um eine fantastische Erfahrung reicher.

 

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