US Open: Djokovic triumphiert "Außerirdisch! Der Galaktische!"

Die Tennis-Saison 2011 gehört ihm: Nach seinem Triumph in Wimbledon gewinnt Djokovic in einem vierstündigen Match nun auch die US Open gegen Nadal

 

New York - Nach vier Stunden und zehn Minuten behielt er ein letztes Mal die Kontrolle. Rückwärts ließ sich Novak Djokovic, zum neuen Tennis-König von New York gekürt, auf den Centre-Court-Boden fallen. Wie ein Artist sank er nieder, rollte formvollendet ab und blickte für ein paar Sekunden in den nachtschwarzen Himmel über dem Arthur Ashe-Stadion. „Es war ein Moment, den ich am liebsten für alle Ewigkeit festgehalten hätte”, sagte der neue US- Open-Champion, der in einem erbitterten Zweikampf den Titelverteidiger Rafael Nadal 6:2, 6:4, 6:7 (3:7) und 6:1 niedergerungen hatte.

„Irreal” nannte Djokovic den vielleicht größten Erfolg dieser Paradesaison, in der er die Trophäen an sich reißt. Mit dem dritten Sieg beim vierten Major-Turnier 2011 konnte Djokovic nicht eindrucksvoller seine Dominanz illustrieren, eine Überlegenheit, die nie erwartete Dimensionen angenommen hat. „Was er da hinlegt, ist einfach verrückt”, befand Nadal, der auch schon das Wimbledon-Endspiel gegen den Serben verloren hatte. Gegen den Mann, der vom Faxenmacher inzwischen zur definierenden Figur des Tennis aufgestiegen ist.

Das Endspiel, erst im Sonnenlicht, später unter den Flutlichtstrahlern in der Ashe-Arena ausgetragen, brachte Djokovics Klasse noch einmal auf den Punkt: In beiden Auftaktsätzen lag der 24-Jährige mit 0:2 zurück, kämpfte sich aber völlig unbeeindruckt zurück ins Match. Im ersten Akt gingen nach dem Fehlstart sogar alle weiteren sechs Spiele an den Champion, der wie im Rausch die Bälle vom Schläger wegzauberte. Seine Zähigkeit war gleichwohl am meisten gefragt gegen Nadal, der sich verbissen bis zum letzten Punkt wehrte. Nach dem dritten, im Tiebreak verlorenen Satz wurde Djokovic sechs Minuten wegen Rückenproblemen behandelt, um danach bärenstark auf den Platz zurückzukehren. Sie kämpften beide um jeden Punkt wie um ihr Leben, aber allermeistens hatte Djokovic das bessere Ende für sich. „Außerirdisches Tennis” nannte es Ex-Flegel John McEnroe und titelte gleich die Schlagzeile: „Djoker, der Galaktische!”

Der Djoker hat sein Leben verändert

Grandioser hätte diese Ausnahmesaison auch gar nicht enden können für Djokovic, der im Halbfinale Roger Federer und dann auch noch Nadal besiegte – also jene beiden Spieler, die ihm jahrelang den Zugriff auf die exklusivsten Weltranglistenpositionen und die schönsten Titel verwehrt hatten. Ein extremer Härtetest wie hier in New York gegen die beiden einstigen Alphamännchen der Branche war allerdings keineswegs eine rare Erscheinung in den Monaten voller Glanz und Gloria, sondern die Regel – und wo der „Supermann” (Los Angeles Times) früher scheiterte gegen die Mächtigsten seiner Branche, besiegte er sie nun.

Vor einem Jahr war er noch mit einem einzigen Sieg gegen einen Top-Ten-Spieler in den „Big Apple” gereist, hatte aber drei Niederlagen gegen Kollegen aus dem Eliteklub kassiert. Und 2011? Djokovic hatte schon eine Bilanz von 19:2-Triumphen gegen die Top Ten zusammenaddiert, ehe er sich auf der Zielgeraden der Offenen Amerikanischen Meisterschaften sein Arbeitszeugnis gegen die Allerbesten auf 21:2 verbesserte.

Kann ein Spieler sich so grundstürzend verändern wie Djokovic, der in der Szene früher als ewig Kranker, Weichei und Spaßvogel galt? Wenn man ihn heute sieht, mit den flinksten Beinen aller Spieler im Wanderzirkus, mit einer eisenharten Psyche, ist die Antwort ein Ja mit drei Ausrufezeichen. „In den letzten Monaten habe ich alles verändert in meinem Leben, nur meine Freundin, die ist zum Glück noch da”, scherzte Djokovic.

„Du siehst seine Bilanz und denkst: Ist der Kerl verrückt? Ist das wahr?”, sagt Boris Becker. Nicht weniger als die beste Spielzeit eines Profispielers in der modernen Ära des Tennis legte der auch in der Münchner Akademie von Niki Pilic ausgebildete Djokovic 2011 hin. Die Saison im Wanderzirkus lässt sich, zugespitzt, in zwei Worte fassen: Novak Djokovic. „Es ist eigentlich unnormal, was ich da spiele”, sagt er, „aber es ist wunderschön.” 

 

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