Unbekannte Turnier-Geschichten WM 1974: Die rote Premiere und der drohende Diktator

Links: Zaires Nationalmannschaft um Mulamba Ndaie (l.), hier im WM-Spiel gegen Schottland, fürchtete während des Turnier um ihr Leben. Rechts: Chiles Carlos Caszely (m.) fliegt als erster Spieler bei einer WM vom Platz. Foto: dpa/AZ

Die WM 1974, bei der Deutschland im eigenen Land den Titel holt, birgt auch eher unbekannte Geschichten. Zum Beispiel die von Chiles Caszely und die des zornigen Machthabers aus Zaire.

 

München - Also: 16 Teams, 38 Spiele in neun Stadien, 97 Tore, 87 Gelbe Karten, fünf Platzverweise, 1.774.022 Zuschauer: Das war sie, die Fußball-WM 1974 in Zahlen. Langweilig, was? Von wegen!

Die erste Fußball-WM in Deutschland bot jede Menge grandioser Geschichten, vom "Geist von Malente", von Helmut Schön, dem "Mann mit der Mütze", vom einzigen Länderspiel gegen die DDR, von der legendären "Wasserschlacht von Frankfurt" beim 1:0 gegen Polen und vom sogenannten Spielerfrauen-Skandal beim Siegerbankett in München.

Carlos Caszely: Erste Rote Karte bei einer WM

Es gab Helden-Geschichten vom "Bomber der Nation" Gerd Müller, der selbst im Liegen traf (gegen Jugoslawien) und natürlich das letzte, alles entscheidende Tor schoss. Loser-Geschichten über Johan Cruyff, den wohl besten Spieler des Turniers, der zwar das Finale dominierte und dennoch als Unvollendeter nach Hause fahren musste. Und dann sind da noch diese Geschichten, die kein so großes Publikum hatten.

Zum Beispiel die von Carlos Caszely. Dem Chilenen wurde die zweifelhafte Ehre zuteil, als erster Fußballer die Rote Karte bei einer Weltmeisterschaft zu sehen. Bei der WM 1970 kam diese noch nicht zum Einsatz. Kein einziger Spieler flog damals vom Platz. Im Vorrundenspiel gegen Deutschland 1974 wurde Caszely in der 67. Minute nach einem Revanchefoul an Berti Vogts vom Platz gestellt – auch so kann man in die Fußballgeschichte eingehen.

Wütender Staatschef von Zaire

Mwepu Ilunga gelang das auf ganz andere Weise. 0:2 lag sein Team, die Mannschaft von Zaire, gegen Brasilien zurück. Zehn Minuten vor Schluss standen Rivelino und Jairzinho zum Freistoß bereit. Doch bevor sie antraten, rannte Mwepu Ilunga aus der Mauer und kloppte den Ball weg – ein verzweifelter Versuch, Zeit zu schinden.

Denn Zaires Spieler hatten Angst um ihr Leben, falls sie zu hoch gegen Brasilien verlieren würden. Staatschef Mobutu war zunächst entzückt gewesen, als Zaire sich als erstes afrikanisches Team südlich der Sahara für eine WM qualifiziert hatte. Er lud die Spieler in seine Luxus-Villa ein, ließ sie wie Könige behandeln, schenkte jedem ein Haus und einen grünen VW.

Doch nach dem desaströsen 0:9 gegen Jugoslawien wurde der Diktator furchtbar wütend ob der Demütigung und schickte seine Leibwächter los, um dem Team zu drohen: Wenn sie mit vier oder mehr Toren gegen Brasilien verlieren würden, dürften sie nicht mehr nach Hause. Brasilien gewann 3:0, Zaires Mannschaft durfte heim, jedoch als Ausgestoßene. Mobutu steckte sein Geld nun in den "Rumble in the Jungle" zwischen Muhammad Ali und George Foreman. Das Land war nie wieder bei einer WM dabei.

WM 1974: Nicht das Turnier von Günther Netzer

Doch auch im deutschen Lager gab es ein paar veritable Dramen. Erwin Kremers zum Beispiel war bei der EM 1972 einer der überragenden Spieler gewesen, doch kurz vor der WM flog der wendige Linksaußen aus dem Kader. Warum? Am letzten Bundesliga-Spieltag hatte er den Schiedsrichter nach strittigen Entscheidungen und zig Fouls seiner Gegenspieler dreimal hintereinander "blöde Sau" genannt.

Kremers wurde nur für zwei Bundesligaspiele gesperrt, von Bundestrainer Helmut Schön aber nicht nominiert. So wurde Zwillingsbruder Helmut ohne ihn Weltmeister.

Auch für Günther Netzer geriet die Heim-WM zum Fiasko. Er war einer der großen Stars des Fußballs der 70er-Jahre, bildete bei der EM 1972 mit Franz Beckenbauer und Gerd Müller das magische Dreieck der Mannschaft, war unangetasteter Denker und Lenker des deutschen Mittelfeldes.

Nach dem Wechsel von Gladbach zu Real Madrid im Sommer 1973 wurde seine Leistung jedoch immer schlechter. Die spanische Liga hatte damals nicht die Leistungsstärke der Bundesliga. Netzer wurde behäbig, setzte Speck an und zeigte wenig Ehrgeiz.

Erst nach vernichtenden Kritiken speckte er ab und ackerte im Trainingslager in Malente an den Fitnessgeräten, konnte den konditionellen Rückstand aber nicht mehr aufholen. Zudem kam sein ewiger Konkurrent um die Nummer 10, der Kölner Wolfgang Overath, immer besser in Form. Bundestrainer Schön gönnte Netzer nur einen 21-minütigen Kurzauftritt in der Vorrunde, ausgerechnet bei der Niederlage gegen die DDR. Netzer kam als Star zur WM und ging als Randfigur. Seine WM-Titel in Zahlen: 1.

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