Umfrage-GAU Sendlinger Straße: Anwohner-Wut auf die Stadt

Angela Grüger mit einem Brief vom Baureferat. Sie ärgert sich, dass er zu spät zugestellt wurde. Foto: Daniel von Loeper,Petra Schramek

Die Befragung zur autofreien Sendlinger Straße kommt erst nach Ablauf der Antwort-Frist bei vielen Münchnern an.

 

München - Für Sie als Opernsängerin bedeutet eine Sendlinger Straße ohne Autos den Himmel: "Ich spüre die reinere Luft und kann tief atmen, wenn ich aus dem Haus gehe", sagt die Sopranistin Angela Grüger. Den Anwohnern des Hackenviertels hatte Stadtbaurätin Elisabeth Merk am 19. Dezember 2016 einen Brief geschrieben – anbei die Umfrage „Anwohnerbefragung Sendlinger Straße“ zur Fußgängerzone auf Probe: "Wie kommen sie aktuell zu ihrer Wohnung? Hat die Fußgängerzone Ihre Situation verbessert oder verschlechtert?", will darin die Stadt von den Bürgern wissen.

Genau diese Fragen hätte die 61-jährige Opernsängerin, die seit 30 Jahren in der Kreuzstraße wohnt, liebend gerne beantwortet. Doch die Umfrage landete erst am Dienstag, dem 17. Januar, im Briefkasten der Grügers in der Kreuzstraße – da war die Antwort-Frist für die Umfrage schon seit dem 10. Januar vorbei – seit genau einer Woche.

"Das kann die Stadt nicht mit uns machen"

"Das ist nicht korrekt! Die Umfrage kam viel zu spät. Das kann die Stadt nicht mit uns machen", beschwert sich Angela Grüger bei der AZ. Sie fordert: "Ich will, dass unsere Meinung in die Umfrage einfließt." Auch ihr Mann, Niklas Grüger, ein bekannter Hornist und pensionierter Musikprofessor will seine Meinung – pro Fußgängerzone – unbedingt kundtun.

Verärgert stiefelt Angela Grüger diese Woche persönlich in das Referat für Stadtplanung in der Blumenstraße 28: "Wer ist schuld an dieser Panne? Hat das Rathaus seine Korrespondenz nicht im Griff?“, möchte sie wissen: "Vielen Nachbarn ging es so wie mir. Auch unserem Friseur.“

"Das war kein böser Wille. Postbedingt gab es eine Ausfallrate von 10 Prozent Briefen, die nicht angekommen sind. Mitarbeiter haben sie dann per Hand eingeworfen. Die Antwort-Frist ist jetzt bis zum 1. verlängert“, entschuldigt sich Martin Klamt, persönlicher Mitarbeiter der Stadtbaurätin.

Stadtteilpolitiker Wolfgang Püschel (66) von der SPD im BA Altstadt-Lehel erreichten auch schon Beschwerden: „Die Sache ist peinlich für die Verkehrsabteilung im Planungsreferat. Sie haben die Verteilung der Umfrage an eine Firma gegeben. Wo der Zusteller aber nicht gleich ins Haus kam, hat er die Briefe nicht eingeworfen. Nur in Briefkästen vor der Tür. Es ist idiotisch, wenn eine Bürgerumfrage dadurch so vergammelt. Wir haben das natürlich schon kritisiert.“

Umfragen, Menschen-Zählungen, Beobachtungen – die Stadt betreibe einen überdurchschnittlichen Aufwand, um die Standpunkte zur Sendlinger Straße als Fußgängerzone herauszufiltern, sagt Martin Klamt. "Wo Fragebögen fehlen, werden sie selbstverständlich umgehend direkt verteilt.“ (hier geht's zum E-Mail-Kontakt)

Zwischenbilanz steht Ende Februar an

Gut zu wissen: Am 23. Februar wird im Stadtmuseum eine Zwischenbilanz zum ersten Halbjahr Fußgängerzone gezogen. Auf dieser öffentlichen Veranstaltung werden auch Fragebögen ausliegen, die in die End-Evaluation mit einfließen.

Angela Grüger und ihr Mann sind jedenfalls froh, der Stadt ihre Meinung nun doch noch schicken zu können – in der Hoffnung, dass die Sendlinger Straße für immer autofrei bleibt: „Ohne Falschparker und den ganzen Stress ist die Sendlinger Straße meine schöne Spazierstraße.“


Ladenbesitzer: „Wir fühlen uns alleine gelassen“

Auch die Gewerbetreibenden an der Sendlinger Straße sind aufgerufen ihre Erfahrungen mit der Fußgängerzone der Stadt per Fragebogen mitzuteilen. Schon vor der offiziellen Umwidmung der Straße wurde das Projekt bei den Ladenbesitzern heftig diskutiert und auch jetzt, ein halbes Jahr später, scheinen sich die Wogen nicht geglättet zu haben.

Die einen freuen sich über mehr Laufkundschaft und eine Aufwertung der Lage, die anderen fürchten Mieterhöhungen und die Übernahme ihrer Straße durch große Filialisten.

Wir haben Ladenbesitzer an der Sendlinger Straße zu ihrem Fazit nach sechs Monaten Verkehrsversuch befragt. Klar wurde dabei vor allem: Eine einhellige Meinung zur Fußgängerzone gibt es nach wie vor nicht.

Martina Rödig, Inhaberin Modern Eves-Schmuck


Quelle: Schramek

"Grundsätzlich bin ich für die Fußgängerzone, aber das Provisorium ist eine Frechheit. Für eine Fußgängerzone braucht es Atmosphäre, Blumen, Straßencafés, irgendetwas, um die Leute zum Verweilen zu bewegen. Derzeit ist die Sendlinger Straße Durchgangsstraße und wir Ladenbesitzer werden damit alleine gelassen."

Bernt Morawetz, Inhaber Arcadia - Mode


Quelle: Schramek

"Mein persönliches Fazit fällt sehr positiv aus. Den Verkehr habe ich immer als Barriere empfunden, jetzt nutzen die Leute endlich den ganzen Raum und wechseln auch öfter die Straßenseiten. Insgesamt habe ich einfach das Gefühl, jetzt ist mehr Leben in der Straße. Wie sich das Ganze auf unser Geschäft auswirkt, kann man jetzt noch nicht sagen, dazu ist es einfach noch zu früh. Bisher haben wir aber den Eindruck, es ist eigentlich wie immer. Trotzdem würde ich es befürworten, wenn es bei der Fußgängerzone bliebe."

Alexandra Horn, Inhaberin Franz Augustin-Juwelier


Foto: Schramek

"Wie haben schon vor der Umsetzung des Versuchs Unterschriften dagegen gesammelt und sind immer noch mehr als skeptisch. Auf lange Sicht werden wegen der Fußgängerzone die Ladenmieten steigen. Dann verschwinden die kleinen Geschäfte und übrig bleiben Ketten. Auch bei der Gestaltung der Straße wurde sich zu wenig Mühe gegeben."

 

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