Ulrike Mascher AZ-Interview: So geht es Münchens Rentnern

Um auf ihre Situation aufmerksam zu machen, gehen Senioren immer häufiger auf die Straße. Ulrike Mascher spricht im AZ-Interview über die aktuelle Lager der (Münchner) Rentner. Foto: dpa/AZ

Kein Geld für Schmerzmittel, Trambahnkarten und Geschenke für die Enkel: Über 13 000 Münchner Rentner müssen „aufstocken“, bis zu 6000 weitere verstecken ihre Armut. Wie sieht ihr Leben aus?

 

München - Die Zahlen sind neu – und brisant: Schon eine Million Deutsche müssen laut dem Statistischen Bundesamt ihr Einkommen mit Grundsicherung „aufstocken“, weil ihr Geld nicht zum Überleben reicht. Die Hälfte davon, 512 000 Männer und Frauen, sind über 65 Jahre alt. Und die Zahl der alten Armen steigt weiter. Was bedeutet das für die Münchner Rentner? Die AZ sprach mit Ulrike Mascher, Chefin des Sozialverbands VdK.

AZ: Frau Mascher, die Sozialverbände sind alarmiert, weil die Zahl der verarmten Senioren massiv steigt. Dabei ist die Lage in München schon jetzt nicht rosig, oder?

ULRIKE MASCHER: Absolut richtig. Die Not vieler alter Menschen in München macht mich sehr traurig. Allein an der Isar müssen über 13 000 Senioren aufstocken. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher sein. Ich schätze, es gibt weitere 6000 Senioren, die ihre Ansprüche gar nicht anmelden, sondern still und leise ihre Armut erdulden.

Warum melden sie sich nicht?

Viele fürchten, dass die Kinder belangt werden, wenn sie Grundsicherung beantragen. Das stimmt doch aber so gar nicht mehr – außer, die Kinder verdienen mehr als 100 000 Euro im Jahr. Das glauben oder wissen sie aber nicht. Und ganz viele schämen sich einfach. Die sagen uns dann: Ich habe doch mein Leben lang ordentlich gelebt. Ich kann doch jetzt kein Sozialfall werden. Noch so ein Problem ist, dass sie bis auf einen kleinen Freibetrag ihr Konto leer räumen müssen, um Grundsicherung zu bekommen. Das Geld haben sie aber gespart, um den Enkeln mal was zu Weihnachten zu schenken. Und vor allem, um ihre eigene Beerdigung bezahlen zu können, damit die Kinder nicht belastet werden.

Wer ist besonders betroffen?

Frühere Geringverdiener, Selbstständige, vor allem natürlich Frauen, die wegen ihrer Kinder länger nicht oder nur in Teilzeit gearbeitet haben.

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Ein klassisches Beispiel?

Nehmen wir ein Ehepaar, er war vielleicht Installateur oder Koch und hatte 1100 Euro Rente plus eine kleine Betriebsrente von 100 Euro. Sie hat zwei Kinder geboren, war mit zeitlichen Lücken Teilzeitverkäuferin und bekommt 400 Euro Rente. Macht 1600 Euro.

Was, wenn der Mann stirbt?

Dann fällt seine Rente weg – und plötzlich bleiben ihr mit der Witwenrente von 600 Euro nur noch insgesamt 1000 Euro im Monat. Wenn die Miete 700 oder 800 Euro warm gekostet hat ... ... dann reicht ihr Geld für nichts mehr. Und eine kleinere Wohnung für weniger Miete zu finden, ist in München ja auch fast utopisch.

Wie überlebt so eine Frau?

Sie spart zu allererst am Essen und im Winter an der Heizung. Ich kenne etliche Seniorinnen, die leben von Tütensuppe oder essen wochenlang nur noch Kartoffeln. Oder sie reihen sich doch bei der Münchner Tafel ein, um kostenlos frische Sachen zu bekommen, und hoffen, dass niemand sie erkennt. 18 000 Münchner stehen da regelmäßig an. Der Großteil sind alleinerziehende Mütter und Rentner.

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Medikamente sind auch ein Problem, oder?

Viele Senioren kaufen keinen Hustensaft mehr, keine Wundsalbe, keine Schmerztabletten. Und da sind wir schon bei der nächsten Schwierigkeit.

Die Mobilität?

Geht man noch gern vor die Tür, wenn man krank ist oder Schmerzen hat? Wenn man sich die Trambahnkarte nicht mehr leisten kann, um irgendwo hinzukommen, zum Beispiel zum Augenarzt oder zum Orthopäden? Oder den Kaffee mit Freundinnen nicht bezahlen kann. Kaffeetrinken, Schwimmbad, Kino, Ausflüge, Urlaub, Mitbringsel für Kinder, Enkel, Freunde, das geht alles nicht mehr. Das heißt in der Konsequenz, die alten Leute ziehen sich immer mehr zurück, verlieren ihre sozialen Kontakte und vereinsamen.

Ist das mit ein Grund dafür, dass immer mehr Senioren Mini-Jobs annehmen?

Putzen, Zeitung austragen oder Regale auffüllen macht man nicht wegen sozialer Kontakte oder weil es Spaß-Jobs sind. Ein beachtlicher Teil der Senioren macht das aus purer Not.

Welche Perspektive sehen Sie für die Münchner Rentner von morgen?

Die Zahl der armen Alten wird sicher zunehmen. Alle Untersuchungen sagen, dass die Menschen immer öfter zeitweise ohne Job sein werden – oder selbstständig arbeiten, ohne fürs Alter gut vorsorgen zu können. Dazu sinkt das Rentenniveau.

Was muss passieren?

Die Mütterrente darf nicht mehr von der Grundsicherung abgezogen werden! Immerhin 56 Euro im Monat pro Kind, das macht für eine Seniorin, die jeden Cent umdreht, viel aus. Auch Senioren-Minijobbern sollte man ihr Zusatzgeld nicht abziehen. Und Frauen dürfen sich einfach nicht darauf verlassen, dass das Alterseinkommen des Ehemanns reicht.

Ulrike Mascher, die Präsidentin des Sozialverbands VdK (75), setzt sich seit Jahren für Senioren ein.

 

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