Udo Horsmann schreinert für die Bayern Holz für Helden

„Ich wollte nie Trainer oder Manager werden“: Ex-Fußballprofi Udo Horsmann ölt in der Schreinerei eines der Bayern-Boards ein. Foto: Carsten Arnold

Mit dem FC Bayern gewann Udo Horsmann einst den Weltpokal. Nun arbeitet er als Schreiner – und fertigt Aufsteller für die Vereinschronik. Dabei wollte er
mit dem Fußball eigentlich nichts mehr zu tun haben.

Karlskron - Wer Udo Horsmann besuchen will, muss nach Karlskron fahren. Durch das Dorf bei Ingolstadt führt eine einzige Straße, kilometerlang, schnurgerade, bis man eine Schreinerei erreicht. Für Udo Horsmann war es eine kurvige Strecke hierher, mit Umwegen, vielen Abzweigungen.

Früher ackerte er meist die linke Flanke in den Stadien auf und ab, als Profi des FC Bayern. Von 1975 bis 1983 machte er 242 Spiele für den Verein, gewann den Pokal, Meisterschaft, Europapokal, Weltpokal. Mit Maier, Beckenbauer, Müller, Hoeneß. Mehr geht nicht. „Dann hat es mir gereicht mit dem Fußball”, sagt Horsmann. „Ich wollte nie Trainer oder Manager werden.” Jetzt steht Udo Horsmann in der Schreinerei Koch in Karlskron. Der Fußball hat ihn wieder eingeholt.

In T-Shirt und Cordhose kniet der 59-Jährige auf dem Boden der staubigen Werkstatt und ölt Holzplatten ein. Er baut Bords für die Bayern-Chronik, diese monströse, 30 Kilogramm schwere und 3000 Euro teure Vereinsbibel in limitierter Auflage. Eine Seite des Buches ist ihm gewidmet, wie jedem Spieler, der über 200 Partien für den FC Bayern absolviert hat. „Ich habe die vergangenen Jahrzehnte nicht so hart gearbeitet wie jetzt”, sagt Horsmann. Seit September verbringt er jeden Tag in der Schreinerei, die Mittagspausen lässt er aus. „Am Anfang tat mein Körper weh, wie nach einem Spiel im Europapokal.” Er hätte es ja einfacher haben können.

Dettmar Cramer holte ihn 1975 zum FC Bayern. Horsmann war 23 Jahre damals, kickte für seinen Heimatverein Beckum in der Verbandsliga. Zuvor hatte er eine Lehre in der Schreinerei seines Vaters absolviert. „Das lag nahe, es war aber mehr Pflicht als Spaß.” Anschließend studierte er vier Semester Innenarchitektur. Dann kam der Fußball dazwischen und die Sache mit dem Holz ließ Udo Horsmann erstmal bleiben. Mit einem vollbepackten Käfer donnerte er Richtung Süden. Schnell wurde er Stammspieler, hinten links, setzte sich acht Jahre lang gegen die Konkurrenten durch. „Ich begriff sehr schnell, worauf es im Profifußball ankommt. Meine Leistungen waren konstant, ohne Ausreißer nach unten oder oben.”

Das Abziehbild eines typischen Fußballprofis war Udo Horsmann aber nicht. Während die Kollegen im Mannschaftsbus Schafkopf spielten, las er: Hesse, Seneca. „Ich hatte eben andere Interessen und war schon immer etwas kritischer”, sagt er. Udo Horsmann hinterfragte viel, Probleme mit seinen Kollegen hatte er aber nie. „Es war schon eine tolle Zeit beim FC Bayern”, sagt er.

Schwierig wurde es für ihn erst später, nach einem Jahr bei Stade Rennes, einem missglückten Putschversuch gegen den Trainer beim 1. FC Nürnberg und einer Weile bei 1860. „Es ist nicht so einfach, nach einer Karriere als Profi den Übergang in den Alltag zu schaffen”, sagt Horsmann. „Ich war ratlos.” Erst versuchte er sich, ganz ex-fußballermäßig, als Repräsentant eines Sportartikelherstellers. Dann arbeitete er bei Mercedes im Vertrieb, Verkaufsbezirk Starnberg. Es gibt schlechtere Kombinationen. Horsmann verdiente gut, aber es war nicht seine Welt. „Das hat mich nicht erfüllt. Der Druck, etwas verkaufen zu müssen.” Er kündigte, vor zwölf Jahren war das. „Ich habe mich von der Last befreit.”

Udo Horsmann schrieb sich als Seniorenstudent ein, hörte Vorlesungen über Theologie oder Philosophie, las viel. Er lernte Schach und Saxofon spielen und seine Frau kennen, wurde Vater. ,Was machen Sie denn jetzt so’, fragten ihn Menschen, die Horsmann aus seiner Fußballerzeit kannten. Das hat er gehasst. „Mach mal was”, sagte seine Frau irgendwann. Also machte Udo Horsmann das, was er vor dem Fußball gelernt hatte. Und mietete sich eine kleine Werkstatt. „Es ging, ich hatte nichts verlernt.”

Er baut Bänke, Hocker, Regale. Schlicht, kantig, schnörkellos. Verlässlich und solide, wie Horsmann einst als Fußballer. Den Werbespruch „Der Weltpokalsieger unter den Möbelbauern” ließ er sich auf Visitenkarten drucken und meldete sich als Kleinunternehmer an. Jedem Möbelstück drückt er mit einem Stempel seine Unterschrift auf. „Das große Geld habe ich damit aber nicht verdient, es ist ein Hobby”, sagt Horsmann. Vom Verkauf der Möbel könnte er wohl nicht leben. 260 Euro kostet ein einfacher Hocker. Lieferzeit: drei Wochen. Ein Luxus für den Käufer, eine Liebhaberei für Horsmann. Bis er eben den Auftrag für das Bayern-Bord bekam.

Monatelang tüftelte er an dem Prototypen, bis er endlich zufrieden war. 945 Euro kostet die günstigste Ausführung mit Eichenfurnier, die Varianten in Mahagoni und Nussbaum sind teurer. „Wertarbeit”, sagt Horsmann. Etwa 200 Stück will er bis Ende des Jahres gefertigt haben, das Holz fräsen, runden, beizen, ölen und alles montieren. „Ich kümmere mich auch um Logistik und Versand”, sagt Horsmann. Er doziert über Messingscharniere, nebenan kreischen die Sägen, Horsmann lächelt. In einigen Monaten wird er das letzte Board ausliefern. Was dann? Udo Horsmann hat keine Pläne. Er wird es wohl wie immer machen – und bei der nächsten Abzweigung einfach abbiegen. 

 

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