TV-Kritik zur EM Wenn Fußball zum Liebesspiel wird

Mario Balotelli (L) und Leonardo Bonucci (R) Foto: dpa

Thilo Komma-Pöllath hat sich das Viertelfinalspiel der Italiener am Gardasee angesehen – und sich diesmal für einen italienischen TV-Sender entschieden.

 

Es mag nicht besonders anständig sein, ständig über das heimische TV-Personal Katrinmüllerschollkahn zu schimpfen, ohne den Blick über den Tellerrand zu wagen. Ich fuhr also nach Italien, ohne Deutschland zu verlassen: an den Gardasee. Die „Villa Giulia“ am Westufer wurde mir als distinguierter Ort der gehobenen Fußball-Rezeption empfohlen. „Das Wohnzimmer der Münchner“, die lieber RAI gucken als ARD und ZDF. Vor zwei Jahren, während der WM in Südafrika, hatte ich mich in das italienische Privatfernsehen verliebt, weil bei „Sky Italia“ die Spiele von schönen Frauen mit langen Beinen präsentiert wurden. Man konnte sich ein schlechtes Spiel schönschauen.

Und diesmal? Rai Uno zeigte das Vorrundenspiel der Italiener gegen Irland und dazu im Studio eine Altherrenriege schlecht frisierter Halbglatzen in viel zu großen Sakkos. Die commentatori: Bruno Gentili und Peppe Dossena, der, quasi als running gag, permanent als „George Clooney“ vorgestellt wurde, obwohl er bestenfalls aussieht wie eine angetrunkene Mixtur aus Alberto Tomba und Gerhard Mayer-Vorfelder. Ihre Reportersprache aber ist von ausgesuchter Schönheit. Als Balotelli die Italiener ins Viertelfinale drosch, dichtete Gentili: „Romanticismo puro!“ Pure Romantik! Kann sich irgendjemand vorstellen, dass Poschmann den Fußball als „Liebesspiel“ versteht? „Bellissima“ bellten sie beide im Chor, als der irische Spieler Andrews vom Platz gestellt wurde. „Rosso, Rosso!“, befahl Dossena dem Schiedsrichter. Selbst das brutalste Foulspiel fühlt sich bei der Rai wie allerbester Chianti an – ganz stark im Abgang.
 

 

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