TSV 1860 München und der Absturz Die Woche des Wahnsinns: Chronologie einer Zerfleischung

Der Trainer weg, das Präsidium ausgetauscht, die Mannschaft unklar: Es war eine turbulente Woche bei den Löwen. Foto: dpa/imago/augenklick, AZ-Montage

Am 2. Juni um 15:30 Uhr endet die Profifußball-Ära beim TSV 1860 München. Weil das Geld für eine Lizenzerteilung nicht eingeht, stürzt der Verein in die Regionalliga ab. Die Folgen sind gewaltig: Eine Chronologie der letzten Woche.

Es war der D-Day bei den Löwen, der "Deadline Day". Genau vor einer Woche, am zweiten Juni 2017 um 15:30 Uhr, lief die Frist ab, bis zu der die (damals) Verantwortlichen des TSV 1860 München beim DFB die Unterlagen für eine Drittliga-Lizenz einreichen mussten.

Das Ergebnis dieses Tages hat wahrscheinlich auch noch das letzte Schaaf auf Langeroog mitbekommen - die altehrwürdigen Löwen stürzen nach Jahrzehnten im Profifußball in den Amateurbereich ab, Hasan Ismaik verweigert die Zahlung der nötigen Millionen. Seit diesem Tag ist beim TSV 1860 nichts mehr wie vorher, der Trainer ist weg, der Präsident ist weg, die Mannschaft im Grunde auch. Die AZ rekapituliert in einer Chronologie, was an und seit jenem Freitag passiert ist.

Freitag, 02. Juni: Zwischen Hoffen und Bangen

9 Uhr: Vor dem Löwen-Stüberl von Wirtin Christl Esthermann versammeln sich die ersten Journalisten und Fans. An der Geschäftsstelle herrscht reges Treiben, keiner möchte etwas verpassen. Auch Ian Ayre, der eigentlich schon vor dem Relegationsrückspiel zurückgetreten war, kommt nochmal in sein Büro. Reden möchte allerdings niemand.

11 Uhr: Die beiden Vizes Hans Sitzberger und Heinz Schmidt sind an der Grünwalder Straße eingetroffen - vorerst aber nur zur Übergabe mit dem zurückgetretenen Präsidenten Peter Cassalette. Sie teilen mit, dass nur eines klar ist: Der Machtkampf zieht sich in die Länge.

Aus den Verhandlungen dringt hervor, dass die Fronten verhärtet sind. In den Tagen nach dem sportlichen Abstieg waren Forderungen Ismaiks bekannt geworden, die der e.V. erfüllen sollte. Nur dann wollte Ismaik das Geld überweisen. Hasan Ismaik bestätige die Forderungen, Sitzberger und Schmidt teilten mit, dass ein Teil der Forderungen gegen Vereins- und DFL-Statuen verstießen - und deswegen nicht zu erfüllen seien.

Kurz vor 12 Uhr: Sport 1 meldet, dass Ismaik das Geld überweisen will. Von Vereinsseite will das niemand kommentieren, auch nicht Verwaltungsratschef Dr. Markus Drees, der nun ebenfalls vor Ort ist. Passend zur Stimmung geht ein Wolkenbruch über Giesing nieder.

Bis 15 Uhr kommen immer mehr Fans an die Grünwalder Straße. Drinnen wird getagt und niemand weiß, was gleich verkündet wird. Derweil machen Gerüchte die Runde, dass Dr. Markus Drees, im Wirrwarr der vergangenen Tage bedroht worden sei. Zur Drohgebärde der Gegenseite gehörten demnach Maßnahmen, wie Drees nachts in die Geschäftsstelle zu zitieren.

15:30 Uhr: Die Deadline ist vorbei. Und vom Verein ist niemand zu sehen, keine Info, niemand weiß etwas. Dafür fährt Polizei vor. Fans skandieren "Scheiß auf den Scheich, scheiß auf das Geld,...wir wollen nach Giesing zurück!" Es wird hektischer an der Grünwalder Straße.

15:40 Uhr: Per Pressemitteilung von Ismaiks Fußballfirma kommt dann endlich die Entscheidung: Es gibt keine Lizenz für die 3. Liga! Hasan Ismaik hat das Geld nicht überwiesen. Damit ist klar: Der TSV 1860 München stürzt in den Amateursport ab. Ismaik kündigt aber an, auch weiterhin als Investor an Bord zu bleiben.

Nach quälend langen Minuten geht endlich die Tür auf und die beiden Vizepräsidenten Sitzberger und Schmidt kommen heraus. Schmidt erklärt: "Normalerweise ist es so, dass der DFB es als erster vermeldet. So war es auch vereinbart. Sie wissen, dass Geld ist nicht gekommen. Weitere Unterlagen sind rechtzeitig beim DFB eingereicht worden. Wir haben keine Lizenz für die 3. Liga. Wir können aus rechtlicher Sicht nicht sagen, wie es weitergeht. Wir können aber sagen, dass wir bis zur letzten Sekunde versucht haben, Lösungen mitzutragen, sofern es rechtlich möglich ist. Es war in der Kürze der Zeit nicht mehr möglich, das alles bis 15:30 Uhr zu bewerkstelligen. Für uns alleine war es nicht möglich, die elf Millionen Euro zu stemmen." Während er diese Eklärung vortrug, wurde Schmidt von aufgebrachten Löwen-Fans unterbrochen. Sie sangen und skandierten laut: "Scheiß auf den Scheich, scheiß auf sein Geld."

16 bis 18 Uhr: An der Grünwalder Straße herrscht eine seltsame Stimmung. Niemand weiß, wie es weiter geht. Einige Fans sind froh, weil sie hoffen, nun Ismaik los zu werden. Andere wirken regelrecht geschockt. Das noch vorhandene Präsidium kündigt an, auf einer Pressekonferenz um 18 Uhr weitere Details mitzuteilen. Dann soll auch bekannt gegeben werden, in welcher Liga die Löwen nächste Saison antreten werden. Tabula rasa an der Grünwalder Straße. Am späten Nachmittag meldet sich Hasan Ismaik auf Facebook zu Wort. Er sei traurig, dass er diese Entscheidung treffen musste, aber die Vereinsvertreter hätten ihm keine andere Wahl gelassen. Es ist der Anfang einer beispiellosen Schlammschlacht.

18:30 Uhr: Mit etwas Verspätung ob des großen Andrangs startet beim BFV die Pressekonferenz, an der auch Rainer Koch, Vizepräsident des DFB teilnimmt. Auf der PK wird klar: Die Verhandlungn dauerten bis 15:29 Uhr, die Fronten waren allerdings verhärtet. Schmidt sagt aber, dass man Ende bereit war, die Forderungen Ismaiks so gut es eben ging zu erfüllen. Letzten Endes hätte man aber vergeblich auf einen Vertrag gewartet. Und: Die Verhandler in der Geschäftsstelle erfuhren erst über die Eilmeldungen der Medien, dass Ismaik das Scheitern der Verhandlungen verkündet hatte.

BFV-Boss Koch stellt derweil klar: Die Löwen können in der Regionalliga antreten - in der auch die 50+1-Regel gilt. Dies sei in einem Umlaufverfahren am Tag zuvor beschlossen worden. Bisher galt die Regel im Amateurbereich nicht.
Bei den Antworten auf die Fragen der Journalisten wird klar: Man kommunizierte in der Vergangenheit nur über Anwälte. Die e.V.-Vertreter lassen zudem schon anklingen, dass sie sich eine Zukunft mit Ismaik nicht vorstellen können. Einen Geschäftsführer Anthony Power haben sie außerdem mit Hilfe von 50+1 abgelehnt.

Mit diesen Aussagen geht der TSV 1860 München in die Nacht. Es sind mehr Fragen offen als beantwortet.

Samstag, 03. Juni 2017: Die Reaktionen lassen nicht lange auf sich warten

Der Tag danach ist vor allem von Reaktionen aller Seiten bestimmt. Sowohl Ex-Löwen, als auch ehemalige Funktionsträger äußern sich und zeigen größtenteils Unverständnis gegenüber Ismaik. Doch es gibt auch erste Stimmen, die sich kritisch gegenüber der Mannschaft und den Vereinsvertretern zeigen.

Am Vormittag kommt dann Hasan Ismaik mit der nächsten Ankündigung um die Ecke: Er will gegen die "50+1"-Regel klagen. Vor allem, dass diese im BFV einen Tag zuvor eingeführt worden ist, macht ihn wütend. Er bestätigt dadurch indirekt die Kritiker, die behaupten, er wolle die endgültige Macht im Verein übernehmen.

Am Nachmittag teilt der TSV 1860 mit, dass ein neuer Präsident gefunden ist. Rober Reisinger übernimmt das Amt interimistisch. Reisinger war bisher stellvertretender Verwaltungsratsvorsitzender - und von 2009 bis 2013 Leiter der Fußballabteilung.

Auch sportlich gibt es erste Entwicklungen: Alle Profis sind nach dem Gang in die Viertklassigkeit ablösefrei. Kai Bülow ist schon weg (KSC), Stefan Aigner und Felix Uduokhai werden mit dem FC Augsburg in Verbindung gebracht. Auch ein heißes Thema: Die Stadionfrage. Uli Hoeneß stichelt in einem Interview und sagt, dass die Löwen über die Spielstätte erst verhandeln können, wenn überhaupt klar ist, wer die Geschäfte führt. Die Stadt signalisiert derweil, sich eine Rückkehr ins Grünwalder Stadion vorstellen zu können.

Am Abend meldet sich dann Vereinslegende Peter Grosser. Er stellt sich auf die Seite Ismaiks und sagt: "Der Verein ist das Problem".

Sonntag, 04. Juni 2017: Die Schlammschlacht beginnt

Inzwischen scheinen sich alle Parteien wieder so weit gesammelt zu haben, dass nun mit gegenseitigen Schuldzuweisungen begonnen werden kann. Am Sonntag meldet sich erstmals Ex-Präsident Peter Cassalette zu Wort. Er war es ja, der immer versuchte, Ismaiks Forderungen umzusetzten. Cassalette erhebt schwere Vorwürfe gegen den Verwaltungsrat. Eine Rettung der Löwen sei von dessen Vorsitzenden Markus Drees überhaubt nicht beabsichtigt gewesen: "Auch am Tag nach dem Abstieg war kein Verantwortlicher des Verwaltungsrates in der Geschäftsstelle. Das zeigt mir, wie groß das Interesse von diesem Herrn war, den TSV 1860 noch zu retten und eine vernünftige Lösung zu finden", so Cassalette.

Zahlreiche Ex-Spieler melden sich zu Wort, darunter auch Guillermo Vallori. Er beklagt mangelnde Identifikation mit dem Verein. Zuvor hatte auch schon Stümer Sascha Mölders auf Facebook eine lange Schimpf-Tirade losgelassen. Derweil zeigt sich der Hautsponsor der Löwen, der Versicherungskonzern "Die Bayerische", solidarisch mit dem Klub und sichert seine finanzielle Unterstützung auch in Liga vier oder fünf zu - wenn auch mit deutlich weniger Budget.

Montag, 05. Juni 2017: Himmlischer Beistand und immer noch Allianz Arena

In die erste neue Woche starten die Löwen noch führungslos. Zumindest kurzzeitig. Am Morgen geht noch ein Brief von Münchens bekanntestem katholischen Geistlichen, Pfarrer Rainer Maria Schießler, an den Verein. In diesem vergleicht der Pastor die Situation bei den Löwen mit einer "babylonischen Gefangenschaft".

Vize Sitzberger erklärt derweil nach einer Präsidiumssitzung, dass die Verträge mit dem FC Bayern in der Allianz Arena auch bis in die C-Klasse gelten! Das ist an Kuriosität kaum zu überbieten. Man stelle sich vor: TSV 1860 München gegen Pippinsried in der 75.000 Zuschauer fassenden Arena.

Dienstag, 06. Juni 2017: Offiziell neuer Geschäftsführer ohne Ismaiks Gnaden

Bereits am Montagabend war durchgesickert, dass die Löwen einen neuen Geschäftsführer haben. Zumindest die Vereinsseite, die ihn mittels "50+1" ins Amt hobSein Name: Markus Fauser, Geschäftsführer des Unternehmens Anchor Rechtsanwälte – und Fachmann für Insolvenz und Sanierung. Am Nachmittag stellt er sich zusammen mit Übergangs-Präsident Reisinger der Presse vor. Zur Trainerfrage äußert sich niemand konkret, der Name Daniel Bierofka fällt aber immer wieder. Er dürfte mit seiner A-Lizenz in der Regionalliga die Mannschaft trainieren.

Und neben vielen Abgängen, die den Löwen drohen, gibt es wohl doch noch Spieler, die zum TSV wollen. Timo Gebhart, der bei den Löwen ausgebildet wurde, steht wohl vor einem Wechsel auf Giesings Höhen.

Am Abend dann reagiert Hasan Ismaik auf die Ernennung Fausers zum Geschäftsführer. Dessen einzige Expertise "ist die Insolvenz". Der Jordanier wettert außerdem gegen Robert von Bennigsen und Dr. Markus Drees. Deren Verhalten sei "unbegreiflich", gar ein "Versagen".

Mittwoch, 07. Juni 2017: Bierofka weiter Favorit, Ismaik wütet weiter

Mitte der Woche kristallisiert sich heraus, dass Daniel Bierofka wohl wirklich "Chef"-Trainer wird. Er braucht keine Einarbeitung, kennt den Verein - und ist vor allem bei den Fans beliebt. Zwei Spieler der ersten Mannschaft stehen derweil  vor dem Absprung. Florian Neuhaus hat wohl einen Vertrag vom FC Augsburg vorliegen, Daylon Classen steht vor einer Rückkehr in die Heimat Südafrika. Neuhaus würde damit Erste Bundesliga anstatt Regionalliga spielen.

Hasan Ismaik meldet sich via kicker zu Wort und erhebt weiter schwere Vorwüfe gegen den e.V. "Wäre die Vereinsseite nur ansatzweise kooperativ gewesen, gewisse Dinge in die richtige Richtung zu lenken, hätte ich das Geld sofort überwiesen", sagte der Jordanier dem Blatt. "Es ist nicht immer der böse, böse Ismaik". Er bestätigt, eine Klage gegen die "50+1"-Regel vorzubereiten.

Unterdessen rechtfertigt der ehemalige TSV-Präsident Peter Cassalette, der gleich nach dem Abstieg von seinem Amt zurückgetreten war, noch einmal sein gutes Verhältnis zu dem umstrittenen Investor. "Der einzige Grund, warum ich von Anfang an den Schulterschluss mit ihm gesucht habe, war: Alle meine Vorgänger sind mit dem Gegenteil gescheitert. Sie haben sich gegen Ismaik gestellt, das hat nicht funktioniert. Ismaik hat in dieser Zeit nicht ausreichend investiert. In meiner Amtszeit hat er dagegen sehr viel investiert", so Cassalette. Freilich, gebracht hat es nichts.

Donnerstag, 08. Juni 2017: Ismaik vs. Verein - Der Löwen-Streit wird schmutzig

Die Auseinandersetzung zwischen Investor Ismaik und den Vereinsvertretern des TSV 1860 wird immer heftiger, angesichts wechselseitiger Schuldzuweisungen erscheint eine kooperative Zusammenarbeit nicht mehr möglich. Beide Seite vereint eigentlich nur noch eines: öffentliche Zurschaustellung der jeweiligen Ignoranz.

Daniel Bierofka scheint derweil der einzige zu sein, der sich ernsthaft mit der sportlichen Zukunft des Vereins auseinandersetzt. Er erklärt im Interview, dass die Mannschaft wohl aus einigen Jung-Löwen bestehen wird, verstärkt mit erfahreren Haudegen. "Wir brauchen nich elf Klosterschüler", so Bierofka.

Auch Ex-Präsi Cassalette erhebt nochmal die Stimme: Wie schon mehrfach zuvor lässt er kein gutes Haar an seinen beiden Vizes. Schmidt und Sitzberger seien "Wendehälse", Roman Beer (Leiter der Fußballabteilung, d. Red.) tanze "schon seit Tagen vor Freude ums Lagerfeuer". Harte Worte auf allen Seiten.

Freitag, 09. Juni 2017: Jetzt spricht Ismaik

Eine Woche ist der sportliche, verbale und sonstige Abstieg bei den Löwen nun her, da meldet sich Hasan Ismaik erstmals ausführlich zu Wort. Im Interview mit der AZ stellt der Investor klar: "Ich gehe auch nicht für zwei Milliarden Euro". Zudem will er den TSV 1860 München "wieder als regionale Marke" etablieren.

Ein ehemaliger DFL-Justitiar spricht zudem über Ismaiks Vorhaben, gegen 50+1 zu klagen. Das habe "wenig Aussicht auf Erfolg", meint der Sportrechtler. Auf Mannschaftsseite gibt es zu vermelden, dass Bierofka mit Sascha Mölders gesprochen hat - und den Stürmer wohl zum Bleiben überreden will.

Wie geht es weiter beim TSV 1860 München?

Die Zukunft des Vereins scheint auch eine Woche nach dem Abstieg und dem (erzwungenen) Neustart in der vierten Liga völlig ungewiss. Die letzte Woche hat eines gezeigt: An einem Strang ziehen die Löwen momentan nicht, zu sehr verhärtet sind die Fronten.

Und wahrscheinlich werden sich die Löwen (unter Trainer Bierofka) schon längst sportlich erholt haben, ehe Präsidium und Geschäftsführung (und alle anderen Funktionäre, die im Verein tätig sind) wieder zusammen kommen. Besser, so scheint es, wird es so schnell nicht.

 

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