TSV 1860 München Stadion in Giesing: "Das Sechzger ist München"

Roman Beer, der Autor des Buchs "Kultstätte an der Grünwalder Straße", ist jetzt auch im Vorstand von Pro 1860 aktiv Foto: Sofianos Wagner

AZ: Herr Beer, können Sie sich noch an Ihren ersten Besuch im Grünwalder Stadion erinnern?


ROMAN BEER: Mein Vater hat mich 1993 zum Aufstiegsspiel gegen den SSV Ulm mit ins Grünwalder Stadion genommen. Das war damals mein Firmausflug und mein erstes Spiel im Stadion. Ich muss mir von meinem Vater bis heute oft anhören, dass dieser Ausflug der größte Fehler seines Lebens gewesen wäre.

Wieso?


Na, weil ich mich seitdem im Großteil meiner Freizeit mit den Löwen und dem Sechzger Stadion beschäftige.


Woher kommt denn diese große Faszination für das Stadion?


Mein Erweckungserlebnis war 1996 das Spiel gegen St. Pauli, mein erster Besuch im Olympiastadion. Es waren rund 25000 Menschen da - aber es war eine einzige Enttäuschung! Im Sechzger war auch auf der Gegengerade immer Gebrüll und gute Stimmung, im Olympiastadion hat nur die Nordkurve Stimmung gemacht. Da hat's angefangen. Als in der 12. Klasse die Facharbeit anstand, habe ich das Grünwalder Stadion als Thema gehabt im Leistungskurs Kunst.




Was haben Sie da gemacht?


Da habe ich unter anderem ein Konzept für den Um- und Ausbau des Stadions angefertigt. Das hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich nach dem Abi Architektur studiert habe.

Wie sahen diese ersten Ausbaupläne aus?


Ich hatte mich sehr stark an der Bielefelder Alm orientiert. Ich hatte eine neue Haupttribüne und eine neue Ostkurve geplant, Westkurve und Gegengerade wären so geblieben wie sie sind.

Wie viele von diesen Ideen sind schließlich in die Entwürfe der Projektgruppe Stadionzukunft geflossen, die dem Verein und der Stadt 2010 einen radikalen Umbau des Grünwalder Stadions empfohlen hat?


Die Grundidee, also dass man mit dem Bestand arbeiten will und muss, ist die gleiche. Erhalten wollten wir zum Beispiel die Flutlichtmasten, die Anzeigentafel und Teile der Haupttribüne und Ostkurve - dort vor allem die Reliefs an der Beton-Fassade. Also eines der wenigen Teile, die künstlerisch und architektonisch wertvoll sind an dem Stadion.


Moment: Ihnen gefällt das Sechzger gar nicht?


Das haben Sie gesagt! Es ist ein schlichtes, zweckmäßiges und schnörkelloses Stadion. Aber sicher nicht architekturlos. Die Westkurve etwa entspricht einer modernen Betonarchitektur. Das muss man mögen, sicher, aber da waren Architekten am Werk.


Das Stadion wird dieser Tage 100 Jahre alt. Was macht den Kult aus?


Sie müssen das vergleichen mit einem Elternhaus. Es ist vielleicht nicht das schönste Haus, aber man liebt es. Wir alle verbinden damit unsere eigenen Geschichten. Der Ort trägt sicherlich zum Kult bei, der Kult lebt aber vor allem davon, dass sich tausende Fans dort zu Hause fühlen. Und sehr viele Menschen hängen dran.


Die 100 Jahre sieht man dem Stadion aber an...


Das Sechzger hat eine bewegte Geschichte, wurde in den letzten 100 Jahren immer wieder umgebaut. Aber die Grundordnung – zwei Tribünen, Kurven, ist immer die gleiche geblieben. Das Stadion ist nicht aus einem Guss entstanden, aber es ist immer das Grünwalder Stadion geblieben. Man kennt sich sofort aus, es ist kein seelenloser Bau. In der Allianz Arena muss ich zum Beispiel immer raus schauen und mich am Windrad orientieren, um zu erfahren, wo ich eigentlich bin. Beim Sechzger erkennt auch der Fernsehzuschauer immer sofort: das ist München, Grünwalder Straße.


Und verbindet es immer mit 1860...


Richtig. Und was hat denn 1860 noch außer dem Stadion? Sportlichen Erfolg kann der Verein nicht garantieren – und konnte es nie. Wenn man den Verantwortlichen die Frage stellt, was 1860 eigentlich ist, kommen meist nur Werbesprüche heraus: Arbeiterklub, Traditionsverein, Münchens große Liebe, all sowas. Präsident Dieter Schneider meinte vor kurzem gar „Mia san mia”. Man sollte sich St.Pauli oder Union Berlin zum Vorbild nehmen, die in ihrer Stadt auch nur die Nummer zwei sind, aber erfolgreich eine Nische besetzen. Sowas schaffe ich aber nur mit einem eigenen Stadion.


Wie wichtig ist das Stadion für Giesing?


Wir haben sogar damit argumentiert, dass das Sechzger ein Bollwerk gegen die Aufwertung von Giesing sei.


Ohne das Stadion wäre Giesing teurer?


Mit Sicherheit. Zugegeben, am Anfang war die Argumentation etwas gewagt. Aber jetzt, wo Giesing mitten in der Gentrifizierung steckt, sieht man, dass das stimmt. Wenn man das Stadion abgerissen hätte und dort ein neues Zentrum von Giesing gemacht hätte – die Immobilienpreise wären noch mehr angezogen. Das hat wohl auch der Stadtrat erkannt, als er sich einstimmig für den Erhalt ausgesprochen hat.


Machen die jetzt geplanten Investitionen von rund zehn Millionen Euro alle weiteren kühnen Umbaupläne zunichte?


Das glaube ich nicht. Was man bisher hört, will man ja die Rasenheizung, den Kabinentrakt und die Ostkurve renovieren. Das sind alles sinnvolle Maßnahmen, die man in einen späteren Ausbau sicher integrieren könnte. Diese Sanierung sichert den Erhalt der Stadions auf Jahrzehnte, auf jeden Fall länger als bis 2018, also den Zeitraum, den der Stadtrat garantiert hat. Für fünf Jahre investiert die Stadt keine zehn Millionen Euro.

 

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