TSV 1860 München Plötzlich Löwen-Chef: Bilanz der ersten 100 von Ahlen-Tage

Ist seit dem achten Spieltag Cheftrainer der Löwen: Markus von Ahlen. Foto: dpa

Im September übernahm der 1860-Trainer an der Grünwalder Straße – und entging nach der schwächsten Hinrunde seit 20 Jahren nur knapp seiner Entlassung. Eine erste Bilanz.

 

München - Markus von Ahlen ist ein Neujahrskind. Kaum hatte der Trainer des TSV 1860 mit seiner Familie Silvester gefeiert, durfte er seinen 44. Geburtstag begießen. Was sich von Ahlen für 2015 gewünscht hat? Sportlicher Erfolg wäre schon mal nicht schlecht.

Der Löwen-Coach ist nun genau 100 Tage im Amt. In der Politik wäre damit die Schonfrist, die jedem neuen Amtsinhaber zugestanden wird, ehe man ihn auf vorzuweisende Erfolge abklopft, abgelaufen. Was in der Politik Recht ist, kann im Sport nicht Unrecht sein. Zeit für eine 100-Tage-Bilanz von Ahlens.

Dass er überhaupt diese Marke erreicht hat, kann man schon als Erfolg verbuchen. Dies hat er den beiden Auftritten gegen Kaiserslautern und Leipzig (jeweils 1:1) zu verdanken. Einen „Neustart“ hatte er zuvor ausgerufen.

Die AZ blickt zurück auf die bisherige Amtszeit des früheren Co-, dann Interims- und nun Cheftrainers:

September - Wieder mal Interimstrainer

Nach dem Sandhausen-Debakel muss der Holländer Ricardo Moniz, zu Saisonbeginn vollmundig mit Meister-Ambitionen gestartet, gehen. Von Ahlen übernimmt – für wie lange, ist erst nicht klar. Immerhin: Es gibt einen Sieg zum Einstand gegen Fürth.

Oktober - Ist von Ahlen besser als Moniz?

Vor der Länderspiel-Pause setzt es gegen Aalen eine Pleite – trotzdem wird von Ahlen am 8. Oktober offiziell zum Cheftrainer befördert. Prompt folgt die 1:4-Blamage in Aue. Es gibt eine nächtliche Standpauke von Sportvorstand Gerhard Poschner an die Mannschaft nach der Rückkehr aus dem Erzgebirge. Der Effekt? Nicht sichtbar. Die Pleiten-Serie setzt sich gegen Braunschweig fort. Vor dem Bochum-Spiel vergleicht die AZ Moniz und von Ahlen. Die in den Ergebnissen noch nicht sichtbare, aber von allen Verantwortungsträgern postulierte „Entwicklung“ ist zumindest in zentralen Statistiken zu erkennen. Von Ahlen hat seit seiner Beförderung schon mehrfach durchblicken lassen, dass er unter dem dominanten Moniz eher ein besserer Hütchenaufsteller als einflussreicher Co-Trainer war. Im Klartext: Er versucht nun, sich von seinem Vorgänger loszusagen – ohne dabei nachzutreten. Kein leichtes Unterfangen.

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November - Vorbereitung unter Wettkampfbedingungen

Beim 3:0 auswärts gegen den VfL Bochum werden die Löwen für ihre positive Entwicklung endlich auch mit Punkten belohnt. „Bislang war es eine Vorbereitung unter Wettkampfbedingungen“, erklärt von Ahlen im AZ-Interview – ein klarer Hinweis darauf, dass er nicht mit der Art seines Vorgängers konform ging. Von Ahlen würde öffentlich nie deutliche Worte wählen, um einen Vorgänger zu kritisieren. Doch diese Aussage lässt aufhorchen.

Trotzdem: Das Löwen-Gebilde bleibt instabil. Einer Niederlage gegen Fortuna Düsseldorf folgt die Fast-Blamage gegen Union Berlin (4:1), als es der Mannschaft beinahe gelang, einen 4:0-Vorsprung zu verspielen. Das 0:2 gegen den FSV Frankfurt in der heimischen Arena, die mittlerweile dritte Heimpleite des TSV 1860 in Folge, bringt von Ahlen endgültig in Erklärungsnot. Gebetsmühlenartig erklärt der Trainer, man müsse den Weg der offensiven Spielweise weiterverfolgen, er sei der einzig richtige Weg, wenn man eines Tages wieder um den Aufstieg in die Bundesliga mitspielen wolle. Eine skurrile und doch 1860-typische Aussage: Der Verein steckt mitten im Abstiegskampf – doch der Trainer spricht vom Ziel, eines Tages aufzusteigen.

Dezember - Der Entlassung von der Schippe gesprungen

Mit der Derby-Pleite in Nürnberg beenden die Löwen und von Ahlen auch ihre Auswärts-Erfolgssträhne. Es geht bergab. Das 1:3 gegen Karlsruhe bedeutet die vierte Heimpleite in Folge und besiegelt die schlechteste Hinrunde des TSV 1860 seit 20 Jahren – mit 15 Punkten aus 17 Spielen. Die im Oktober erkennbare positive Entwicklung ist eingeschlafen. Fast alle Werte sind wieder auf Moniz-Niveau (oder sogar darunter) gefallen – von der Punkteausbeute bis zum „offenen Scheunentor“, wie Sportchef Poschner die Abwehr bezeichnet.

Die Konsequenz: Von Ahlen ist als Löwen-Coach eigentlich gescheitert. Eigentlich. Denn gegen Kaiserslautern und Leipzig zieht von Ahlen die Notbremse – um den Klub vor dem Fall auf Rang 17 zu bewahren und seinen eigenen Kopf zu retten. Er verabschiedet sich von der offensiven, ballbesitz-orientierten Spielweise. 1860 überlässt fortan den Gegnern das Feld (in einem Heimspiel gegen den FCK reicht es sogar nur zu 38 Prozent Ballbesitz), kehrt zur unter Friedhelm Funkel erprobten Defensivtaktik mit Kontern zurück.

Es hilft tatsächlich. Die beiden Unentschieden gegen Lautern und RB Leipzig bringen gerade noch rechtzeitig zum Weihnachtsfest wenigstens etwas Selbstvertrauen zurück. Und: Die beiden Punkte retten von Ahlen den Job. Zwei Niederlagen hätten das Aus für den Trainer bedeutet. Schon vor dem Spiel gegen Leipzig erklärt von Ahlen, mit Poschner und dem Präsidium das Jahr 2015 geplant zu haben. Nach dem Spiel fährt er zur Familie nach Bergisch Gladbach und verbringt dort das Weihnachtsfest.

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Januar - Der Neustart?

2015 beginnt von Ahlen mit seinem Geburtstag. Ob er sich beim Ausblasen der Geburtstagskerzen auch sportlichen Erfolg gewünscht hat? Für die verbliebenen 15 Spiele jedenfalls erhofft sich der nun 44-Jährige einen Neustart. Die Frage lautet: Wird er diesen mit der Defensivtaktik aus alten 1860-Tagen angehen oder versuchen, der Mannschaft doch noch zu erklären, wie man offensiven Fußball spielen kann, ohne zur Schießbude der Liga zu werden? Eines ist klar: Die Vorbereitung im Januar wird richtungsweisend für den TSV 1860 sein – und für Markus von Ahlen als Trainer der Löwen.

 

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