Die Dritte Liga kommt nach Giesing: Mit dem Heimspiel gegen die Sportfreunde Lotte beginnt für die Löwen auch die Heimsaison im Grünwalder Stadion. Die AZ nennt zehn Gründe, warum Fußball nirgends packender ist als auf Giesings Höhen. Ein Feature.

München - "Vergelt's Gott, dass Sie zu Sechzig München gehen!" Stadionsprecher Stefan Schneider hat ein Gespür für seine Löwen.

So bedankt sich der Kult-Moderator bei jedem Heimspiel des TSV 1860 freundlich für ihr Kommen. Dabei sind die Anhänger selbst dankbar, seit der Rückkehr auf Giesings Höhen, in ihr Grünwalder Stadion. Herzklopfen überall. Funkelnde Augen sowieso. Pure, greifbare Vorfreude. An der Grünwalder Straße 2 bis 4 werden die Sechzger an diesem Samstag gegen die Sportfreunde Lotte (14 Uhr, live im BR und im AZ-Liveticker) erstmals in der Dritten Liga spielen.

Vor 15.000 Zuschauern. Erstmals. Es wird emotional, leidenschaftlich, hemmungslos. Kein Zweifel. Die AZ erklärt, warum das Erlebnis Fußball (wahrscheinlich) nirgendwo geiler ist als im Grünwalder: 

1. Ein Stadtviertel erwacht

Ein Alt-Hooligan erzählte der AZ einmal, dass ein Spiel im Sechzgerstadion wie ein großes Nachbarschaftstreffen sei, wie eine Grillparty. Freunde kommen, die Anwohner, der Gastronom von nebenan, der Bierfahrer aus der örtlichen Brauerei, der italienische Café-Besitzer von weiter drüben, der Ur-Münchner aus den einstigen Arbeitersiedlungen in Richtung St.-Quirin-Platz, einfach alle.

Ob Regionalliga Bayern oder nun im Profifußball - es spielt keine Rolle! Wenn "Sechzge" spielt, sind Giesings Straßenzüge in tiefes Blau und helles Weiß getaucht. Die Kneipen, Spätis, selbst die Dönerläden füllen sich mit erwartungsfrohen Fans, die nur eines erwarten: Dass ihre Löwen 90 Minuten kämpfen. Denn dann gehen sie alle selbst bei einer Niederlage zufrieden nach Hause.

 

2. Mölders, Berzel, Köppel: Echte Typen gefällig?

Bitte sehr! Denn die Mannschaft des TSV 1860 strotzt nur so von Charakterköpfen und Fanlieblingen. Erstes Beispiel: Christian "Köppi" Köppel, 23 Jahre jung, erzählt gerne davon, wie er vor einem Spiel in der Bibel liest, oder wie ihn seine Mutter (Löwen-Dauerkartenbesitzerin) seinerzeit das erste Mal mit zu einem Spiel ins Grünwalder nahm.

Zweites Beispiel: Kleines Bäuchlein, nicht die beste Ernährung, gerne auch mal ein Bier - Sascha Mölders gilt als unkonventioneller Typ Profifußballer. Und ist deshalb umso beliebter bei den Fans. Einer zum Anfassen, keine Phrasen, nichts weichgespült, einfach nur Mölders - ehrlich und geradeaus.

Drittes Beispiel: Unvergessen ist indes ein Interview von Aaron Berzel mit "Sport1", wie er nach dem Aufstieg ins Mikro brüllte: "Ganz München steht Kopf, weil: Die Nummer eins der Stadt sind wir! Gaaaaaaanz München steht Kopf!"

Im Video: Aaron Berzel: "Ganz München steht Kopf!"

3. Am Fuße die Wahrzeichen der Stadt

Wer von der Haupttribüne über die Westkurve blickt, sieht die mit roten Lichtern versehenen Schornsteine des Heizkraftwerkes Süd an der Isar. Es ist zugegeben kein schönes, kein prominentes, aber durch seine schiere Präsenz doch ein Wahrzeichen Münchens.

Es heißt nicht umsonst auf Giesings Höhen. Während oben das Stadion thront, liegt die Stadt gut überblickbar darunter. Ein Stadion für die Stadt. Und ihre Einwohner. Eines, das sich ins Gesamtbild einpasst wie ein Puzzleteil. 

 

4. Gelebte Demokratie, erlebte Geschichte

Sechzig und Giesing - das ist immer auch Politik. Wohnungsnot, Gentrifizierung, Investorenwucher - die Themen, die München bewegen, werden vor den Kneipen und Gaststätten, in den Biergärten zwischen Silberhornstraße, Candidberg und Grünwalder Straße breitgetreten.

Es ist eine gelebte Demokratie auf der Straße. Und es ist erlebte Geschichte zugleich. 1911 hatte der TSV 1860 hier einen Acker gepachtet, später, bis 1925 hier das Stadion gebaut. Dieses hat über Generationen in München alles mitgemacht. Während andere Gebäude verschwanden, während sich das Stadtbild teils rasant veränderte, blieb immer eines: das Sechzgerstadion.

5. Hier wird noch mit Münzen bezahlt

Leberkässemmel, Brezen, die Halbe Bier - im Grünwalder Stadion wird alles bar bezahlt. Hier gibt es keine Stadion-Cards mit Pfand für Fast-Food-Verkaufsstände. Ehrliche und nostalgische Würstchenbude - das liebt die Fußball-Basis.

6. Der Ordner ist mein Nachbar

Man kennt sich. Und das in einer Stadt mit absehbar 1,6 Millionen Einwohnern. Eine Anekdote: Einst lief ein Besucher mit einer Schnitzelsemmel in der Hand zur Kontrolle beim Einlass. Der Ordner kontrollierte ihn stoisch, wünschte: "An Guadn!"

Der Fan bedankte sich, stellte auf den zweiten Blick fest, dass der Ordner aus der Nachbarschaft in der Maxvorstadt stammt. Münchner treffen Münchner. Auf beiden Seiten.  

7. VIP-Lounge Giesing: Fußball aus'm Wohnzimmer

Business Seats, es ist für Sozialromantiker ein Unwort. Im Grünwalder gibt es keine VIP-Lounges, wo neben(her) dem Essen und Flanieren Fußball geguckt wird. Oder zumindest so getan wird als ob. Schließlich gibt es woanders ja auch leckeren Schampus dazu.

In Giesing ist die VIP-Lounge, wie sie Anwohner tauften, stattdessen hinter der Ostkurve im Dachgeschoss eines Nachbarhauses beheimatet. Aus den Fenstern schauen die Nachbarn ihren Löwen zu. Ja, wo gibt es denn sowas? Bei Sechzge!

 

8. Minute eins: einmal Löwe, immer Löwe

Es sind Sekunden wie eine gefühlte Ewigkeit. Immer dann, wenn die Aufstellungen verlesen sind, wenn die Spieler und der Schiedsrichter sich unmittelbar vor Spielbeginn um den Mittelkreis positionieren, wird es für wenige Momente still und leise im weiten Rund. Ehe, ja, ehe die Westkurve kollektiv anstimmt: "Einmal Löwe, immer Löwe!" Und plötzlich trönt es aus Tausenden Kehlen: "Einmal Löwe, immer Löwe!" Gänsehaut!

9. Haupttribüne, Stehhalle, Kurve - alle stehen! Alle!

Ohnehin. Ob Sechzig führt, oder ob Sechzig hinten liegt - es ist immer dasselbe Bild. Zu Tausenden stehen die Löwen-Fans, fiebern, bangen, frohlocken. Die Kurve, die Haupttribüne - kein Unterschied. In der "Stehhalle" könnte sich die Stadt die Sitzschalen wohl sowieso sparen. In diesem Sinne: "Steht auf, wenn ihr Löwen seid!"

10. Unbezahlbar: Fußball mitten in der Stadt

Der Bökelberg in Gladbach, der "Betze" über Kaiserslautern, das Millerntor auf dem Hamburger Kiez - Kult-Stadien erreichen dann Kult, wenn sie mitten in der Stadt liegen, dort, wo der Verein seine Wurzeln hat. Das ist auch in Barcelona so. Oder in Madrid. Oder in Liverpool. Und eben in Giesing. Dort, wo Großväter Enkeln einst ihre ersten Trikots geschenkt haben.

Dort, wo Kneipen-, sorry, Boazn-Besitzer abendfüllend Anekdoten über die Erlebnisse mit großen oder wenigen großen Star-Kickern erzählen. Hier, wo bildlich gesprochen das Herz eines Vereins schlägt.

Zu Recht: In München sind die Flutlichtmasten des Grünwalders zu sehen, wenn man über den Mittleren Ring in Richtung Südosten fährt. Die Fans bevölkern Candidplatz, Tegernseer Landstraße, die Au, Untergiesing, Obergiesing. Das Gefühl kommt auf, dass hier wirklich eine Mannschaft für ihr Stadtviertel Fußball spielt. Mit ihr leidet. Mit ihr feiert. Mit ihr verliert. Mit ihr gewinnt.

Andernorts, in Sinsheim bei Hoffenheim, in Augsburg, aber auch im Norden von München, werden riesige Arenen in Industriegebieten hochgezogen, an Autobahnen, teils zwischen Äckern. Anhänger vielerorts kritisieren diese Entwicklung schon lange, sehnen sich danach zurück, wie es früher war. In Giesing haben sie dieses Gefühl wieder. Und wollen es um keinen Preis wieder hergeben.

Im Video: Die Bilder der sanierten Westkurve im Grünwalder