TSV 1860 Die Zehner-Krise

Sascha Rösler trug bis zum Sommer das Löwen-Trikot Foto: sampics

MÜNCHEN - 1860-Trainer Ewald Lienen macht bei seinen Löwen Defizitein Sachen Angriff und Kreativität aus. Doch auf einen seiner Spielmacher setzen will er nicht. Der typische Regisseur spiele „in der Pampa“.

 

Auch am zweiten Tag nach dem 0:4 in Kaiserslautern stand für Löwen-Trainer Ewald Lienen noch die Analyse der Lehrstunde auf dem Betzenberg auf dem Programm. Es ging um die Frage, was den Löwen noch fehlt zur Zweitligaspitze.

Während sich der Trainer am Dienstag noch die Defensive zur Brust genommen hatte, war am Mittwoch die Offensive dran. „Unser Offensivspiel muss besser werden", forderte er. Dass es seinen Löwen an Durchschlagskraft im Sturm fehle, sei klar. 35 Tore in 27 Spielen sind tatsächlich mittelmäßig. Doch auch an der Kreativität hapere es.

Also genau an dem, was einst immer eine der größten Stärken der Löwen war. Zu Bundesliga-Zeiten kickten mit Peter Nowak, Abedi Pelé und nicht zuletzt Thomas Häßler geniale Spielgestalter für 1860. Regisseure, Zehner, die gleichzeitig im Alleingang Spiele entscheiden und die Stürmer mit Vorlagen füttern konnten. Das Löwen-Spiel lebte davon.

Das ist vorbei, der Zehner als Spielertyp steckt in der Krise. Auch Lienen denkt nicht daran, sein Spielsystem zu ändern. „Den Zehner von früher gibt es nicht mehr“, sagte er, „der typische Zehner spielt in Argentinien in der Pampa, die kennen nur die eigene Hälfte.“

Tatsächlich müsste Lienen nicht bis Südamerika reisen, um einen Zehner zu sehen. In seinem Team hat er in Alexander Ludwig und Sascha Rösler, der sogar die Rückennummer 10 trägt, zwei Spieler, die liebend gerne hinter den Spitzen spielen würden. Doch im zentralen Mittelfeld hat Lienen beide noch nie eingesetzt, stattdessen setzte der Coach beide – mit wechselndem Erfolg – mal im defensiven Mittelfeld, mal als Linksaußen oder auch als hängende Spitze ein. Vor allem Ludwig behagte das nicht. Seit einigen Wochen sitzt er anfangs meist auf der Bank.

Tatsächlich spielt heute kaum noch eine Mannschaft in Europa mit einem Regisseur. Der letzte echte Zehner der Bundesliga war Bremens Diego, der vor dieser Saison zu Juventus Turin wechselte. Wolfsburg Misimovic etwa interpretiert die Rolle moderner, er spielt flexibler, arbeiten auch nach hinten. Lienen bevorzugt, wie auch Bundestrainer Joachim Löw und Bayerns Coach Louis van Gaal, ein System mit zwei defensiven Mittelfeldspielern und zwei Flügelspielern. „Außenspieler kommen leichter in Ballbesitz“, sagte Lienen, „sie sind es, die heute den Unterschied machen.“

Doch auch da mangelt es bei den Löwen. Geniale und kreative Flügelspieler wie Franck Ribéry und Arjen Robben, oder auch eine Stufe darunter Werders Marko Marin oder Ex-Löwe Timo Gebhart, der jetzt in Stuttgart spielt, sind selten. Bei 1860 spielt seit Gebharts Abgang Stefan Aigner als Rechtsaußen. Ein guter und torgefährlicher Kämpfer, der aber laut Lienen „kreativer“ werden muss. Wenn es so einfach wäre.

F. Cataldo, M. Wessing

 

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