Trauer um Ex-Deep-Purple Jon Lord: Sein letztes AZ-Interview

Jon Lord während eines Konzerts in Budapest. Die Aufnahme entstand im Jahr 2009. Foto: dpa

Jon Lord ist tot. Im November 2010 hatte er der AZ ein Interview gegeben, in  dem er auf auf 15 weitere Jahre hoffte. Aus traurigem Anlass dokumentieren wir das Gespräch mit der Abendzeitung hier noch einmal in voller Länge – good bye, Jon!

 

AZ: Mr. Lord, Sie spielen am 21. November in München - nur zwei Tage nach dem Konzert ihrer alten Band Deep Purple. Ist das Absicht?

JON LORD: Wirklich? Nein, das wusste ich gar nicht. Ist aber irgendwie auch schön: So können sich die Münchner beide Seiten meiner musikalischen Seele ansehen.

Treffen Sie die Jungs eigentlich noch?

Aber ja! Ian Paice, der Schlagzeuger, wohnt hier in England nur ein paar Kilometer weit weg, der Bassist Roger Glover ist nach wie vor ein guter Freund. Mit Sänger Ian Gillan habe ich gerade einen Song aufgenommen. Es wäre auch seltsam, wenn man mit Menschen, mit denen man Jahrzehnte lang zusammen Musik gemacht hat, nichts mehr zu tun hätte, oder?

Was werden wir denn in München zu hören bekommen?

Das Concerto for Group and Orchestra, ein paar neuere Solo-Stücke von mir - und natürlich Deep-Purple-Songs. Es ist eine Reise durch mein musikalisches Leben mit dem Filmorchester Babelsberg und Demon's Eye, einer deutschen Deep-Purple-Tribute-Band - insgesamt 75 sehr unterschiedliche Musiker.

Haben Sie eine bestimmte Idee, wie das Concerto in Perfektion zu klingen hat?

Es ist aufregend zu hören, wie unterschiedlich das Stück klingen kann. Ich habe das Stück seit 1999 ungefähr 60 Mal aufgeführt - es war jedes Mal anders. Und manchmal werde ich wundervoll überrascht.

1969 hatten Orchestermusiker noch ein Problem damit, sich von einem langhaarigen 28-Jährigen erklären zu lassen, wie sie zu spielen hatten.

In der Tat. Aber die Musiker sind jünger geworden. Und weiblicher. Sie sind nicht mehr ausschliesslich auf Klassik fixiert und haben gelernt, über ihren musikalischen Schatten zu springen. Und die Technik ist besser. Damals konnte ein einziges Gitarrenriff oder ein Schlagzeugwirbel das Orchester von der Bühne blasen. Heute können wir das Orchester ganz sanft elektrisch verstärken. Was das Zusammenspiel leichter macht.

Bei Ihrem letzten Auftritt in München war zu sehen, dass Sie immens nervös waren. Haben Sie haben immer noch Lampenfieber?

Nervosität ist meine Waffe. In der letzten halben Stunde vor einem Auftritt ziehe ich mich hinter der Bühne in einen Raum zurück, rede mit niemandem mehr. Das hilft mir.

Mit 69 immer noch Adrenalin-Junkie?

Könnte man so sagen. Außerdem ist München eine Stadt, die ich immer sehr gemocht habe. Deshalb ist es auch wichtig für mich, dort gut zu sein.

Ist es eine Belastung, für einen solchen Abend mit einem großen Orchester quasi allein verantwortlich zu sein?

Manchmal vermisse ich die geteilte Verantwortung in einer Band. Auf der anderen Seite bin ich aber auch wahnsinnig stolz, wenn meine Musik auf der Bühne funktioniert.

Nächstes Jahr werden Sie 70. Sie komponieren viel, haben Erfolge in den Klassik-Charts, touren viel. Eigentlich hatten wir gedacht, Sie würden nach dem Ausstieg bei Deep Purple ein kürzer treten.

Über meinen Ausstieg bei Deep Purple ist viel Unsinn geschrieben worden. Ich habe die Band nicht deshalb verlassen, weil ich keinen Spaß mehr daran hatte, sondern weil ich mehr komponieren wollte. Okay, ich wollte nicht mehr jeden Abend in einer anderen Stadt auf der Bühne stehen. In gewisser Weise arbeite ich aber mehr als früher.

Und wie lange das noch gut geht?

So lange, wie ich das Gefühl habe, dass ich es noch gut kann. 15 Jahre vielleicht. Aber das ist in der Hand der Götter.

Interview: Gerrit Faust

 

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