Trainer, Tränen, Träume Das war das Schicksalsjahr 2017 des TSV 1860 München

Zwischen Leid und Jubel: In der Regionalliga Bayern sind die Löwen Tabellenführer. Doch zu Jahresmitte erlebte der Verein seine Stunde Null. Foto: dpa, imago, Augenklick, AZ-Montage

Was für ein Jahr beim TSV 1860 München. Von der Zweiten in die Vierte Liga, von Profis zu Amateuren, vom CL-erfahrenen Vitor Pereira zur Klub-Legende Daniel Bierofka - das Löwenjahr hatte viel zu bieten. Für Fans vielleicht zu viel. Die AZ hat das Jahr 2017 zusammengefasst.

München - Wirklich ruhig ist es beim TSV 1860 München ja eigentlich nie. Das Jahr 2017 aber hatte so viel zu bieten, damit könnten andere Vereine ganze Dekaden füllen. Ausgelöst durch eine legendäre Pressekonferenz Ismaiks Ende 2016, sollte der Verein (mal wieder) mächtig umgekrempelt werden.

In der Winterpause wurde Vitor Pereira verpflichtet, ebenso wie einige neue Spieler. Doch Lumor, Amilton oder der dänische (Sex-)Bomber Christian Gytkjaer waren zwar teuer, geholfen haben sie nicht (Gytkjaer traf teils auch lieber ins eigene Tor). Trotz 16-tägiger (!) Vorbereitung im Camp von Star-Coach Jose Mourinho auf der portugiesischen Halbinsel Troia und einigermaßen vielversprechender Testspielergebnisse kam der TSV 1860 München nie von den unteren Tabellenrängen in der Zweiten Bundesliga weg. Am Ende landeten die Löwen auf dem Relegationsrang.

Das Ergebnis ist bekannt. Die AZ greift nochmal einige Ereignisse des Jahres 2017 auf. Das Löwen-Jahr in der Chronologie.

Der AZ-Jahresrückblick des TSV 1860 München

Januar: Neues Jahr, neues Glück? An der Grünwalder Straße nimmt der neue Trainer Vitor Pereira seine Arbeit auf. Der Portugiese hat Champions League-Erfahrung und verspricht bei seiner Vorstellung in einem Wirtshaus vollmundig: "We go to top!"

Neben Pereira holen die Löwen auch neue Spieler. Amilton und Lumor kommen, zuvor war Pereiras Schützling und Abwehr-Hüne Abdoulaye Ba ausgeliehen worden. Auch der dänische Stürmer Christian Gytkjaer wechselt an die Isar. Sechzigs Rekordeinkauf, der Brasilianer Ribamar, soll zudem endlich wieder mit der Mannschaft trainieren. Er war im Sommer zuvor gekommen und hatte wegen unzureichender Grundlagen und einer längerfristigen Verletzung statt vielen Toren zahlreiche Fragezeichen hinterlassen.

Nach der Entmachtung von Thomas Eichin ist Anthony Power neuer Löwen-Geschäftsführer. Seine fragwürdigen Führungsqualitäten bringen ihm später den Spitznamen "Die Axt von Giesing" ein.

Die Mannschaft fliegt im Winter in ein sechzehntägiges Trainigslager nach Portugal. Pereira lässt seine Spieler im Camp von Landsmann Mourinho schwitzen, inklusive Testspielen gegen Erst- und Zweitligisten. Der neue Übungsleiter will technischen Fußball sehen, schnelle Ballstaffetten. Dinge, die die Löwen so bisher nicht unbedingt kannten.

Zum Rückrundenauftakt feiert Pereira einen Sieg: 2:1 gegen Fürth. Wird doch alles gut?

Februar: Auf den Dreier gegen Fürth folgt prompt eine Niederlage. Von anspruchsvollem Fußball keine Spur. Trauriger Höhepunkt so früh im Jahr: Das Pokal-Aus gegen Drittligist Lotte. Schuld ist aber nicht die Leistung, sondern der schlechte Platz. Jedenfalls schimpft unter anderem Präsident Peter Cassalette ordentlich auf das Geläuf.

März: In der Liga bleiben die Ergebnisse aus. Gegen die Würzburger Kickers und Fortuna Düsseldorf gewinnen die Löwen knapp. Immerhin bleiben außer-sportliche Eskapaden großteils aus.

April: Lange war gesucht und spekuliert worden, Ismaik sprach immer von großen Namen. Und der Mann, der dann an der Grünwalder Straße präsentiert wird, ist tatsächlich nicht nur ein Fachmann, sondern auch eine große Nummer: Ian Ayre wird als neuer Geschäftsführer vorgestellt. Er kommt vom FC Liverpool, wohin er Jürgen Klopp als Trainer gelotst hatte. 

Reibungslos läuft aber selbst die Vorstellung nicht ab: Hasan Ismaik hatte sich extra angekündigt. Ian Ayre ist überpünktlich da, er sitzt zusammen mit Cassalette und Pressesprecherin Lil Zercher auf dem Podium und wartet - Ismaik kommt eine gute Viertelstunde zu spät, dann fällt auch noch der Ton aus. Der neue Mann aus Liverpool nimmt's mit Humor - und beteuert, wie sehr er sich auf die Aufgabe freut.

Mai: Die Freude verfliegt dann beim neuen Boss aber relativ schnell. Gegen Aue, Kaiserslautern, Braunschweig und Bochum verliert der TSV 1860. Und das, obwohl zu diesem letzten Heimspiel nochmal über 15.000 Fans die Mannschaft in der Allianz Arena anfeuern. Bei einem Sieg wäre der Klassenerhalt sicher. Zwar kann Ba per Kopf das 1:1 machen, der eingewechselte Tom Weilandt trifft in der 79. Minute aber zum 2:1 Endstand. Das Ergebnis: Das Abrutschen auf den Relegationsrang. Auswärts in Heidenheim setzt es ebenfalls eine Niederlage. Damit ist klar: Die Löwen müssen zwei folgenschwere Extra-Schichten einlegen.

Relegationsgegner ist Regensburg. Der TSV 1860 München tritt zuerst auswärts an, erkämpft sich ein 1:1. Eine gute Ausgangslage, das wichtige Auswärtstor sollte Rückenwind geben. In der Arena herrscht dann prächtige Stimmung, selten hat man so viele Fans bei einem Löwen-Spiel in Fröttmaning gesehen. 

Eine halbe Stunde ist das Spiel offen, die Löwen haben sogar gute Torchancen. Doch dann trifft Regensburg zum 1:0. Nach der Pause wirkt die Mannschaft tot, die stolzen Löwen erinnern eher an kraftlose Nacktmulle. Kein Aufbäumen, keine Reaktion. Auch Pereira an der Seitenlinie hat hauptsächlich die Hände in den Hosentaschen. Als dann das zweite Gegentor fällt, ist das Aus besiegelt. Die Fans gehen auf die Barrkikaden, es fliegen Sitzschalen, Fahnenstangen und Becher auf den Rasen. Das Spiel steht kurz vor dem Abbruch. 

Mit der Niederlage wird zum Leidwesen der Sechzger ein Fünffach-Abstieg besiegelt, es steigen alle Mannschaften von den Profis bis zur U16  ab. Besonders bitter ist es für die U21, die Vize-Meister in der Regionalliga Bayern wurde, aber aufgrund der DFB-Regularien – zwischen erster und zweiter Mannschaft muss eine Spielklasse liegen – auch runter muss. Die AZ titelt damals: Schande!

Noch im Stadion tritt Präsident Peter Cassalette, dessen Aussage "Wir sind zu gut für den Abstieg" in den Köpfen bleibt, zurück. Ian Ayre war schon davor ins Flugzeug gestiegen. Der eigentliche Heilsbringer war an den Strukturen im Verein gescheitert. Vitor Pereira stellt sich noch der Presse und tritt dann ebenfalls zurück. Nix war's mit dem Griff nach den Sternen. Sang- und klanglos steht der Verein ohne Führung da.

Der schwarze Freitag

Was folgt, ist so im deutschen Profifußball sicherlich einzigartig. Investor Hasan Ismaik verweigert nötige Zahlungen für die Drittliga-Lizenz, knüpft sie an Bedingungen, die der Verein nicht erfüllen will (und kann). Am Stichtag für die Einreichung der Unterlagen sitzen die Verantwortlichen in der Geschäftsstelle und verhandeln bis zum Schluss mit den Anwälten des Jordaniers. Am Ende warten alle auf ein Fax, das die rettenden Gelder garantiert. Doch es kommt nicht.

Statt dritter Liga geht es für den einstigen Deutschen Meister in die Regionalliga Bayern. Amateurfußball. Ohne Mannschaft. Denn mit solch einem Szenario hatte niemand gerechnet, die Verträge der Profis verlieren ihre Gültigkeit. Noch am Abend teilt BFV-Präsident Dr. Rainer Koch mit: Die Löwen können in der Regionalliga starten. Allerdings nur, wenn die 50+1-Regel eingehalten werde. Zuvor war spekuliert worden, ob Ismaik den Absturz in die Vierte Liga extra provoziert habe, um den Verein komplett zu übernehmen. Hier lesen Sie eine Chronologie der entscheidenen Woche.

Robert Reisinger wird derweil neuer Übergangspräsident. Ihm kommt nun die schwere Aufgabe zu, einen neuen Trainer, eine neue Mannschaft und einen neuen Geschäftsführer zu finden. Und alles immer mit Ismaik zu verhandeln. Beide sind nicht unbedingt Freunde.

Juni: Zumindest die Trainerfrage ist schnell geklärt: Daniel Bierofka, der während des Relegationsdramas als einziger gefeiert wurde ("Außer Biero könnt ihr alle gehn"), soll den Neuanfang sportlich verantworten. Die Klub-Ikone werkelt wochenlang an einer neuen Mannschaft. Klar ist: Die Profis gibt es nicht mehr. Viele Spieler der ehemaligen U21 und U19 sollen nun Teil der neuen Löwen werden.

Der Verein drückt derweil mit Hilfe der 50+1-Regel den Insolvenz-Fachmann Markus Fauser als neuen Geschäftsführer durch. Ismaik tobt, wittert eine Verschwörung. Doch Fauser bewahrt den TSV 1860 vor einer Insolvenz, wenn auch knapp. Die Finanzierung für die Saison nimmt langsam Formen an.

Unter anderem auch, weil das Löwen-Toptalent Felix Uduokhai für eine Million Euro nach Wolfsburg wechselt. Bierofka holt sich außerdem erfahrene Verstärkung: Timo Gebhart wechselt zurück zu den Blauen. Er soll der jungen Mannschaft um Kapitän Felix Weber mit seiner Erfahrung helfen.

Neustart in der Regionalliga Bayern

Juli: Das erste Spiel auf neuem Terrain: Die Löwen eröffnen die Regionalliga Bayern in Memmingen. Und wie. 4:1 für die Mannschaft von Daniel Bierofka heißt es nach 90 Minuten. Auf dem Platz steht auch Jan Mauersberger. Der Routinier hat sich weiterhin für die Löwen verpflichtet. Verkauft wird hingegen noch Marin Pongracic, auch er bringt Fauser eine Million Euro ein.

Wenig später stößt auch Sascha Mölders wieder dazu. Der Stürmer fand zwar unmittelbar nach dem Abstieg harsche Worte, ließ sich dann aber doch wieder auf die Giesinger ein. Im Juli verlieren die Löwen nur ein Spiel - Blamage in Buchbach! Für alle Gegner ist das Spiel gegen den TSV ein absolutes Highlight. Die Stadien freilich sind darauf nicht ausgelegt. Mehr als 300 Zuschauer kommen sonst selten. Volksfeststimmung pur.

Im Juli steht auch die Hauptversammlung des Vereins an. Mit Spannung wird erwartet, wie sich Ismaik-Bruder Yahya verhält. Doch erstmal wird Reisinger offiziell zum Präsidenten gewählt, Markus Fauser erntet zudem viel Lob für seine bisherige Arbeit. Der Hammer kommt dann zum Schluss: Ulla Hoppen reicht einen Antrag ein, der die Aussetzung des Kooperationsvertrages mit Hasan Ismaik fordert. Er wird angenommen. Die Löwen-Mitglieder beschließen die Trennung von Ismaik.

Die wichtigste Entscheidung für viele Löwen-Fans fällt dann in der letzten Juli-Woche: Der TSV 1860 zieht aus der Allianz Arena aus! Der FC Bayern löst den Mietvertrag auf und macht damit möglich, was viel Fans seit dem Zwangsabstieg fodern: Die Rückkehr ins Grünwalder Stadion.

Die Heimpremiere im neuen alten Stadion gewinnen die Löwen mit 3:1 gegen Wacker Burghausen. Die Euphorie ist groß, die Stimmung einmalig.

August: Sportlich läuft es in der Liga rund, im DFB-Pokal hingegen kommt das Aus in Runde eins. Ingolstadt ist eine Nummer zu groß. Dafür gibt es weiter Verstärkung: Markus Ziereis und Phillipp Steinhart kommen. Beide bringen ebenfalls Profi-Erfahrung mit an die Grünwalder Straße.

September: Der einzige Monat, in dem die Löwen rein sportlich Schlagzeilen machen: Als unangefochtener Tabellenführer der Regionalliga Bayern.

Oktober: Im Oktober setzt es in fünf Spielen drei Niederlagen. Besonders schmerzt das verlorene Derby gegen Bayern II. In Augsburg fallen die Löwen-Fans zudem mit einer strittigen Pyro-Show auf, beim Derby muss wegen einer mutmaßlichen Rauchbombe das Sprengkommando anrücken. Doch trotz dieser kleinen Rückschläge feiert der TSV 1860 München die Herbstmeisterschaft.

Trainer Daniel Bierofka ruft dennoch um Hilfe: Er brauche dringend einen Sportdirektor und einen Chefscout, so der Übungsleiter. Er allein könne nicht alles machen. Und die Chefscout-Position wird tatsächlich besetzt: Jürgen Jung, bislang auch zuständig für das Nachwuchsleistungszentrum, soll Bierofka hier hauptamtlich unterstützen. Mit Christian Wörns verpflichtet der TSV 1860 München einen neuen und namhaften Trainer der U19 - ein erster Schritt hin zu gefestigten Strukturen?

November: Der vorletzte Monat des Jahres bringt dann eine positive Nachricht der Stadt: Das Grünwalder Stadion soll zur nächsten Saison auf 15.000 Plätze ausgebaut werden. Bislang waren nur 12.500 Fans zugelassen.

Gleichzeitig zeichnet sich aber neues Konfliktpotential an: Markus Fauser steht vor dem Abschied. Der Interimsgeschäftsführer steht vor einem Abgang spätestens zum Ende des Jahres. Wer sein Nachfolger wird, darüber gibt es zwei Meinungen. Die Vereinsseite hätte gerne den bisherigen Finanzchef Michael Scharold - ob der auch bei Ismaik gut ankommt, ist fraglich. Immerhin, Anthony Power soll es wohl nicht wieder machen. Zumindest dementierte Power anderslautende Gerüchte selbst.

Für Robert Reisinger bedeutet diese Gemengelage nichts Gutes. Neben dem Streit der Gesellschafter beschäftigt den Verein aber auch noch ein Streit der Investoren. Der Münchner Unternehmer Gerhad Mey hatte im Sommer angekündigt, gerne beim TSV einsteigen zu wollen. Ismaik aber sei stur und rufe für seine Anteile utopische Preise auf.

Dezember: Für den TSV 1860 München und Hasan Ismaik steht noch eine wichtige Entscheidung an: Das Bundeskartellamt will über die Klage des Investors gegen die 50+1-Regel entscheiden. Sollte ein Verfahren eröffnet werden, könnte das den deutschen Fußball verändern.

Zusammengefasst: Das Jahr des TSV 1860 München war turbulent. Sehr turbulent. Im Mai stieg die Mannschaft zwangsweise in die Regionalliga Bayern ab, Hasan Ismaik verweigerte die Gelder für die Drittliga-Lizenzierung. Die bisherige Führungsriege trat ab, Daniel Bierofka baute eine komplett neue Mannschaft auf. Mit der Herbstmeisterschaft feierten die Löwen sportlich einen Erfolg. Wie es auf Investoren- und Gesellschafterseite weiter geht, ist am Ende des Jahres aber genauso unklar wie am Anfang.

Das Jahr 2018 wird wohl wieder ein spannendes für den TSV 1860 München werden. Alles andere wäre ja auch ungewohnt.

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