Tour 2018 Paul McCartney beim Konzert in Wien: "Bis zum nächsten Mal"

, aktualisiert am 07.12.2018 - 06:44 Uhr
Paul McCartney auf seiner umjubelten Tour 2018. Foto: Torben Christensen/imago

Paul McCartney beweist auch in Wien, dass seine Musik keine Patina angesetzt hat. Die AZ-Kritik.

Wien - Kann man Paul McCartney die Show stehlen? Bei seinem eigenen Konzert, auf seiner eigenen Bühne? Kyle aus Atlanta gelingt das für einen kurzen Moment. McCartney bittet seit einigen Jahren bei der Zugabe immer einige Zuschauer nach oben, und in der Wiener Stadthalle sind Kyle und sein Liebling Martha die Glücklichen.

Sicherlich wegen des Plakats, das er in die Höhe hält. Darauf stehen zwei Beatles-Songtitel, was bei Paul McCartney-Konzerten an sich nichts Ungewöhnliches ist. In diesem Fall aber schon: „Martha My Dear, I Want To Hold Your Hand“, steht da. Daneben sind Ringe gemalt. "Machst Du jetzt einen Antrag?", fragt McCartney den Amerikaner. "

"Dann runter auf die Knie!" Kyle folgt den Anweisungen, Martha sagt - zum Glück! - Ja, und die beiden küssen sich lang und innig. Den berühmten Herrn neben sich vergessen sie komplett, für einen Moment ist McCartney Zuschauer bei seinem eigenen Konzert. Als die beiden dann unter dem Jubel der 11.000 Zuschauer die Bühne verlassen, schüttelt er den Kopf und sagt: „Man weiß nie, was hier oben so passiert.“

Paul-Mc-Cartney-Konzerte: immer großartig

Weiß man ansonsten eben doch: Großartiges. Paul-McCartney-Konzerte sind eine todsichere Sache. Auch an diesem Abend in Wien. Und das liegt nicht nur daran, dass da eine historische Figur auf der Bühne steht, ein Larger-than-Life-Star, den man hier nach vielen Jahren der Open-Air-Konzerte mal wieder in einer Halle erleben kann. Es liegt vielmehr auch an der makellosen Band, angetrieben von Drummer Abe Laboriel Jr. und angeführt von McCartney selbst an Höfner-Bass, Gitarre und Klavier.

Vor allem aber liegt es an den Songs, an diesem konkurrenzlosen Repertoire. Egal, wie oft man die Platten gehört hat: Im Konzert erlebt man aufs Neue, wie unfassbar gut diese Lieder sind. McCartney kann sich erlauben, fast ein Dutzend Solo-Nummer-eins-Hits zu ignorieren, zahllose Beatles-Klassiker dazu, sogar "Yesterday", den erfolgreichsten Song aller Zeiten. Er spielt in seinem fast dreistündigen Konzert 38 Lieder, weitgehend die gleichen wie bei seinem Münchner Open-Air-Konzert von 2016 - sie klingen in der akustisch tollen Halle aber ungleich besser, knackiger, rockiger.

"A Hard Day’s Night" ist ein klug gewählter Opener: Der sehr laute Sound ist da noch etwas verwaschen, der Tontechniker hat Zeit, an seinen Reglern zu drehen - und der Song knallt trotzdem. Ab "Save Us" klingt die Band dann sehr differenziert.

Bei der Wings-Nummer "Letting Go", einem ersten Höhepunkt, leuchten die Scheinwerfer auf eine Treppe im Publikum, wo drei Bläser ihren ersten Einsatz haben. Die sind bei der Tour neu dabei und machen sich bei Songs wie "Got To Get You Into My Life" oder "Lady Madonna" bezahlt, ebenso bei "Let ‘em In".

Live klingt manches noch aufregender als auf Platte

Das klingt live viel aufregender als auf Platte, das Unisono-Solo von Posaune und Slide-Gitarre ist herrlich. Und es gibt viele weitere Höhepunkte. Die Kirmes-Avantgarde von „Being For The Benefit Of Mr. Kite!“ klingt live noch abenteuerlicher, noch surrealer als auf dem "Sgt. Pepper"-Album: eine psychedelische Erfahrung, unterstützt von Pop-Art auf der Leinwand.

Bei der ersten Zeile von "Maybe I’m Amazed" ist McCartneys Stimme brüchig, aber zum Glück verzichtet er nicht auf diesen Song, diesen Goldstandard der Rockballaden, wie Billy Joel mal sagte. Der Rest des Songs klingt fantastisch, auch der Gesang ist toll.

Der zeitgenössische, knallige Radiopop von "Fuh You" und "Queenie Eye" vom vorletzten Album fügen sich in diesen Kanon erstaunlich gut ein. "Band On The Run" ist rockiger als je zuvor, "Back In The U.S.S.R." setzt im Anschluss noch einen drauf.

Die gepriesenen russischen Frauen, die McCartney zum Singen und Schreien bringen, sind auf der Leinwand zu sehen: schwarz-weiße "Moscow Girls" aus Doku-Aufnahmen und gezeichnete Geschöpfe vor, klar: rotem Hintergrund.

Publikum außer Rand und Band

Nach dem letzten Song "Hey Jude", bei dem das Publikum seinen großen "Na Na Na"-Einsatz hat, ist es außer Rand und Band. Da liegt die Halle schon im Nebel: das Ergebnis der Pyrotechnik von "Live And Let Die". Da schossen am Bühnenrand Flammen aus dem Boden, während auf der Leinwand ein animiertes London in die Luft fliegt. Als Zugabe gibt es dann noch „Birthday“ als Ständchen für die Geburtstagskinder des Abends, den Heiratsantrag, die Reprise von "Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band" und ein knallhartes, fantastisch geröhrtes "Helter Skelter".

Dann beendet Paul McCartney mit dem Schluss des "Abbey Road"-Medleys das brillante Konzert. Nach der Verbeugung der Band geht er noch mal zum Mikro, dieser junge 76-Jährige, der auf der Bühne dieselbe alterslose Ausstrahlung hat wie immer. Und wie vor zwei Jahren in München klingt es realistisch und glaubhaft, als er auf Deutsch sagt: "Bis zum nächsten Mal."

Dann fliegt Konfetti vom Dach, und zwei Verlobte sowie 11.000 weitere glückliche Menschen gehen nach Hause.

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