Tollwood-Konzertkritik Jackson Browne - der sanft rockende Rebell

US-Liedermacher Jackson Browne Foto: dpa

Je älter der heute 66-jährige West-Coast-Rocker Jackson Browne ist, desto länger  werden seine Konzerte.

 

Es begann nicht wie angekündigt in der gut gefüllten Arena um 19 Uhr, sondern schon fünf Minuten früher mit „The Barricades Of Heaven“, ein nostalgischer Song von 1996. In diesem Lied fährt und rennt Jackson als musikbesessener Teenager durch die Städte und der Küste entlang, ähnlich wie schon in seinem Klassiker „Running On Empty“, den er drei Stunden später als erste Zugabe spielen wird. Augenblicklich stellen sich zu Beginn Bilder ein von der leichten Lebensart in Kalifornien, für die Browne wie kein anderer Singer-Songwriter den Soundtrack geschrieben hat.

Ein moderner Troubadour und sanfter Rebell

Tiefenentspannt steht der Frauenschwarm und Soundperfektionist auf der Bühne, lässt sich für jedes neue Lied eine andere Gitarre reichen und wickelt das Publikum um den Finger. „Papa, zeig mir die Straßenkreuzung in Winslow“, forderte Brownes Sohn schon vor Jahren, als sie durch ihre Heimat fuhren. Davon und von der Entstehung von „Take It Easy“ erzählt Browne einleitend zu „Leaving Winslow“, einem swingenden Song aus dem aktuellen Album „Standing In The Breach“. Er erinnert sich dabei auch an seine stirnrunzelnde Mutter, als Klein-Jackson Landstreicher mit nach Hause brachte. Von diesen Hobos, die ohne zu zahlen auf Zügen durchs Land fuhren berichtet das Lied.

Der moderne Troubadour und sanfte Rebell erzählt klug, freiheits- und gerechtigkeitsliebend vom Lebensglück ebenso wie von den kleinen und großen Tragödien und von gesellschaftlichen und politischen Missständen. Brownes Repertoire mit Erfolgsgarantie ist riesig, trotzdem riskiert er immer wieder Neues, zum Beispiel den rührenden Song „Here“, den er fast nie live spielt und den er anlässlich des Films „Shrink“ komponiert hat, in dem Kevin Spacey einen Promi-Psychiater darstellt, der den Suizid seiner Frau nicht überwinden kann. Das Gefühl kennt Browne, dessen erste Frau und Mutter des gemeinsamen Sohnes sich das Leben nahm.

„Wenn wir in Zelten spielen, lassen wir uns gerne Neues einfallen“, sinniert Browne, der bei bester Stimme ist, tief über den Flügel gebeugt. Dann blickt er nach zwei tieftraurigen Balladen ins Publikum. „Und das hier ist ein sehr stilles Zelt.“

Nach der Pause ändert sich das mit der Nachdenklichkeit. Sein perfekt eingespieltes Star-Ensemble mit Jeff Young an den Tasteninstrumenten, Bob Glaub am Bass, Mauricio Lewak am Schlagzeug sowie Greg Leisz und Shane Fontayne an den Gitarren sorgen für einen brillant-druckvollen Klang und drehen immer mehr auf. Schon beim fünften Stück „Looking East“ hält es viele nicht mehr auf den Stühlen. Doch die Ordner ersticken den Bewegungsdrang.

Bei „Lawyers Guns And Money“ vom früh verstorbenen Warren Zevon wiederholt sich die Szene. Bei „The Pretender“ schließlich platzt Jackson der Kragen. Er beugt sich vom Bühnenrand hinab zum Gerangel zwischen Ordnern und Publikum. „Sie im blauen T-Shirt, da hinten gibt es noch einige freie Plätze. Suchen Sie sich einen aus und lassen sie die Leute hier tanzen“, schnauzt er einen Security-Mann an.

Die Stimmung steigt und Browne ist offenbar fest entschlossen, das „stille Zelt“ zum Kochen zu bringen. Als er sieht, dass weit hinten immer noch Zuhörer sitzen, witzelt er: „Stand up! Fight for your right … to sit down“. Spätestens beim nicht enden wollenden „Stay“ hat er sie dann wirklich alle zum Singen, Stehen und Tanzen gebracht.

 

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