Timothy Peach im AZ-Interview "Ziemlich beste Freunde" im Theater: "Die Demuts-Meditation"

„Zum Denken gezwungen“, nennt es Timothy Peach, der sich in seiner Rolle nicht bewegen darf. Foto: Anna Huber, imago

Timothy Peach sitzt zum 400. Mal für das Stück "Ziemlich beste Freunde" im Rollstuhl – wie ihn das verändert hat.

 

Rekordverdächtig: Schauspieler Timothy Peach (54, "Rote Rosen“) ist jetzt zum 400. Mal im Rollstuhl auf der Bühne zu sehen: In dem Erfolgsstück "Ziemlich beste Freunde" von Gunnar Dreßler nach dem gleichnamigen Kinohit über die Freundschaft eines ungleichen Paares begeistert er schon seit Februar 2016 das Publikum in der Rolle des gelähmten Philippe.

Anlässlich der Jubiläumsvorstellung ist es dem in München lebenden Schauspieler nun gelungen, nicht nur das Ensemble, sondern auch das GOP Varieté Theater für eine Charity-Gala zu gewinnen, die am 12. März in München stattfindet (Tickets: variete.de). Mit dem Abend wird die Arbeit der Nicolaidis YoungWings-Stiftung unterstützt, die Hilfe für junge Trauernde bietet.

Die AZ sprach mit Timothy Peach, der mit der Schauspielerin Nicola Tiggeler verheiratet ist und die beiden Kinder Nelson und Tiffany hat – über seinen Job im Rollstuhl.

AZ: Lieber Herr Peach, wie vertraut ist Ihnen der Rollstuhl mittlerweile?
TIMOTHY PEACH: Der Umgang mit dem Rollstuhl ist für mich mittlerweile ganz selbstverständlich geworden. Und immer genau dann, wenn ich nicht mehr darüber nachdenke, womit ich unterwegs bin, schlägt er mir ein Schnäppchen und bleibt einfach stehen. So zum Beispiel bei der Premiere: Wir mussten damals das Stück unterbrechen und es hat 20 Minuten gedauert, bis wir ihn wieder in Gang gebracht haben. Im Großen und Ganzen ist er ein treuer Gefährte. Aber manchmal auch sehr sensibel und zickig wie eine Diva.

Was ist nach wie vor die größte Herausforderung, wenn Sie im Rollstuhl sitzen?
Ich muss mich nach wie vor sehr darauf konzentrieren, jeden nur möglichen Reflex, der unserem Körper innewohnt, zu vermeiden. Es gibt zum Beispiel die berühmte Bühnenfliege, die immer dann wach wird, wenn die Scheinwerfer angehen. Und natürlich ist diese schon zwei Mal auf meiner Nase gelandet. Da gilt es dann eben nicht dem Instinkt zu folgen und sie nicht wegzuwischen.

Sie dürfen sich auf der Bühne kaum bewegen. Ist das nicht schwierig für Sie als Schauspieler – oder gerade das Reizvolle?
Schauspielerei hat für mich sehr viel mit der Genauigkeit des Denkens zu tun. Bei dieser Rolle ist man ja durch die Bewegungslosigkeit seines Instruments beraubt und quasi zum Denken gezwungen. Erstaunlicherweise spüre ich aber, dass die Zuschauer ganz genau mitbekommen, was ich fühle und spiele, und das, obwohl ich nur den Kopf bewegen kann. Insofern ist das sehr reizvoll für mich und eine Bestätigung meiner Theorie. Es ist eine tägliche Demuts-Meditation.

Ist es Ihnen passiert, dass Sie sich doch mal bewegt haben?
In einer Szene legt Driss, mein Pfleger, mir ein Bild meiner Brieffreundin aufs Bein. Dieses ist dann runtergerutscht und ich habe die Beine geschlossen, damit es nicht auf den Boden fällt. Da ging dann schon ein kleines Raunen durchs Publikum. Aber ich habe den Zuschauern dann zugezwinkert und sie haben mir das als zu vernachlässigenden Kunstfehler nachgesehen. Womit wir wieder bei den Reflexen wären, die man komplett ausschalten muss.

Wie hat sich das Spielen im Rollstuhl mittlerweile verändert?
Zu Beginn der Proben habe ich noch richtig viele Fahrfehler mit dem Rollstuhl gemacht. Dies führte dann zu diversen Kollisionen mit der Kulisse, aber auch mit meinen Kollegen. Mittlerweile kommt es eigentlich nicht mehr so oft vor. Aber wie gesagt, der Rollstuhl hat ein Eigenleben und deshalb muss man hochkonzentriert sein, auch wenn man schon 400 Mal darin gespielt hat. Aber: Die Unfallquote ist deutlich geringer geworden.

Ihre Tochter ist derzeit in New York als Schauspielerin. Wäre das auch Ihr Traum gewesen?
Tiffany ist wirklich sehr tapfer und mutig, Ich habe es von München nur nach Stuttgart an die Hochschule da geschafft, deshalb bin ich durchaus voller Bewunderung, was sie da leistet – in der Stadt, die niemals schläft. Vielleicht sollte ich den Rollstuhl entführen und wir spielen "Ziemlich beste Freunde" am Broadway. Sie könnte dann meine Assistentin spielen. Ja, das wäre ein Traum.

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