Themenwelten Ski & Fun Zahnradbahn auf Skiern

Skitour im Allgäu mit Udo Zehetleitner, dem dienstältesten Bergführer - die AZ fuhr mit.

 

Vielleicht liegt es am nebligen Morgen, dem feuchten Schnee und der angespannten Lawinenlage. Oder einfach nur daran, dass sich in unserer Gruppe von 40- bis 50-Jährigen nur Thilo, Bruno und Uli, drei Skitourenfreunde aus Marburg, kennen. Jedenfalls fremdelt es ein wenig, als wir uns im Gasthof Grüntenblick in Agathazell zur Skitour auf die Grüntenhütte treffen. Wir - das sind Rita aus Augsburg, drei Marburger, ich und Udo Zehetleitner, unser Skitourenführer, 70 Jahre alt und Allgäus dienstältester Bergführer.

Nach einer Stunde Aufstieg über eine aufgelassene, von Bäumen gesäumte Skipiste die erste Pause. Gemeinsames Schweigen und das Gehen in der gleichen Spur scheint zu verbinden. Das Fremdeln ist verflogen, obwohl wir kaum Worte gewechselt haben. Udo trifft die Stimmung, als er eine kleine Ansprache mit „Also, ich bin der Udo…" eröffnet. Er erklärt, dass wegen der Lawinenlage heute nur diese leichtere Tour möglich ist. Unsere Kräfte sollen wir uns trotzdem gut einteilen: „Mit der Kondition ist’s wie mit dem Geld. Wenn man keines mehr hat, kann man auch nicht mehr sparen!"

Über sanfte, wellige Hänge geht es hinauf. Die schnellsten sind wir unter Udos Führung nicht, dafür aber stetig wie eine Zahnradbahn. Egal ob es flacher oder ein wenig steiler wird - Udo steigt mit dem Gleichmut eines Bergführers auf, den die rund 9 Millionen Höhenmeter seiner bald 50 Bergführerjahre eines gelehrt haben: Nicht auf den kurzen Zwischensprint, sondern auf gleichmäßige, rhythmische Ausdauer kommt es an.

Oben in der Hütte zückt Udo seine Schnupftabakdose. Er bietet davon an, aber mitschnupfen möchte niemand. Besser kommen Udos Bergführer-Geschichten an: Vom Kilimandscharo, auf dem er zwei Wochen zuvor noch zum 35. Mal gestanden hat. Oder von der Skitourenausrüstung der 50er und 60er Jahre: Kabelzugbindungen und zum Aufsteigen Waschbärenfelle, die alle paar hundert Höhenmeter neu am Ski fixiert werden mussten. „Und trotzdem sind wir schon damals richtig lange Touren gegangen."

Vor der Abfahrt steigen wir auf der Piste der Grüntenlifte noch ein wenig Richtung Gipfel auf. Vor dem eingewehten, überwächteten Gipfelhang ist Schluss: zu riskant. Wir fellen ab und machen uns an die Abfahrt durch den Pulverschnee, der oben noch locker und leicht, weiter unten immer schwerer wird. Der älteste Skifahrer unserer Gruppe ist zugleich der beste: Udo - im Aufstieg eben noch Zahnradbahn - wedelt durch den Pulver wie ein spritziges junges Schneekaninchen. Zwischendurch gibt er Tipps: Thilo würde sich mit weniger Rücklage leichter tun, ich soll weniger mit den Stöcken herumfuchteln.

Am Abend besuche ich mit Udo das Skimuseum in Fischen: Im Heimathaus, einem Bauernhaus aus dem 17. Jahrhundert, sind nicht nur jene Waschbärenfelle ausgestellt, von denen Udo erzählt hat. Zu sehen ist alles, was mit der Entwicklung des Skilaufs zu tun hat: Von einer Replika des ältesten bekannten Skis - einem 4500 Jahre alten Holzbrett aus einem schwedischen Moor - bis hin zu den Hi-Tech-Skiern, mit denen wir heute über Kunstschneepisten carven. Zwischen all den Plakaten, Fotos und historischen Skibindungen steht in einer Ecke auch eine Puppe mit der Ausrüstung und Uniform eines Ski-Postboten der „Königlich Bayerischen Postexepedition Fischen im Allgäu“. Im 19. Jahrhundert trug er zweimal die Woche die Post auf Skiern bis nach Balderschwang aus. Der Mann war bis zu 15 Stunden unterwegs.

Nicht einmal halb so lang sind wir - Udo, ich und eine neue, siebenköpfige Gruppe - am nächsten Morgen auf Tour. Eigentlich sollte es vom Oberstdorfer Skigebiet am Nebelhorn auf den „Daumen", einen Allgäuer Skitourenklassiker gehen. Aber das geht an diesem Tag nicht - zu hoch die Lawinengefahr. Also steigen wir vom Ostertal sanft ansteigend über verschneite Wiesen und waldige Durchschlupfe auf das Rangiswanger Horn. Es gehört zur Hörnergruppe, wo in den 50er Jahren Zugladungen von Skitourengehern mit Holzskiern, Lodenkleidung und Knickerbockern unterwegs waren.

Ähnlich stark besucht ist die Hörnergruppe auch heute. Mit uns starten ungefähr vier andere Gruppen gleichzeitig in den ersten Hang. Die Folge: Ein großes Durcheinander von sich kreuzenden Skitourengehern, die alle paar Meter das Tempo wechseln. Udo gefällt das nicht: Wir sollen doch bitte versuchen, als Gruppe gleichmäßig im Rhythmus zu gehen.

Gelegenheit dazu bietet ein flacher, beinahe ebener Weg, dem wir etwa eine Stunde folgen. Dicht aufeinander, mit ganz wenig Abstand, aber ohne dem Vordermann auf die Skienden zu steigen, folgen wir Udo in seinem gleichmäßigen Zahnradbahntempo. Bei der nächsten Pause lässt er sich sogar zu einem Lob hinreißen: „So und nicht anders wird aufgestiegen!“

Danach kommt kurz die Sonne heraus. Zum ersten Mal öffnet sich der Blick: Auf das Tal, aus dem wir aufsteigen, auf unser Ziel, den Kamm der Hörnlegruppe, auf eine Gruppe von knapp zwanzig Schneeschuhgehern, die gerade vom Weiherkopf herabsteigen. Leider wird es vor dem Gipfel wieder neblig. So neblig, dass ich den Gipfel und die vielen Tourengeher, die sich dort tummeln, erst auf den letzten Metern bemerke.

Die anschließende Abfahrt ist steiler und spannender als die vom Vortag, der Schnee allerdings schwerer, was einige Stürze verursacht. Sogar Udo setzt es beim Abschwingen einmal in den Hang. Das komme alle 500.000 Höhenmeter bestimmt nur einmal vor, witzeln wir anerkennend, als sich der Mann mit den neun Millionen Höhenmetern vom Schnee befreit.

Den letzten, arg durchpflügten Hang fahren wir am Ende so chaotisch und wild wie wir ihn am Morgen erstiegen haben: Jeder fährt da, wo er glaubt noch unverspurten Schnee erhaschen zu können. Beim Parkplatz treffen wir uns wieder: Die Tourenneulinge, die 600 Höhenmeter zuvor noch Angst vor dem Tiefschnee hatten. Und diejenigen, denen am Morgen 600 Höhenmeter noch zu läppisch vorkamen. Am begeistertsten ist Moni nach ihrer ersten Skitour. Am liebsten würde sie die von Udo geliehene Ausrüstung kaufen. Sofort! Geht aber nicht. Udo hat sie auch nur geleast. Außerdem will er erst einmal einkehren. Die Schnupftabakdose ruft.

Claus Lochbihler

 

0 Kommentare