Theaterstück über die NSU-Morde Die andere Wirklichkeit

Die Schauspieler Paul Wolff-Plottegg, Gunther Eckes, Demet Gül (von links) im Stück "Urteile". Foto: Thomas Dashuber

Christine Umpfenbach geht in ihrer Inszenierung „Urteile“ im Marstall der Frage nach, wie die NSU-Morde so lange falsch interpretiert werden konnten und was dies für die Opferfamilien bedeutet

 

Die Polizei vermutete die "Türken-Mafia", die Medien berichteten von "Döner-Morden", doch beim soeben laufenden NSU-Prozess am Münchner Oberlandesgericht diagnostizierte eine Anwältin "institutionellen Rassismus". Die Mörder von zehn Kleinunternehmern mit türkischem und griechischem Familienhintergrund kamen nicht aus dem sozialen Umfeld der Opfer, auf den sich die Ermittlungen über Jahre hinweg beschränkten, sondern aus dem Nationalsozialistischen Untergrund. Christine Umpfenbach hat über ein Jahr hinweg Interviews mit Betroffenen geführt und zum Schauspielprojekt „Urteile" montiert.

Auch sie beschäftigt sich mit der Umgebung der Opfer: Vor allem kommen die Hinterbliebenen zu Wort, die verdächtig waren, in die Morde verstrickt zu sein und damit ein weiteres Mal zu Opfern wurden. Dabei fokussiert sich Umpfenbach auf die beiden Münchner Fälle. Im Marstall symbolisiert ein umgedrehter Baum, der seine Wurzeln der Decke entgegenreckt, die Heimatlosigkeit der Ehefrau, des Bruders, der Schwiegermutter. Die Schauspieler Demet Gül, Gunther Eckes und Paul Wolff-Plottegg gleiten mit einfühlsam eindringlichem Spiel nicht nur durch die Familienbanden, sondern geben auch der Schuldirektorin der Tochter von Habil Kiliç oder dem Großmarkthändler, bei dem Theodoros Boulgarides arbeitete, Charakter und Stimme.

Die Journalistin und der Polizeireporter hingegen scheinen eher den Medienvertretern nachempfunden, die die Fernsehkommissare im "Tatort" nerven, als dem richtigen Leben. Und da die Mordkommission sich der Befragung entzog, übernimmt die Polizei nur eine Statistenrolle: Die beiden mürrischen Uniformierten sind Komparsen, die Polizeipräsenz nur spielen.
Zwar ist das Gut-Böse-Schema mit allzu lehrstückhafter Schlichtheit gestrickt, doch hier finden die Opfer der Serienkiller einen Ort, an dem sie sympathiegetragene Aufmerksamkeit für ihre Ängste und das alltägliche Missverstandensein bekommen. Und der Zuschauer ertappt sich dabei, nach dem fremdenfeindlichen Spießer in sich selbst zu fahnden. Mehr geht nicht für ein Theater, das sich als moralische Anstalt begreift.

Marstall, wieder am 16. April, 18., 26. Mai, Karten unter Tel. 21 85 19 60

 

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