Theater Verhängnis voller Affären

In der bayerischen Irrenanstalt gelandet: Jörg Ratjen (M) in der Rolle des eingebildeten Franz Josef Strauß. Foto: dpa

Regisseur Stephan Rottkamp weiß mit Albert Ostermaiers FJS-Farce „Halali” im Cuvilliéstheater nichts anzufangen

Der 3. Oktober im Jahr 1988 war noch kein Nationalfeiertag. Er ist der Todestag von Franz Josef Strauß. Die DDR war zwar politisch der natürliche Feind des umtriebigen CSU-Parteichefs, was ihn aber nicht daran hinderte, mit dem anderen Deutschland lukrative Geschäfte zu machen. Der Milliarden-Kredit für eine Kommunisten-Clique ist allerdings nur eines der sagenhaften Polit-Abenteuer im skandalumwitterten Leben des Bayern-Zampanos – und ist eines der wenigen Themen, die nicht durch die FJS-Revue von Albert Ostermaier purzeln.

Vier Hirsche in Schlachterschürzen

Dafür sind Starfighter-, Spiegel-, Wienerwald-, Pinochet- oder Bäder-Affäre, auch die Große Koalition mit Plisch (Wirtschaftsminister Strauß) und Plum (Finanzminister Karl Schiller) und manches mehr Stoffe für die sogenannte Farce, mit deren Uraufführung die Staatsschauspiel-Intendanz von Martin Kušej im Cuvilliéstheater eröffnet wurde. Der Start von „Halali” ist stark: Vier Hirsche in blutverschmierten Schlachterschürzen erinnern an die Jagdleidenschaft des Metzgersohns. Zunächst flüsternd vor Todesangst rezitieren sie im Chor das waidmännisch korrekte Zerlegen von Wildbret, um sich bald in einen wahren Blutrausch hineinzusteigern. Dann öffnet sich der Vorhang und gibt den Blick frei auf einen folkloristisch kitschigen Nachbau der Logen im Rokoko-Theater (Bühne: Robert Schweer).

Starker Anfang, schneller Sturz

Ab sofort befindet sich die Inszenierung von Stephan Rottkamp im freien Fall. Sicherheitshalber hatte Ostermaier schon im Vorfeld bekannt, dass die Figur des FJS vom Kabarett besetzt sei. Deshalb lässt er den Ministerpräsidenten und mehrfachen Bundesminister nicht persönlich auftreten, sondern einen Verrückten, der sich für Strauß hält und als „Plisch” in der Nervenheilanstalt behandeln lässt (betont unauffällig: Jörg Ratjen). Unter den Mitpatienten trifft er auf Plum (verschmust: Michele Cuciuffo), den Strauß-Filius Max (füllig trachtig: Oliver Nägele) und den Journalisten Stiller (Wolfram Rupperti). Das Desinteresse Rottenkamps an all dem entfaltet die Desorientiertheit von Ostermaiers Wundertüten-Dramaturgie erst völlig.
Je länger der Abend auf dem Niveau eines entglittenen Wiesn-Besuchs langweilt, desto tiefer wird die Sehnsucht nach den extrascharfen CSU-Beleidigungen Dieter Hildebrandts oder dem Brettl-Künstler Helmut Schleich, der zur Zeit als untoter Strauß den Maßstab setzt. Bei Urban Priol und Frank-Markus Barwasser könnte man in der ZDF-Show „Neues aus der Anstalt” auch noch lernen, wie der Klapsmühlen-Topos peinlichkeitsfrei funktioniert. Nur Sibylle Canonica gelingt es mit den Monologen der Chefärztin Elektra, so etwas wie Theater vorzutäuschen. Die gute Nachricht: Die Saison im Cuvilliéstheater kann nur besser werden.

Cuvilliéstheater, 18., 19. 26. bis 29. Oktober, 1., 2. November, 20 Uhr, Tel. 21851940

 

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